Die Vorsokratiker

Linie

Vereinfacht gesagt: Als Vorsokratiker bezeichnet man solche Philosophen, die vor der Zeit des Sokrates (ca. 470 v.Chr – 399 v.Chr.) im so genannten vorklassischen Zeitalter gewirkt haben. So ganz stimmt diese recht einfache Erklärung aber leider nicht. Denn es gibt durchaus auch Philosophen, die noch nach Sokrates gelebt haben und trotzdem in diese Gruppe fallen. In Wirklichkeit geht es bei der Einteilung um den Grad der Wissenschaftlichkeit bei der Suche nach Erkenntnissen. Und genau hier kommt es mit Sokrates zu einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Philosophie. Darauf kommen wir später zurück.

Für alle Vorsokratiker gilt, dass sich deren Lebensdaten nicht zuverlässig bestimmen lassen. Außerdem ist tatsächlich keine einzige Schrift von ihnen erhalten. Was man die Fragmente der frühgriechischen Philosophie nennt, sind in Wirklichkeit nur Zitate kleinerer oder größerer Textpassagen aus Werken, die irgendwann verloren gingen. Es handelt sich also nicht um wirklich existierende Schriftstücke, etwa von der Art der gefundenen Schriftrollen von Qumran oder Nag-Hammadi, die viel zum Verständnis des frühen Christentums beitragen. Und noch etwas haben alle Vorsokratiker gemeinsam: Die Kühnheit, mit der sie bisher nie gestellte Fragen stellen. Dabei schrecken sie in ihrem Denken absolut vor keiner Konsequenz zurück. Die vorsokratische Philosophie selbst gliedert sich in zwei ganz verschiedene Zeiträume. Zunächst (von ca. 600 v.Chr. bis ca. 450 v.Chr.) war der alles beherrschende Gegenstand des Denkens die umgebende Natur. Die Naturphilosophen dieser vorattischen Periode strebten danach, alle Dinge und alles Geschehen in der Natur zu verstehen. Dabei suchten sie erstmals nach Gründen, die in der Sache selbst und nicht in außerweltlichen Mächten (Göttern) liegen. Ziel ihrer Untersuchungen war also das Auffinden einer immer geltenden, verlässlichen Ordnung. Die Suche danach führte sie bis zu den letzten und tiefsten Fragen der Metaphysik. Denn die Naturphilosophen waren selbstverständlich von der Einheitlichkeit der Natur fest überzeugt. Daher musste es natürlich auch ein einziges Urprinzip (Urstoff, Urgrund) geben, auf dass sich alles mit den Sinnen wahrnehmbare Seiende (Dinge, Erscheinungen und Wandel) zurückführen lässt. Letztlich wollten die Naturphilosophen wissen, was den ganzen Kosmos im Innersten als eine Einheit zusammenhält. Dabei hatten sie den Anspruch, die Erkenntnisse über das wahre Wesen der Wirklichkeit ausschließlich durch Denken in rein vernünftiger Einsicht zu erfassen. Über die Anzahl der Philosophen jener Zeit darf man sich nichts vormachen. Hier geht es nur um wenige Privatleute, die sich mit ihren metaphysischen Ansichten einem Kreis von Anhängern und Freunden widmen konnten, ohne damit ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Denn sie waren fast alle mehr oder minder reich. Und keiner von ihnen schaffte es, die Kultur seiner Zeit entscheidend zu prägen. Denn trotz ihrer überaus scharfsinnigen Gedanken zweifelten die meisten Griechen der Antike nie ernsthaft an die Existenz ihrer Götterwelt.


Mann und Frau


Bei der zweiten Gruppe der Vorsokratiker (von ca. 450 v.Chr. bis ca. 400 v.Chr.) sah das alles ganz anders aus. Die Vertreter dieser Richtung wurden als Sophisten (Lehrer der Weisheit) bezeichnet. Im Gegensatz zu den Naturphilosophen lebten diese von ihrem Wissen, indem sie als professionelle Wanderlehrer ihre Schüler gegen Zahlung eines hohen Honorars in solchen Fächern (z.B. Redegewandtheit) unterrichteten, mit denen man sich erfolgreich im öffentlich-politischen Leben durchsetzen konnte. Inhaltlich stellten die Sophisten erstmals den Menschen in den Mittelpunkt philosophischer Überlegungen. Dabei ging es sowohl um die Werte des individuellen Handelns als auch um die Stellung des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Die Sophisten strebten bewusst danach, das Denken der Menschen von der Herrschaft überlieferter Traditionen und religiöser Bräuche zu befreien. Die sophistische Bewegung wird daher auch als "Zeitalter der antiken Aufklärung" bezeichnet. Die Basis ihrer Lehre bezogen die Sophisten aus einer äußerst kritischen Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Erkennens. Letztlich wollten sie herausfinden, was denn der menschliche Verstand in Bezug auf seine Fähigkeit zur Gewinnung von Erkenntnissen tatsächlich leisten kann. Damit können die Sophisten mit Recht als Begründer der Erkenntnistheorie betrachtet werden. Sie kamen dabei zu dem überaus folgenschweren Schluss, dass es überhaupt keine objektive Wahrheit gibt. Deshalb betrachteten sie alles menschliche Wissen nur noch als die subjektive Meinung einzelner Menschen. Wahrheit war für die Sophisten das, was der Einzelne für die Wahrheit hielt. Die ganz persönlichen Vorstellungen jedes Einzelnen über die Wirklichkeit sollten nach der sophistischen Lehre zur Grundlage der eigenen Lebensführung werden. Der Unterricht der Sophisten stellte somit eine Art von Hilfestellung beim Beschreiten dieses individuellen Weges dar. Die sophistische Bewegung bekam schnell einen äußerst schlechten Ruf, besonders bei anderen Philosophen. Zum einen wurde kritisiert, dass die Sophisten kein Interesse an der objektiven Wahrheit zeigten, sondern ihr Hauptaugenmerk allein auf den praktischen Erfolg ihrer Schüler legten. Zudem wurden die Sophisten als skrupellose Individuen ohne Ideale bezeichnet, die nicht zwischen dem moralisch Guten und dem moralisch Bösen unterschieden. Dieser Vorwurf war sicherlich nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich lehrten viele Sophisten der zweiten Generation, dass man mit großem Geschick in der Überredungskunst jedes beliebige Ergebnis herbeiführen könne. Während die Naturphilosophen noch heute eine hohe Achtung genießen, werden die Leistungen der Sophisten in den meisten Werken zur Philosophiegeschichte nur kurz und recht beiläufig erwähnt. So ist das auch auf unseren Seiten. Immerhin haben wir einen triftigen Grund dafür. Er besteht in der Überzeugung der Sophisten, dass man grundsätzlich keine Erkenntnisse über die metaphysischen Dinge gewinnen kann. Entsprechend lieferte die ganze sophistische Bewegung natürlich auch keinen einzigen Beitrag zur Metaphysik, um die es auf unseren Seiten nun aber einmal hauptsächlich geht.

Philosophie


Mit dem Auftauchen von Sokrates kam es zu einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Philosophie. Dieser folgte weniger aus seinen einzelnen Erkenntnissen, sondern vielmehr durch seine neuartige Vorgehensweise bei der Wahrheitssuche. Denn im Gegegensatz zu den als Vorsokratiker bezeichneten Naturphilosophen und Sophisten entdeckte Sokrates etwas ganz Grundsätzliches in der Wissenschaft und erhöhte dadurch den Grad der Wissenschaftlichkeit bei der Suche nach Erkenntnissen. Seine Methode stellen wir DIR etwas später noch genauer vor. Wichtig ist erst einmal, dass seit Sokrates nur noch das als gesichertes Wissen gilt, was sich durch seine Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit rechtfertigen lässt.

Sokrates' Lehre hatte oberflächlich betrachtet eine gewisse Ähnlichkeit mit den Lehren der Sophisten, von seinen zeitgenössischen Gegnern wurde er sogar zu dieser Gruppe gerechnet. Wie bei den Sophisten traten auch bei Sokrates Fragen der praktischen Lebensführung des Menschen in den Vordergrund. Dieses Interesse am Menschen war also durchaus nicht neu! Der entscheidende Unterschied zu den Sophisten bestand darin, dass Sokrates das moralische Bewusstsein des Volkes auf ein höheres Niveau heben wollte. Dabei ging er von der Annahme aus, dass es einen in jedem Menschen vorhandenen, gleichen moralischen Kern gibt (Ethik). Dieser ethische Wesenskern galt Sokrates als objektives Kriterium dafür, was als moralisch gut oder böse anzusehen ist. Entsprechend sah er natürlich seine Aufgabe darin, diesen Kern zu entdecken und dadurch eine allgemeingültige Ethik zu begründen. Damit stand er im krassen Widerspruch zur sophistischen Lehre, nach der nicht zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann, weil alle moralischen Werte nur eine relative Bedeutung besitzen. Bei Sokrates' Philosophie ging es also in erster Linie um die ethische Frage, wie der Mensch leben soll, damit er wahrhaft glücklich wird (Eudaimonie). Denn alle Menschen sind von Natur aus auf der Suche nach diesem Zustand. Für Sokrates war es natürlich klar, dass das wahre Glück des Menschen keine Folge von äußeren Umständen (Reichtum, Macht, Ansehen) ist, sondern nur durch eine konsequente Lebensweise entsteht, die der Natur der menschlichen Seele entspricht. Der Schlüssel zur Erkenntnis der ethischen Grundsätze und damit zum menschlichen Glück lag für Sokrates in der Erkundung des eigenen Selbst. Sobald jemand die Grundsätze des Guten erkannt hat, richtet er sein Leben danach aus, weil niemand gegen seine innerste Natur handeln kann. Für Sokrates war es undenkbar, dass ein Mensch sich freiwillig schädigt, indem er den in sich ruhenden Frieden seiner Seele durch unrechte Handlungen zerstört. Mit anderen Worten: Das Wissen des Guten fällt für ihn mit dem Tun des Guten zusammen, die Selbsterkenntnis führt zwangsläufig zur Selbstverwandlung. Nach dieser doch sehr optimistischen Überzeugung entsteht alles Böse auf der Welt also nur aus dem Mangel an Einsicht in die eigene Natur. Alle Verfehlungen basieren demnach auf gedanklichen Irrtümern, die es zu korrigieren gilt. Der Gedankengang ist nicht von Sokrates gefunden worden, sondern er stammt ursprünglich von Prodikos, der mit dieser Ansicht unter den Sophisten eine Außenseiterposition einnahm. Die wichtigste Aufgabe eines Philosophen bestand für Sokrates in der erzieherischen Belehrung der Menschen, um ihnen bei der Entwicklung ihres Charkters zu helfen, so dass jeder Einzelne nach Maßgabe der Vernunft moralisch richtig handeln kann.

Auch den Glauben an die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit hatte Sokrates durchaus mit den Sophisten gemeinsam, eine weitere Ähnlichkeit. Vor allem lehnten alle diese Philosophen die metaphysischen Erkenntnisse der Naturphilosophen als Scheinwissen strikt ab. Sokrates begründete seine Ablehnung der Metaphysik mit dem Hinweis, dass ein Wissen über solche Geheimnisse allein den Göttern zugänglich sei, dem Menschen aber verschlossen bleiben müsse. Daneben basierte die ganze sophistische Lehre auf der überaus kritischen Haltung ihrer Vertreter gegenüber allen überlieferten Traditionen, religiösen Bräuchen und übernommenen Vorstellungen. Das ganze vermeintliche Wissen wurde einer unbarmherzigen Untersuchung unterzogen. Als Ergebnis kam heraus, dass es sich bei den scheinbaren Gewissheiten nur um subjektive Meinungen handelte. Bis hierhin stimmte Sokrates mit den Sophisten überein. Der Unterschied zu ihnen trat erst bei den Schlussfolgerungen auf, die jeweils aus diesem Wissen gezogen wurden. Die Sophisten behaupteten, dass es überhaupt keine objektive Wahrheit gibt. Sokrates hingegen unterschied zunächst zwischen dem theoretischem Wissen (Metaphysik) und dem praktischem Wissen (Ethik). Während er den Sophisten im Bereich des theoretischen Wissens mehr oder minder recht gab, lehnte er die Übertragung ihrer Schlussfolgerung auch auf das praktische Wissen natürlich ab. Sokrates sah seine philosophische Aufgabe darin, den methodischen Weg zum wahren "Wissen" freizulegen. Dabei verstand er unter Wissen keine endgültigen Erkenntnisse, sondern eine lebenslange Suche nach der Wahrheit, ohne dass man diese jemals erreichen kann. Nach Sokrates konnte das ständige Streben nach Weisheit den Wissensstand der Menschen nur immer weiter verbessern. Das vollendete Wissen würde man jedoch wegen der Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes nie erreichen. Diese Weisheit blieb allein dem Göttlichen vorbehalten. Damit brachte er ein neues Ideal der Wahrheitssuche hervor, dass von einer intellektuellen Bescheidenheit geprägt ist. Und genau so ist auch sein berühmtester Satz zu verstehen:


"Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Philosophie
Die Erkenntnis der aktuellen Unwissenheit war der Startpunkt für die Überwindung gängiger Vorstellungen, die den Zugang zu den wahren Einsichten verdunkelten. Und genau hier setzte das völlig Neuartige und so Bedeutsame an, dass man bei Sokrates eine klare Grenze zu den Vorsokratikern ziehen kann. Ihm allein muss nämlich die Entdeckung der induktiven Methode und die begriffliche Bestimmung des Allgemeinen als Leistung zugeschrieben werden. Ganz praktisch ging das etwa folgendermaßen ab: Sokrates trifft auf den Straßen Athens zufällig irgendeinen Menschen, den er in ein Gespräch verwickelt. Bei der Diskussion geht es um die Lösung eines Problems, wobei Sokrates seinen Gesprächspartner zunächst durch seine Fragen dazu bringt, dass er seine Unwissenheit eingesteht. Anschließend nähern sich beide gemeinsam durch ein fragendes Suchen (Dialektik) und einer selbstkritischen Innenschau (Reflexion) der Wahrheit an. Das Ziel eines jeden Gesprächs sind allgemeine Begriffsbestimmungen aus dem Bereich der Ethik. Beispielsweise will Sokrates klären, was Tapferkeit genau bedeutet. Dafür bespricht er mit seinem Gegenüber verschiedene Einzelfälle, in denen sich ein Mensch tapfer verhalten hat. Zur Antwort auf die Frage, was in allen Beispielen das Gemeinsame und damit das Allgemeingültige ist, kommt man durch die Ausscheidung der Nebensächlichkeiten. Der letztlich verbleibende Kern macht dann das wahre Wesen einer Sache aus und ist die Definition des gesuchten Begriffes. Man braucht also das mit den Sinnesorganen wahrnehmbare Einzelne, damit man sich an eine Erkenntnis über das nicht mit den Sinnesorganen wahrnehmbare Wesen einer Untersuchungsgegenstandes überhaupt annähern kann. Sokrates hatte als erster Mensch begriffen, dass jedes allgemeingültige Wissen auf die Bildung von Begriffe ganz zwangsläufig angewiesen ist. Genau deshalb hat die Definition der Begriffe für ihn auch die höchste Priorität gegenüber allen anderen Fragen. Der Weg zur Definition führt bei Sokrates vom besonderen Fall zum Allgemeinen, was in der Wissenschaft als induktive Methode bezeichnet wird.


ZURÜCK