| Xenophanes
von Kolophon
(ca. 570 v.Chr. – ca. 470 v.Chr.)
Lebenslauf,
"naturwissenschaftliche" Erkenntnisse und Erkenntnistheorie
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Die
Lebensdaten von Xenophanes lassen sich recht genau bestimmen, weil
sie mit dem Krieg zwischen Lydien und dem persischen Reich zusammenhängen.
Der Stadtstaat Kolophon selbst gehörte zum "Ionischen
Städtebund" und wurde nach seiner Unterwerfung durch Lydien
ein Teil des lydischen Reiches. Lydien verlor aber den angezettelten
Krieg gegen die Perser und hörte damit auf, als Staat zu existieren.
Somit wurde Kolophon im Jahr 545 vor Christus von den Persern übernommen.
Xenophanes selbst gab nun an, dass er im Alter von 25 Jahren mit
seinen Söhnen aus seiner Heimatstadt flüchten musste.
Den Grund dafür weiß man nicht genau, aber vermutlich
hat er die neuen Besatzer heftig beschimpft. Denn Xenophanes war
in erster Linie ein Dichter und Sänger, dessen Spottverse (Sillen)
und Schmählieder überall gefürchtet waren. Die Lyder
ließen sich noch ungestraft veralbern, ihre Besatzungszeit
war eigentlich recht mild. Mit den Persern konnte man das aber nicht
mehr machen, sie griffen eisenhart durch. Wer seine Zunge nicht
im Zaum hielt, musste sich aus dem Staub machen, wenn er nicht äußerst
hart bestraft werden wollte (Kerker, Versklavung, Tod). Xenophanes
verließ Kolophon also im Jahr 545 vor Christus im Alter von
25 Jahren, so dass er ungefähr 570 vor Christus als Sohn von
Dexios oder aber Orthomenes geboren wurde. Zudem versicherte Xenophanes,
dass er anschließend 67 Jahre lang durch die Welt gezogen
sei. Damit ist er also mindesten 92 Jahre alt geworden. Da er nicht
gleich nach diesen Angaben gestorben sein wird, nimmt man bei ihm
ein Lebensalter von 100 Jahren an und kommt so auf sein Todesjahr.
Das Leben Xenophanes' nach seiner Flucht aus Kolophon in die westlichen
Kolonien des alten Griechenlands war extrem hart. Zunächst
starben seine Söhne. Dann wurde er von Piraten gekapert und
als Sklave verkauft. Zu seinem Glück kauften ihn die Philosophen
Parmeniskos und Orestades wieder frei. Seine Retter waren übrigens
Anhänger von Pythagoras. Im Anschluss durchwanderte Xenophanes
viele verschiedene Städte, vor allem auf Sizilien (heute: Italien).
Seine Stationen hießen hier Agrigent, Catania, Syrakus und
Zankle (heute: Messina). Auch auf der kleinen italienischen Insel
Lipari und auf Malta soll er gewesen sein, vermutlich sogar in Ägypten.
Das waren nun alles andere als Forschungsreisen. Im Gegensatz zu
seinen Vorgängern unter den Philosophen stammte Xenophanes
nämlich nicht aus einer reichen Familie, sondern er musste
sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Er schlug sich zur
Hauptsache als Vortragender von Gedichten in reichen Häusern
durchs Leben. Sein Repertoire umfasste natürlich die Verse
des Homer. Erst wenn auf den Veranstaltungen genügend Wein
geflossen war, konnte er auch seine eigenen Spottverse und Schmählieder
vortragen, mit denen er sich vor allem über Hesiod, Epimenides
und Pythagoras lustig machte. Hesiod war ein Schriftsteller, der
Gedichte über das angebliche Leben und Wirken der griechischen
Götter verfasste. Epimenides, der legendäre Priester und
Seher, reinigte angeblich durch ausgesuchte Künste und seine
durch einen 57-jährigen Schlaf erlangte Heiligkeit Athen von
seinen Sünden. Man glaubte sogar, dass er seine Seele auf ausgedehnte
Reisen schicken konnte, ohne seinen Körper mitzunehmen. Hesiod
und Epimenides waren also Vertreter des Götterglaubens der
Volksreligion, den Xenophanes ablehnte. Konsequenterweise hätte
er übrigens auch Homer dafür angreifen müssen. Aber
sein ihn bezahlendes Publikum wollte genau dessen Verse hören,
ohne irgendwelche kritische Anmerkungen. Mit anderen Worten: Hätte
Xenophanes den alten Homer verspottet, so hätte er in die ihn
fütternde Hand gebissen. Die Begründung für seine
Ablehnung der herrschenden Religion und die Ausformulierung seines
neuen Gottesbildes findest DU unter dem folgenden
Link:
Trotz seines durchaus beschwerlichen Lebens verlor Xenophanes nie
seinen Humor. Als ihm jemand davon erzählte, dass er in warmem
Wasser lebende Aale gesehen hatte, entgegnete er diesem: "Dann
wird man diese wohl in kaltem Wasser kochen müssen." Und
er legte auch das Selbstbewusstsein eines modernen Intellektuellen
an den Tag. Er beklagte sich nämlich stark darüber, dass
der Ruhm der damaligen Spitzensportler höher war als der von
Philosophen. Seiner Meinung nach musste dieses genau umgekehrt sein,
da die Geisteskraft (Weisheit) höher einzuschätzen sei
als bloße Körperkraft. Dazu muss man wissen, dass die
Sportbegeisterung der antiken Griechen geradezu sprichwörtlich
war. Von großen Athleten, die mehrfach über Jahre hinweg
in den wichtigen Wettkämfen siegten, sprach man noch nach Jahrhunderten.
Nicht minder berühmt waren die so genannten Periodoniken, die
in einem Jahr bei allen vier "Heiligen Spielen" (Olympia,
Isthmos, Nemea, Delphi) gewonnen hatten. Diese Sieger wurden in
ihren Heimatstädten teilweise sogar zu richtigen Halbgöttern
ernannt. Also, der Philosoph Xenophanes neigte hier sicherlich nicht
unbedingt zur Bescheidenheit! Nach all seinen Reisen mit Irrungen
und Verwirrungen gelangte er schließlich irgendwann nach Elea,
einer Stadt auf dem südlichen Festland des heutigen Italiens.
Hier ließ er sich endgültig nieder und wirkte am Aufbau
der so genannten "eleatischen Schule" mit. Unter anderem
wurde er hier der Lehrer von Parmenides, dem bekanntesten Vertreter
dieser philosophischen Ausrichtung. Den Rest seines Lebens verbrachte
er wahrscheinlich in einem mäßigen Wohlstand, zumindest
konnte er sich die Haltung eines Sklaven leisten.
Geschichtlich betrachtet bildet Xenophanes das Bindeglied zwischen
dem milesischen Denken (Thales, Anaximander, Anaximenes) und den
Eleaten (Parmenides, Zenon). Er selbst scheint keinen ausdrücklichen
Lehrer gehabt zu haben, auch wenn er Anaximander noch "live"
gehört hat. Neben seinen Spottversen und Schmähliedern
verfasste er noch mehrere Gedichte. Bei zwei von ihnen geht es um
historische Inhalte (Gründung Kolophons und Eleas), die anderen
drücken seine philosophischen Gedanken aus. Sie beziehen sich
auf drei Bereiche: Theologie (siehe "metaphysische Vorstellungen),
Naturerscheinungen und Erkenntnistheorie. In seinen Betrachtungen
über die Natur reduziert er ehemals göttliche Gestalten
(Sonne, Mond, Regenbogen) auf natürliche Erscheinungen. Das
ist auch wirklich das einzig Positive, was man zu diesem Bereich
sagen kann. Ansonsten bleibt er mit seinen Erklärungsversuchen
weit hinter dem Erkenntnisstand seiner Vorgänger zurück.
Oder um es ganz deutlich zu sagen: Das ist alles ein zusammenhangloser
Schrott! Die wahrnehmbaren Erscheinungen entwickelten sich laut
Xenophanes aus der Erde und werden letztlich auch wieder zu Erde
vergehen, bevor sie dann erneut daraus hervorgehen (zyklisches Weltgeschehen).
Derzeit besteht aber alles aus Erde, Wasser und deren Vermischung
(Schlamm). Aus dem Wasser der Erde entstehen durch Verdunstung die
Wolken am Himmel, aus denen alle Himmelserscheinungen hervorgehen.
Der Regenbogen besteht aus bunten Wolken, alle Gestirne (auch der
Mond) sind glühende Wolken in Kugelform und ein Blitz kommt
durch die Bewegung der Wolken zustande. Die tägliche Sonne
bewegt sich von Ost nach West auf einer geraden Linie ins Unendliche,
um im Unbekannten des Kosmos' zu erlöschen. Ihre vom Menschen
wahrnehmbare Kreisbahn ist in Wirklichkeit nur eine optische Täuschung
in Folge ihrer zunehmenden Entfernung. Die Sonne entsteht an jedem
Morgen neu, die Zeit zwischen dem Ausgelöschtsein und der Neuentstehung
wird als Nacht angesehen. Die Erde selbst wurzelt an ihrer Unterseite
im Unendlichen. Na, hast DU aus diesen Betrachtungen irgendetwas
gelernt? Sicherlich nichts weiter, als dass auch große Philosophen
blanken Unsinn von sich geben können. Aber das sei Xenophanes
verziehen! Man geht nämlich davon aus, dass diese Aussagen
über die Natur seinem frühen Denken zuzuordnen sind, bevor
er das Göttliche zum Zentrum seines Nachdenkens machte.
Im Bereich der so genannten Erkenntnistheorie sind Xenophanes' Auffassungen
hingegen auch für die heutige Zeit noch sehr bemerkenswert.
Dabei geht es vor allem um die Untersuchung, von welchen Dingen
der Mensch überhaupt wirklich sichere Erkenntnisse erlangen
kann. Hierzu bemerkt er: "Kein Mensch weiß etwas Zuverlässiges
und niemals wird es jemand geben, der es in bezug auf die Götter
und alle (metaphysischen) Dinge, über die ich spreche, weiß."
Was meinte Xenophanes damit? Ganz einfach: Das Göttliche und
die metaphysischen Dinge sind mit unseren Sinnesorganen nicht wahrnehmbar
und genau deshalb liegen sie außerhalb des gesicherten Wissens.
Deshalb muss man auch bei der Einschätzung der Zuverlässigkeit
von Aussagen über diese Sachverhalte sehr skeptisch sein. Denn
sie basieren lediglich auf mehr oder minder vernunftbegründeten
Vermutungen, sind also nichts als Wahrscheinlichkeiten. Mit seiner
gelehrten Erkenntnisbescheidenheit wurde Xenophanes quasi zum Vater
aller Skeptiker in der Wissenschaft. Nun wird auch deutlich, warum
er den Philosophen Pythagoras so heftig in seinen Versen verspottete.
Er lehnte natürlich dessen Lehren ab, weil Pythagoras sich
im Vollbesitz der großen Wahrheit glaubte. Gleichzeitig lehrte
Xenophanes, dass alle Theorien stets verbesserungsfähig sind.
"Die Götter haben den Menschen durchaus nicht gleich am
Anfang alles enthüllt, sondern im Lauf der Zeit suchen und
finden sie Besseres hinzu." Die Unzuverlässigkeit des
menschlichen Wissens wird zum Ansporn für den Menschen gemacht,
selbst immer genauer nachzuforschen und das für richtig Befundene
voerst als verläßliche Erkenntnis festzuhalten, bis es
etwas Besseres gibt. Das gilt natürlich nicht nur für
alle Aussagen über das Göttliche und die metaphysischen
Dinge, sondern auch und vor allem für die Verbesserung des
Wissens über die wahrnehmbaren Erscheinungen in der Natur.
Und tatsächlich geht man in der modernen Physik genau in dieser
Weise vor! Eindeutig betonte Xenophanes: Der Fortschritt in den
Erkenntnissen ist nur von der menschlichen Anstrengung und der Zeit
abhängig, nicht von einer göttlichen Offenbarung. In diesem
Fragment haben wir es also mit der ersten Formulierung des Fortschrittsgedankens
in der griechischen Literatur und der Geschichte der Wissenschaften
zu tun.
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