| Alles
ist Wasser und die Welt ist voller Götter
Thales
suchte als erster Mensch nach dem Urgrund allen Seins, auf den
sich das wechselhafte Sein (Werden, Wachsen, Vergehen) aller erfahrbaren
Erscheinungen und Dinge im Ursprung zurückführen lässt.
Er fand diesen in einem einzigen Urstoff (Wasser), der unentstanden,
unvergänglich und in seinem eigentlichen Wesen für immer
und ewig gleichbleibend ist. In der Tiefe der Wirklichkeit besteht
also die ganze wahrnehmbare Vielfalt aller Erscheinungen und Dinge
des gesamten Universums letztlich aus diesem Grundstoff. Die von
uns zu beobachtende Verschiedenartigkeit kommt dagegen nur durch
Umwandlungen oder Ableitungen des Urstoffs zustande. Oder mit
den Worten des großen Philosophen: "Alles ist Wasser."
Leider ist nicht bekannt, warum Thales gerade das Wasser als den
Urstoff ansah. Deshalb sind wir hier ganz auf Vermutungen angewiesen.
Denn wirklich einleuchtend ist seine Wahl auf den ersten Blick
nicht, zumindest Festkörper und Gase scheinen nichts mit
Wasser gemeinsam zu haben. Aber tatsächlich kann sich Wasser
in allen Aggregatszuständen zeigen (Festkörper - Eis,
Schnee, Hagel; Flüssigkeit - Wasser, Fluss, Meer; Gas –
Dampf, Nebel). Man muss Thales daher die sehr bedeutende Entdeckung
zuschreiben, dass Stoffe auch bei verschiedenen Zustandsformen
gleich bleiben. Manchmal wird seine Wahl des Wassers als Urstoff
auch mit seiner Reise nach Ägypten und Mesopotamien (heute:
Irak) in Verbindung gebracht, da diese für seine Bildung
von außerordentlich großer Bedeutung war. In den trockenen
Gebieten dieser Länder war der Wasserkult besonders verbreitet.
So wurde beispielsweise der Nil in Ägypten wie ein Gott verehrt.
Zudem sollte man auch nicht vergessen, dass Wasser zur Erhaltung
aller Lebewesen (Mensch, Tier, Pflanze) unbedingt notwendig ist.
In der Sprache der Antike wird das zwar etwas anders formuliert,
meint am Ende aber genau das Gleiche. Dort wurde gesagt, dass
die Nahrung und die Samen aller Lebewesen feucht sind. Nicht zuletzt
konnte Thales sich mit seiner Behauptung auch noch auf den traditionellen
Götterglauben stützen. Nach diesem ist der Urstrom Okeanos
der Ursprung von allem, auch der Götter. Außerdem riefen
die Götter nach der griechischen Vorstellung den Styx an,
wenn sie schwörten. Dabei muss man wissen, dass der göttliche
Eid als das Heiligste überhaupt galt. Dieser Styx ist wiederum
ein Fluss. Der Sage nach trennt er das Reich des Lebendigen vom
Reich der schattenhaften Toten.
Thales
wurde schon bald von seinem Schüler Anaximander dafür
kritisiert, dass er mit dem Wasser einen der irdischen Stoffe
(Erde, Wasser, Luft, Feuer) als Urstoff annahm, da diese immer
nur Erscheinungsformen des überall anwesenden Urstoffs sein
könnten. Heute wird die Vorstellung des Thales in der Regel
überhaupt nicht mehr ernst genommen, denn die naturwissenschaftliche
Forschung nach den Urbestandteilen der Wirklichkeit hat seine
These vom Wasser als materiellen Urstoff eindeutig widerlegt.
Ob dieses vernichtende Urteil tatsächlich gerechtfertigt
ist, hängt natürlich davon ab, ob man die Aussage überhaupt
mit den Mitteln der Naturwissenschaften deuten kann. Dieses ist
aber eher unwahrscheinlich, denn die angenommene Ur-Flüssigkeit
ist sicherlich nicht nur materiell gedacht. Man darf sie also
keinesfalls mit unserem irdischen Wasser verwechseln. Genau dafür
steht wohl auch der zweite Teil von Thales' Aussage: "Alles
ist voller Götter". Damit ist zunächst einmal die
Vorstellung gemeint, dass im einheitlichen Ur-Wasser das alles
belebende und beseelende Prinzip des ganzen Kosmos' enthalten
ist (Hylozoismus). Weil aber alles aus diesem Urstoff besteht,
sind nicht nur die Lebewesen beseelt und daher voller Leben, sondern
einfach alle Dinge. Wenn die Rede darauf kam, zog Thales für
gewöhnlich ein Eisenstück und einen Magneten aus der
Tasche. Damit zeigte er seinen staunenden Mitbürgern, dass
auch ein Stein in der Lage ist, Eisen zu bewegen. Nach der alten
griechischen Vorstellung wurde für eine Bewegung aber das
Vorhandensein einer Seele vorausgesetzt. Letztlich sollte also
klar sein, dass für Thales der ganze Kosmos eine Einheit
bildete, in der die Seele mit den anderen Dingen und Erscheinungen
vermischt war. Die Fähigkeit zur Beseelung der Dinge hat
der Urstoff nach dieser Auffassung aber natürlich vom Göttlichen.
Da nun alle Dinge und Erscheinungen aus diesem Urstoff bestehen,
konnte Thales auch davon ausgehen, dass alles voller Götter
ist. Genau wie diese Götter denkt sich Thales ja auch das
Ur-Wasser als unvergänglich und somit unsterblich. Deshalb
kann man auch sagen, dass für Thales sein Urstoff Wasser
letztlich das göttliche Prinzip im Kosmos darstellt. In allem
Wirklichen waltet eine göttliche Kraft, welche alles durchdringend
wie das lebensspendende Wasser ist. Aus dieser göttlichen
Kraft, die im Urstoff vorhanden ist, kommt auch die notwendige
Bewegung für die Umwandlung dieses Grundstoffs in alle anderen
Dinge und Erscheinungen. Eine äußere Ursache gibt es
nicht. Natürlich ist diese Erklärung etwas unbefriedigend,
weil nicht angegeben wird, nach welchen Gesetzmäßigkeiten
sich die Umwandlung vollzieht. Aber wer kann schon den göttlichen
Willen und die daraus folgende Vorgehensweise erkunden? |