| Thales
erkannte die Ähnlichkeit von gleichwinkligen Dreiecken und
berechnete mit Hilfe dieser Einsicht bereits auf seiner Forschungsreise
durch Ägypten die Höhe der Pyramiden. Dafür maß
er einfach die Länge des von einer Pyramide geworfenen Schattens
zu einer bestimmten Uhrzeit. Diese Länge setzte er dann ins
Verhältnis zu der Schattenlänge anderer Objekte mit bekannter
Höhe, die er zur gleichen Uhrzeit gemessen hatte. Im heimatlichen
Milet wendete er später diese Regel an, um den Abstand eines
Schiffes von der Küste zu berechnen. Welche mathematischen
Sätze sonst noch auf Thales zurückgehen, lässt sich
heute nicht mehr klären. Selbst vom „Satz des Thales“
ist nicht erwiesen, dass er tatsächlich von ihm stammt. Dieser
allen Gymnasiasten bekannte Satz besagt, dass jeder Umfallswinkel
im Habkreis ein rechter Winkel ist. Entsprechend heißt der
Halbkreis über der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks
dann auch Thaleskreis. Daneben wird Thales auch mit den Beweisen
von weiteren geometrischen Basisaussagen in Verbindung gebracht
(z.B. Kreisfläche wird vom Durchmesser halbiert, Basiswinkel
sind im gleichschenkligen Dreieck gleich, Gleichheit von zwei Dreiecken
bei Übereinstimmung einer Seite und den beiden anliegenden
Winkeln). Alle diese mathematischen Aussagen waren den Ägyptern
und Babyloniern bereits bekannt, sie wurden in diesen Ländern
sogar schon seit Ewigkeiten mit praktischem Nutzen angewendet. Aber
die alten Kulturkreise konnten die Richtigkeit ihrer geometrischen
Sätze nicht beweisen. Vielleicht sahen sie dafür auch
einfach keine Notwendigkeit. Anders bei Thales, der immer nach der
logischen Herleitung der Sätze suchte. Er stellte die Mathematik
erst auf ein festes Fundament.
Neben seinen vielfältigen mathematischen
Studien beschäftigte sich Thales auch eingehend mit Wettervorhersagen
und anderen meteorologischen Problemen. In diesem Zusammenhang
hat er zahlreiche Theorien (Kreislauf der Jahreszeiten, Wehen
der Winde, Entstehung des Donners) aufgestellt, die nach dem heutigen
Wissensstand samt und sonders völlig falsch sind. Daneben
äußerte er sich auch zur Entstehung von Erdbeben. Nach
seiner Meinung schwimmt die Erde wie ein Stück Holz auf einer
riesigen Wasserfläche und schwankt dabei wie ein Schiff,
dessen Stampfen hin und wieder Erdbeben auslöst. Natürlich
ist diese Erklärung nicht richtig, aber immerhin versuchte
Thales als erster Mensch, diesen Vorgang in der Natur mit der
Vernunft zu erfassen und auf eine Gesetzmäßigkeit zurück
zu führen. Vorher galten Erdbeben immer als Ausdruck von
Götterhandlungen. Nach der alten religiösen Überlieferung
der antiken Griechen kamen sie zustande, indem der Meeresgott
Poseidon seinen Dreizack voll Wut in die Erde stößt.
Die Leistung des Thales besteht nun darin, dass er an die Stelle
eines persönlichen Urhebers eine gesetzmäßige
Ursache setzte, auch wenn diese nicht richtig war. Leider hat
diese Theorie aber auch einen logischen Fehler. Jedes Modell,
das auf eine Art von Unterlage für die Erde aufbaut, braucht
nämlich für diese Unterlage wieder einen neuen Träger.
Das lässt sich dann bis in alle Ewigkeit so weiter fortsetzen.
Wie Thales auf die Vermutung des die Erde tragenden Wassers kam,
lässt sich heute nur noch vermuten. Bekannt ist jedenfalls,
dass es diese Auffassung in Ägypten gab, von wo er den Ansatz
übernommen haben könnte. In der alten Tradition dachten
sich seine Landsleute übrigens die Erde auf den Schultern
des Atlas liegend, so dass vorher bereits der gleiche logische
Fehler auftrat.
Thales
versuchte auch eine Erklärung für die jährliche
Überschwemmung des Nils in Ägypten zu geben. Diese ist
enorm wichtig und auch notwendig für die Fruchtbarkeit des
Landes und damit zur Erhaltung der dort lebenden Menschen. Bei
seiner Annahme brachte er die Überschwemmung mit den im Hochsommer
auftretenden Nordostwinden der Ägäis (Etesien) in Verbindung.
Thales vermutete nämlich, dass diese Winde zu einem Rückstau
des Nilwassers im Mündungsdelta und daher zum Anstieg des
Wasserspiegels führen. Diese Annahme ist nicht ganz richtig,
denn der vom Wind tatsächlich bewirkte Stau reicht in Wirklichkeit
nicht aus, um die Nilüberschwemmung zu bewirken. Vielmehr
führen die Nordostwinde im Quellgebiet des Nils zu Niederschlägen,
die dann die Überschwemmungen zur Folge haben. Auch wenn
seine Erklärung letztlich falsch war, so war sie trotzdem
ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der herkömmlichen
Vorstellung. Denn vorher glaubten die Ägypter, dass der Gott
Chnum in der Gestalt eines Widders mit geraden Hörnern die
Schleusen der Quellflüsse öffnet. Nach dieser religiösen
Deutung hängt das Eintreten der Nilüberschwemmung also
vom Willen eines einzelnen Gottes ab, den man durch die Darbringung
von Opfergaben gnädig stimmen muss. Thales hingegen versuchte,
auch diese Naturerscheinung mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten
zu erklären, die im Gegensatz zum Götterglauben jederzeit
überprüfbar sind. Erst dadurch konnte die Falschheit
seines Erklärungsansatzes nachgewiesen werden.
| |
 |
Richtig
berühmt wurde er zu seiner Lebenszeit aber erst durch sein
enormes Wissen über die Astronomie (Sternenkunde), in welches
er ebenfalls durch die führenden Gelehrten Ägyptens
und Babyloniens auf seiner Forschungsreise eingeführt wurde.
So entdeckte er beispielsweise das Sternbild des „Kleinen
Bären“ und dessen Bedeutung für die Navigation.
Daneben beschäftigte sich Thales mit den Umlaufbahnen der
Planeten und des Mondes. Nach der gängigen Meinung waren
die himmlischen Gestirne in irgendeiner Form göttlich. Diesen
Glauben lehnte Thales entschieden ab. Er behauptete statt dessen,
dass die Sterne einfach aus glühender Erde bestehen und der
Mond lediglich von der Sonne beleuchtet wird. Natürlich war
auch die Sonne ein Thema für ihn. So beschäftigte Thales
sich mit den jährlichen Sonnenwenden und der Berechnung des
Verhätnisses der Sonne zu der sichtbaren Kreisbahn, den sie
durchläuft. Außerdem fand er heraus, dass der Sonnendurchmesser
zum Sonnenkreis das selbe Verhältnis hat, wie der Monddurchmesser
zum Mondkreis, nämlich 1:720. Das ist tatsächlich annäherungsweise
richtig! Nicht zuletzt soll auch die Einteilung eines Jahres in
365 Tage auf Thales zurück gehen, was allerdings eher zweifelhaft
ist. Sein spektakulärster Erfolg bestand in der richtigen
Vorhersage der Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 vor Christus.
Eine Sonnenfinsternis galt bis dahin immer als schlechtes Zeichen.
Aus Angst vor einer göttlichen Strafe wurde deshalb sogar
der langjähriger Krieg zwischen den mit Milet benachbartem
Lyderreich und dem aus dem westiranischen Hochland stammenden
Volk der Meder endgültig beendet. Thales sagte die Sonnenfinsternis
nicht nur voraus, sondern er erklärte auch, dass es zu diesem
Naturereignis kommt, weil sich der Mond zwischen die Sonne und
die Erde schiebt. Vom Tag der richtigen Vorhersage an gab es für
sein Ansehen keine Grenzen mehr.
|