Thales von Milet
(ca. 630 v.Chr. - ca. 540 v.Chr.)

"Naturwissenschaftliche" Erkenntnisse


Satz des Thales

 

Thales erkannte die Ähnlichkeit von gleichwinkligen Dreiecken und berechnete mit Hilfe dieser Einsicht bereits auf seiner Forschungsreise durch Ägypten die Höhe der Pyramiden. Dafür maß er einfach die Länge des von einer Pyramide geworfenen Schattens zu einer bestimmten Uhrzeit. Diese Länge setzte er dann ins Verhältnis zu der Schattenlänge anderer Objekte mit bekannter Höhe, die er zur gleichen Uhrzeit gemessen hatte. Im heimatlichen Milet wendete er später diese Regel an, um den Abstand eines Schiffes von der Küste zu berechnen. Welche mathematischen Sätze sonst noch auf Thales zurückgehen, lässt sich heute nicht mehr klären. Selbst vom „Satz des Thales“ ist nicht erwiesen, dass er tatsächlich von ihm stammt. Dieser allen Gymnasiasten bekannte Satz besagt, dass jeder Umfallswinkel im Habkreis ein rechter Winkel ist. Entsprechend heißt der Halbkreis über der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks dann auch Thaleskreis. Daneben wird Thales auch mit den Beweisen von weiteren geometrischen Basisaussagen in Verbindung gebracht (z.B. Kreisfläche wird vom Durchmesser halbiert, Basiswinkel sind im gleichschenkligen Dreieck gleich, Gleichheit von zwei Dreiecken bei Übereinstimmung einer Seite und den beiden anliegenden Winkeln). Alle diese mathematischen Aussagen waren den Ägyptern und Babyloniern bereits bekannt, sie wurden in diesen Ländern sogar schon seit Ewigkeiten mit praktischem Nutzen angewendet. Aber die alten Kulturkreise konnten die Richtigkeit ihrer geometrischen Sätze nicht beweisen. Vielleicht sahen sie dafür auch einfach keine Notwendigkeit. Anders bei Thales, der immer nach der logischen Herleitung der Sätze suchte. Er stellte die Mathematik erst auf ein festes Fundament. 
Poseidon
 

Neben seinen vielfältigen mathematischen Studien beschäftigte sich Thales auch eingehend mit Wettervorhersagen und anderen meteorologischen Problemen. In diesem Zusammenhang hat er zahlreiche Theorien (Kreislauf der Jahreszeiten, Wehen der Winde, Entstehung des Donners) aufgestellt, die nach dem heutigen Wissensstand samt und sonders völlig falsch sind. Daneben äußerte er sich auch zur Entstehung von Erdbeben. Nach seiner Meinung schwimmt die Erde wie ein Stück Holz auf einer riesigen Wasserfläche und schwankt dabei wie ein Schiff, dessen Stampfen hin und wieder Erdbeben auslöst. Natürlich ist diese Erklärung nicht richtig, aber immerhin versuchte Thales als erster Mensch, diesen Vorgang in der Natur mit der Vernunft zu erfassen und auf eine Gesetzmäßigkeit zurück zu führen. Vorher galten Erdbeben immer als Ausdruck von Götterhandlungen. Nach der alten religiösen Überlieferung der antiken Griechen kamen sie zustande, indem der Meeresgott Poseidon seinen Dreizack voll Wut in die Erde stößt. Die Leistung des Thales besteht nun darin, dass er an die Stelle eines persönlichen Urhebers eine gesetzmäßige Ursache setzte, auch wenn diese nicht richtig war. Leider hat diese Theorie aber auch einen logischen Fehler. Jedes Modell, das auf eine Art von Unterlage für die Erde aufbaut, braucht nämlich für diese Unterlage wieder einen neuen Träger. Das lässt sich dann bis in alle Ewigkeit so weiter fortsetzen. Wie Thales auf die Vermutung des die Erde tragenden Wassers kam, lässt sich heute nur noch vermuten. Bekannt ist jedenfalls, dass es diese Auffassung in Ägypten gab, von wo er den Ansatz übernommen haben könnte. In der alten Tradition dachten sich seine Landsleute übrigens die Erde auf den Schultern des Atlas liegend, so dass vorher bereits der gleiche logische Fehler auftrat.

Thales versuchte auch eine Erklärung für die jährliche Überschwemmung des Nils in Ägypten zu geben. Diese ist enorm wichtig und auch notwendig für die Fruchtbarkeit des Landes und damit zur Erhaltung der dort lebenden Menschen. Bei seiner Annahme brachte er die Überschwemmung mit den im Hochsommer auftretenden Nordostwinden der Ägäis (Etesien) in Verbindung. Thales vermutete nämlich, dass diese Winde zu einem Rückstau des Nilwassers im Mündungsdelta und daher zum Anstieg des Wasserspiegels führen. Diese Annahme ist nicht ganz richtig, denn der vom Wind tatsächlich bewirkte Stau reicht in Wirklichkeit nicht aus, um die Nilüberschwemmung zu bewirken. Vielmehr führen die Nordostwinde im Quellgebiet des Nils zu Niederschlägen, die dann die Überschwemmungen zur Folge haben. Auch wenn seine Erklärung letztlich falsch war, so war sie trotzdem ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der herkömmlichen Vorstellung. Denn vorher glaubten die Ägypter, dass der Gott Chnum in der Gestalt eines Widders mit geraden Hörnern die Schleusen der Quellflüsse öffnet. Nach dieser religiösen Deutung hängt das Eintreten der Nilüberschwemmung also vom Willen eines einzelnen Gottes ab, den man durch die Darbringung von Opfergaben gnädig stimmen muss. Thales hingegen versuchte, auch diese Naturerscheinung mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten zu erklären, die im Gegensatz zum Götterglauben jederzeit überprüfbar sind. Erst dadurch konnte die Falschheit seines Erklärungsansatzes nachgewiesen werden.

Thales
Sonnenfinsternis

Richtig berühmt wurde er zu seiner Lebenszeit aber erst durch sein enormes Wissen über die Astronomie (Sternenkunde), in welches er ebenfalls durch die führenden Gelehrten Ägyptens und Babyloniens auf seiner Forschungsreise eingeführt wurde. So entdeckte er beispielsweise das Sternbild des „Kleinen Bären“ und dessen Bedeutung für die Navigation. Daneben beschäftigte sich Thales mit den Umlaufbahnen der Planeten und des Mondes. Nach der gängigen Meinung waren die himmlischen Gestirne in irgendeiner Form göttlich. Diesen Glauben lehnte Thales entschieden ab. Er behauptete statt dessen, dass die Sterne einfach aus glühender Erde bestehen und der Mond lediglich von der Sonne beleuchtet wird. Natürlich war auch die Sonne ein Thema für ihn. So beschäftigte Thales sich mit den jährlichen Sonnenwenden und der Berechnung des Verhätnisses der Sonne zu der sichtbaren Kreisbahn, den sie durchläuft. Außerdem fand er heraus, dass der Sonnendurchmesser zum Sonnenkreis das selbe Verhältnis hat, wie der Monddurchmesser zum Mondkreis, nämlich 1:720. Das ist tatsächlich annäherungsweise richtig! Nicht zuletzt soll auch die Einteilung eines Jahres in 365 Tage auf Thales zurück gehen, was allerdings eher zweifelhaft ist. Sein spektakulärster Erfolg bestand in der richtigen Vorhersage der Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 vor Christus. Eine Sonnenfinsternis galt bis dahin immer als schlechtes Zeichen. Aus Angst vor einer göttlichen Strafe wurde deshalb sogar der langjähriger Krieg zwischen den mit Milet benachbartem Lyderreich und dem aus dem westiranischen Hochland stammenden Volk der Meder endgültig beendet. Thales sagte die Sonnenfinsternis nicht nur voraus, sondern er erklärte auch, dass es zu diesem Naturereignis kommt, weil sich der Mond zwischen die Sonne und die Erde schiebt. Vom Tag der richtigen Vorhersage an gab es für sein Ansehen keine Grenzen mehr.

 


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