Thales von Milet
(ca. 630 v.Chr. - ca. 540 v.Chr.)

Metaphysische Vorstellungen


 
Wellen

Alles ist Wasser und die Welt ist voller Götter

Thales suchte als erster Mensch nach dem Urgrund allen Seins, auf den sich das wechselhafte Sein (Werden, Wachsen, Vergehen) aller erfahrbaren Erscheinungen und Dinge im Ursprung zurückführen lässt. Er fand diesen in einem einzigen Urstoff (Wasser), der unentstanden, unvergänglich und in seinem eigentlichen Wesen für immer und ewig gleichbleibend ist. In der Tiefe der Wirklichkeit besteht also die ganze wahrnehmbare Vielfalt aller Erscheinungen und Dinge des gesamten Universums letztlich aus diesem Grundstoff. Die von uns zu beobachtende Verschiedenartigkeit kommt dagegen nur durch Umwandlungen oder Ableitungen des Urstoffs zustande. Oder mit den Worten des großen Philosophen: "Alles ist Wasser." Leider ist nicht bekannt, warum Thales gerade das Wasser als den Urstoff ansah. Deshalb sind wir hier ganz auf Vermutungen angewiesen. Denn wirklich einleuchtend ist seine Wahl auf den ersten Blick nicht, zumindest Festkörper und Gase scheinen nichts mit Wasser gemeinsam zu haben. Aber tatsächlich kann sich Wasser in allen Aggregatszuständen zeigen (Festkörper - Eis, Schnee, Hagel; Flüssigkeit - Wasser, Fluss, Meer; Gas – Dampf, Nebel). Man muss Thales daher die sehr bedeutende Entdeckung zuschreiben, dass Stoffe auch bei verschiedenen Zustandsformen gleich bleiben. Manchmal wird seine Wahl des Wassers als Urstoff auch mit seiner Reise nach Ägypten und Mesopotamien (heute: Irak) in Verbindung gebracht, da diese für seine Bildung von außerordentlich großer Bedeutung war. In den trockenen Gebieten dieser Länder war der Wasserkult besonders verbreitet. So wurde beispielsweise der Nil in Ägypten wie ein Gott verehrt. Zudem sollte man auch nicht vergessen, dass Wasser zur Erhaltung aller Lebewesen (Mensch, Tier, Pflanze) unbedingt notwendig ist. In der Sprache der Antike wird das zwar etwas anders formuliert, meint am Ende aber genau das Gleiche. Dort wurde gesagt, dass die Nahrung und die Samen aller Lebewesen feucht sind. Nicht zuletzt konnte Thales sich mit seiner Behauptung auch noch auf den traditionellen Götterglauben stützen. Nach diesem ist der Urstrom Okeanos der Ursprung von allem, auch der Götter. Außerdem riefen die Götter nach der griechischen Vorstellung den Styx an, wenn sie schwörten. Dabei muss man wissen, dass der göttliche Eid als das Heiligste überhaupt galt. Dieser Styx ist wiederum ein Fluss. Der Sage nach trennt er das Reich des Lebendigen vom Reich der schattenhaften Toten.

Thales wurde schon bald von seinem Schüler Anaximander dafür kritisiert, dass er mit dem Wasser einen der irdischen Stoffe (Erde, Wasser, Luft, Feuer) als Urstoff annahm, da diese immer nur Erscheinungsformen des überall anwesenden Urstoffs sein könnten. Heute wird die Vorstellung des Thales in der Regel überhaupt nicht mehr ernst genommen, denn die naturwissenschaftliche Forschung nach den Urbestandteilen der Wirklichkeit hat seine These vom Wasser als materiellen Urstoff eindeutig widerlegt. Ob dieses vernichtende Urteil tatsächlich gerechtfertigt ist, hängt natürlich davon ab, ob man die Aussage überhaupt mit den Mitteln der Naturwissenschaften deuten kann. Dieses ist aber eher unwahrscheinlich, denn die angenommene Ur-Flüssigkeit ist sicherlich nicht nur materiell gedacht. Man darf sie also keinesfalls mit unserem irdischen Wasser verwechseln. Genau dafür steht wohl auch der zweite Teil von Thales' Aussage: "Alles ist voller Götter". Damit ist zunächst einmal die Vorstellung gemeint, dass im einheitlichen Ur-Wasser das alles belebende und beseelende Prinzip des ganzen Kosmos' enthalten ist (Hylozoismus). Weil aber alles aus diesem Urstoff besteht, sind nicht nur die Lebewesen beseelt und daher voller Leben, sondern einfach alle Dinge. Wenn die Rede darauf kam, zog Thales für gewöhnlich ein Eisenstück und einen Magneten aus der Tasche. Damit zeigte er seinen staunenden Mitbürgern, dass auch ein Stein in der Lage ist, Eisen zu bewegen. Nach der alten griechischen Vorstellung wurde für eine Bewegung aber das Vorhandensein einer Seele vorausgesetzt. Letztlich sollte also klar sein, dass für Thales der ganze Kosmos eine Einheit bildete, in der die Seele mit den anderen Dingen und Erscheinungen vermischt war. Die Fähigkeit zur Beseelung der Dinge hat der Urstoff nach dieser Auffassung aber natürlich vom Göttlichen. Da nun alle Dinge und Erscheinungen aus diesem Urstoff bestehen, konnte Thales auch davon ausgehen, dass alles voller Götter ist. Genau wie diese Götter denkt sich Thales ja auch das Ur-Wasser als unvergänglich und somit unsterblich. Deshalb kann man auch sagen, dass für Thales sein Urstoff Wasser letztlich das göttliche Prinzip im Kosmos darstellt. In allem Wirklichen waltet eine göttliche Kraft, welche alles durchdringend wie das lebensspendende Wasser ist. Aus dieser göttlichen Kraft, die im Urstoff vorhanden ist, kommt auch die notwendige Bewegung für die Umwandlung dieses Grundstoffs in alle anderen Dinge und Erscheinungen. Eine äußere Ursache gibt es nicht. Natürlich ist diese Erklärung etwas unbefriedigend, weil nicht angegeben wird, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die Umwandlung vollzieht. Aber wer kann schon den göttlichen Willen und die daraus folgende Vorgehensweise erkunden?


 

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