Thales von Milet
(ca. 630 v.Chr. - ca. 540 v.Chr.)

Lebenslauf


Thales

 

Thales gilt als Begründer der Philosophie. Leider ist kein einziges Werk von ihm erhalten. Alle Informationen über seine Lehren stammen von späteren Philosophen und Historikern aus der Antike, deren Wissen sich wohl ebenfalls nur auf mündliche Überlieferungen stützte. Das Maß der Zuverlässigkeit dieser Quellen lässt sich heute natürlich nicht mehr restlos feststellen. Auch bleibt unklar, in wieweit es sich hier bereits um Interpretationen der jeweiligen Autoren handelt. Selbst der Lebenslauf des ersten Philosophen bleibt letztlich im Nebel der Geschichte verborgen, denn die vielfältigen Nachrichten über sein Leben und seine Persönlichkeit wurden hauptsächlich in der Form von legendenhaften Anekdoten wiedergegeben, deren tatsächlicher Wahrheitsgehalt durchaus angezweifelt werden kann.

Thales wurde in Milet geboren, nach unterschiedlichen Angaben der verschiedenen Historiker irgendwann zwischen 650 bis 620 vor Christus. Seine Mutter Kleobulina war vermutlich eine Griechin, der Name seines Vaters Examyes lässt entweder auf dessen phönikischen oder aber karischen Ursprung schliessen. Darüber besteht auch in heutiger Zeit keine Einigkeit. Für die phönikische Version der Namensauslegung spricht, dass Thales aus einem vornehmen, alten Handelsgeschlecht stammte, denn die Phöniker vom syrisch-palästinensischen Küstenstreifen kamen als geschäftstüchtige Händler nach Griechenland und ließen sich dort nieder. Für Karien als ursprüngliches Herkunftsland des Vaters kann dagegen die geografische Lage dieser Region angeführt werden, die den Küstenstreifen direkt südlich von Milet umfasst.

Kamel
 

Dank des Wohlstands seiner Familie konnte Thales ein Leben ohne finanzielle Sorgen führen. So unternahm er im jungen Alter erst einmal eine lange Forschungsreise nach Ägypten, Babylonien (heute: Irak) und Phönizien (heute: Syrien). Es ist bekannt, dass Thales auf dieser Reise durch die führenden Gelehrten Ägyptens und Babyloniens in das ganze damals bekannte Wissen über die Mathematik und die Astronomie (Sternenkunde) eingeführt wurde. Als er wieder in die Heimat kam, versuchte seine Mutter gleich, ihn zu verheiraten. Thales lehnte das aber ab und sagte: „Noch ist es nicht Zeit dazu.“ Als er dann älter wurde und die Mutter ihn deshalb immer heftiger bestürmte, erwiderte er ganz trocken: „Nun ist die Zeit dafür vorüber.“ So blieb Thales also unverheiratet. Und er hatte auch keine Kinder. Als er gefragt wurde, warum das so ist, soll er geantwortet haben: „Aus Liebe zu den Kindern.“ Thales war ganz sicher kein 'Fachidiot', sondern eher ein in allen Bereichen sehr nachdenklicher Mensch. So wurde er einmal gefragt, was denn wirklich schwer im Leben sei. Seine Antwort darauf fiel für einen "Naturwissenschaftler" eher verwunderlich aus: "Sich selbst zu erkennen".

Durch seine vielfältigen Beobachtungen und seine theoretischen Überlegungen entwickelte sich Thales im Laufe der Zeit zu einem hoch gebildeten und sehr angesehenen Gelehrten, der auf vielen Gebieten bewandert war. Besonders die Astronomie (Sternkunde), die Meteorologie (Wetterkunde) und die Mathematik hatten es ihm angetan. Das brachte ihm schließlich nicht nur einen Platz unter den legendären „Sieben Weisen“ ein, sondern er wurde sogar deren bekanntester Vertreter. Dabei muss man wissen, dass es etliche von Listen gibt, auf denen die Namen der Weisen aufgeführt werden. Diese stimmen nur bei vier Namen überein: Thales, Pittakos (beliebter Alleinherrscher von Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos), Bias (Richter und Staatsmann aus Priene) und Solon (Gesetzgeber Athens). Die anderen drei Namen wurden je nach Auffassung des Autors hinzugefügt, so dass wir ungefähr auf 20 erwähnte Personen kommen. Manchmal wurde sogar der Name einer wichtigen Persönlichkeit aus der Politik mit in die Liste aufgenommen. Das ist nichts anderes, als wenn DU heute DEINEN Lehrer einschmuggeln würdest, um gute Noten zu bekommen. Der Legende nach stellten die "Sieben Weisen" Grundsätze der praktischen Lebensweisheit auf, die im zentralen Heiligtum aller Griechen in Delphi eingemeißelt wurden. Dank dieser Sprüche drang der Ruf der Weisen trotz der noch fehlenden Massenmedien (TV, Radio, Zeitungen) von Stadt zu Stadt. Ihre Worte dienten den Eltern zur Erziehung ihrer Kinder und sie wurden von den politischen Rednern wie auch vor Gericht stets zitiert, um gehörig Eindruck zu schinden. Auf jeden Fall muss man davon ausgehen, dass fast jeder in der griechischen Welt über das Leben, den Tod und die jeweiligen Wundertaten der Weisen genauestens Bescheid wusste.

Leider ist heute nicht mehr bekannt, welcher der Sprüche mit welchem der Weisen verbunden ist. Lediglich der Satz "Die meisten sind schlecht" wird Bias von Priene zugeordnet. Auf den ersten Blick scheint das ein harmloser kleiner Spruch zu sein. In Wirklichkeit ist dieser Satz aber eines der dramatischten Urteile, das in der griechischen Philosophie je ausgesprochen wurde. Er schlägt wie eine Bombe ein, weil er jede in irgendeiner Form auf Nächstenliebe basierende Ideologie einfach zusammenbrechen lässt. Die gut gemeinten Ideen der Demokratie, des Marxismus, der Anarchie und des Christentum sind demnach reines Wunschdenken. Später hat Thomas Hobbes (1588 – 1679) diesen pessimistischen Ansatz weiter ausgebaut. Sein Leitsatz dabei lautete: "Der Mensch ist des Menschen Wolf". Natürlich gibt es aber auch die gegenteilige These. Diese besagt, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Sie wurde unter anderem von Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) vertreten. Thales hat die weitreichende Bedeutung vom Spruch des Bias sicherlich erkannt. Als man ihm als dem Besten der "Sieben Weisen" einen goldenen Becher überreichen wollte, lehnte er diese Auszeichnung mit der Begründung ab, der Becher gebühre nicht ihm, sonders Bias von Priene. Doch auch dieser verweigerte die Annahme. So reiste der Becher immer weiter, von einem der Weisen zum anderen, bis er letztlich doch wieder bei Thales landete. Wenn DU mehr über seine mathematischen und "naturwissenschaftlichen" Erkenntnisse erfahren möchtest, die ihm den Titel eines "Weisen" eingebracht haben, dann hilft DIR der folgende Link weiter.

Thales ging es bei seinen Beobachtungen und Überlegungen hauptsächlich um die Vermehrung des Wissens, ohne dass er dabei nach dem Sinn und Zweck seines Tuns fragte. Seine Mitbürger waren dagegen eher praktisch veranlagt und versuchten, möglichst viel Geld zu verdienen. Deshalb belächelten sie Thales und behaupteten, dass ein bloß theoretisches Nachdenken zu nichts nützlich sei. Dieses ärgerte den ersten Philosophen irgendwann so sehr, dass er sich selbst als gerissener Geschäftsmann betätigte. Durch sein wetterkundliches und astronomisches Wissen konnte er vorausgesehen, dass im folgenden Sommer eine reiche Olivenernte zu erwarten ist. Deshalb pachtete er rechtzeitig sämtliche Ölpressen im ganzen Gebiet von Milet bis nach Chios und bezahlte dafür nur eine geringe Geldsumme. Zur Zeit der Ernte wurden diese Pressen dann überall gebraucht, so dass er sie für teures Geld weiter vermieten konnte. Dadurch hat Thales sehr viel verdient. Gleichzeitig konnte er damit beweisen, dass es für einen Philosophen äußerst leicht ist, reich zu werden. Anschließend verschenkte er den erworbenen Gewinn mit den Worten, dass es nicht der Reichtum sei, worauf ein theoretischer Denker es abgesehen habe.

Auch im Bereich der Politik mischte Thales tüchtig mit. Er war sowohl mit Solon als auch mit Lycurgus befreundet, den großen Gesetzgebern von Athen und Sparta. Beide baten ihn bei der Abfassung ihrer Gesetzeswerke um Hilfestellung. Dadurch war Thales beim Aufbau von zwei der einflussreichsten politischen Systeme in der Antike beteiligt. Wahrscheinlich hat Thales auch hohe politische Ämter in seiner Heimatstadt bekleidet. Auf jeden Fall wurde er aber bei wichtigen Entscheidungen als einflussreicher Ratgeber hinzugezogen. Mehr darüber kannst DU auf der Seite zur Geschichte Milets erfahren, die unter "Antike / Vorsokratiker" zu finden ist.

Brunnen

Das bisher Gesagte zeigt eindeutig, dass Thales ohne jeden Zweifel eine herausragende Persönlichkeit war, da gibt es überhaupt keine zwei Meinungen. Doch auch solche Menschen haben meistens einen Kratzer in ihrer glänzenden Metallic-Lackierung. Die folgende Anekdote zeigt Thales denn auch eher als einen weltfremden und zerstreuten Proffessor. Danach fiel er während seiner astronomischen Überlegungen in einen offenen Brunnen, weil er dabei nach oben zum Himmel schaute. Dieses sah seine junge und hübsche Hausdienerin, die in einigen Berichten Thraitta genannt wird. Diese lachte ihn darauf hin aus und sagte im Spott: "Du bemühst dich zu wissen, was im Himmel ist, aber es bleibt dir verborgen, was vor deinen Füßen liegt." Eigentlich spricht nichts gegen einen Unfall, jeder von uns hat doch schon ein vergleichbares Missgeschick erlebt. Aber vielen Bewunderern des ersten Philosophen war diese Geschichte denn nun doch zu menschlich. Ihrer Meinung nach ist Thales freiwillig in den Brunnenschacht hinunter geklettert, damit er die Sterne besser beobachten konnte. Denn es ist bekannt, dass sich die Astronomen häufig der Optik aus der Brunnentiefe zur Berechnung des Kalenders bedienten. Das war dann eine Art von Teleskop, mit dem man die Positionen der Sterne auch am Tage ganz gut bestimmen konnte. Von dieser Auslegung der Anekdote her zeigt das Verhalten der Hausdienerin dann nur noch, dass sie das Tun des Thales einfach nicht verstanden hat. Ihr Lachen ist also völlig unbegründet. Auch das kann natürlich angehen, denn als Frau bekam die Hausdienerin damals keine gute Ausbildung. Zudem waren die Angestellten in der Regel Sklaven, was nochmals gegen jede Form von Schulbesuch spricht. Und dazu kommt noch, dass Thraitta aus dem nichtgriechischen Thrakien (nördlich von Milet) stammte. Die Griechen glaubten, dass nur sie über eine wirkliche Bildung verfügten. Alle anderen wurden als Barbaren bezeichnet. Außerdem waren die Thraker für ihren Pessimismus bekannt. So soll es bei ihnen Sitte gewesen sein, Neugeborene gleich mit Trauer und Wehklagen zu empfangen. Und bekanntlich ist eine pessimistische Lebenseinstellung kein guter Motor, um nach neuen Erkenntnissen zu suchen. Daneben gibt es noch eine dritte Variante der Auslegung. Danach ist Thales nachts ganz bewusst in den Brunnen gestiegen, um die Sterne zu beobachten. Die Hausdienerin hat ihn dort gesehen, war aber intelligent genug, sein Handeln zu verstehen. Trotzdem lachte sie ihn aus, weil er sich mit relativ sinnlosen Aktivitäten aufhielt, statt mit ihr zu schlafen. Dann ist das Lachen der Thrakerin durchaus wieder angebracht. Da aber leider nicht überliefert ist, was Thales ihr entgegnete, kann letztlich jede der drei vorgestellten Interpretationen richtig sein. DU kannst DIR also eine aussuchen!

Gestorben ist Thales irgendwann in der Zeit zwischen 545 und 560 vor Christus. Einige Historiker behaupten, dass er einen Abhang hinunter fiel und dabei tödlich verunglückte, während er mal wieder in die Betrachtung der Himmelssterne versunken war. Glaubwürdiger scheint jedoch die Geschichte, dass sein Tod im Stadion als Zuschauer sportlicher Wettkämpfe erfolgte. Danach fand man den toten Thales dann wie schlafend auf den Stufen liegen, als das Publikum das Stadion bereits verlassen hatte. Das ist durchaus möglich, denn die totale Sportbegeisterung der antiken Griechen war geradezu sprichwörtlich. Es kam durchaus oft vor, dass sich Greise in glühender Hitze zu einem Wettkampf schleppten. Stundenlang hielten sie im Gedränge ohne Wasser aus und einige von ihnen starben dann schließlich an einer Verbindung aus Alterschwäche und Überhitzung.

Alles bisher Gesagte reicht nicht aus, um Thales mit Recht als den ersten Philosophen zu bezeichnen. Über den nachfolgenden Links kannst DU erfahren, weshalb er diese wichtige Stellung in der Geschichte der Philosophie einnimmt. Außerdem kommst DU von dort auch auf die Seite mit seinen metaphysischen Vorstellungen.

 


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