Die sophistische Bewegung

Allgemeines

 


Mit den Sophisten (Lehrer der Weisheit) kam es in der Philosophiegeschichte zu einem völlig neuen Anfang, denn sie stellten erstmals den Menschen als Individuum und auch als Teil der Gesellschaft ganz konsequent in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Sie diskutierten über die Möglichkeiten bzw. Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, die Werte des Handelns und die Stellung des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Ganz bewusst strebten sie danach, das Denken der Menschen von der Herrschaft ererbter Traditionen und religiöser Bräuche zu befreien. Die sophistische Bewegung wird heute auch als "Zeitalter der antiken Aufklärung" bezeichnet, weil sie einer kritischen Denkhaltung zum Durchbruch verhalf.

Athen


Um das Wirken der Sophisten zu verstehen, muss man sich zunächst die damalige politische Situation der Stadt Athen als ihrem hauptsächlichen Wirkungsort vor Augen führen: Im Jahre 500 vor Christus erhoben sich die Städte des Ionischen Bundes an der türkischen Westküste gegen ihre persischen Besatzer, wobei sie von Athen unterstützt wurden. Das persische Heer zog nach der Niederschlagung des Aufstandes zu einem Feldzug aus, um die Athener für ihre Hilfe zu bestrafen. Dabei erlitten sie aber im Jahr 490 vor Christus eine völlig unerwartete Niederlage, als Athen die persische Armee bei Marathon vernichtend schlug. Ungefähr zehn Jahre später versuchten die Perser ihr Glück aufs neue, aber auch diesmal endete der von ihnen angezettelte Krieg für sie in einer Katastrophe. Zunächst wurde ein Großteil ihrer Flotte bei Salamis in den Grund gebohrt, dann schlug die attische Armee das persische Heer bei Platää und schließlich ging der Rest der persischen Flotte bei einem weiteren Seegefecht in der Nähe der Insel Samos unter. Athen war zu einer Großmacht aufgestiegen. Einen ganz maßgeblichen Anteil an den militärischen Erfolgen hatten die mittellosen Bürger Athens, die als Ruderer auf der ruhmreichen Flotte ihren Dienst taten. Daher war es auch kein Wunder, dass diese bislang politisch so gut wie rechtlosen Bürger jetzt die Mitbestimmung forderten. So kam es zu den demokratischen Reformen des Ephialtes und des Perikles. In der Demokratie entschieden nun die Fähigkeiten und das Geschick des Einzelnen über den eigenen politischen Einfluss, das Ansehen der Herkunftsfamilie wurde hingegen unentscheidend. Alle stimmberechtigten Bürger kamen auf der Agora (Maktplatz) in der Volksversammlung zusammen und beschlossen über alles und jedes. Wer sich hier mit seinen Ansichten durchsetzen wollte, musste unbedingt gut reden können, um seine Mitbürger vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Auch vor den Gerichten im demokratischen Staat waren die rednerische Fähigkeiten äußerst wichtig, denn diese kannten weder Staatsanwalt noch Verteidiger. Der Ablauf sah ungefähr so aus: Jeder einzelne Bürger konnte einen anderen verklagen. Wurde eine solche Anklage vor dem Gericht verhandelt, mussten sowohl der Kläger als auch der Beschuldigte ihre Rechte in eigener Person geltend machen. Und es galt schlicht als perönliches Pech, wenn einer von ihnen kein großer Redner war. Letztlich gewann nämlich fast immer die Person, welche über die größeren rednerischen Fähigkeiten verfügte. Das lag vor allem an der Zusammensetzung der Richter: Im demokratischen Athen wurden alle öffentlichen Ämter (Ausnahme: Generäle) wegen der Gleichheit der Bürger durch das Los besetzt. Das galt auch für die Position der Richter an den Gerichten. Diese juristischen Laien ließen sich aber natürlich oft mehr durch kluge Reden beeindrucken als von der Gültigkeit der vorgelegten Beweise. Vor den Gerichten konnten klug gewählte Worte über das Eigentum entscheiden. Denn wurde ein Beschuldigter verurteilt, so zog der Ankläger 10 Prozent von dessen Vermögen ein. Kam es jedoch zum Freispruch, musste der Ankläger eine hohe Geldstrafe zahlen. Und häufig ging es nicht nur um Geldzahlungen: Das Recht des weiteren Aufenthaltes in Athen oder das nackte Leben konnten auf dem Spiel stehen.

Athen


Im demokratischen Athen war es also äußerst wichtig, gute Reden schwingen zu können. Leider wird dieses Talent aber nicht jedem in die Wiege gelegt. Daher entstand bei sehr vielen Bürgern ganz schnell das Bedürfnis, diese Fähigkeit zu erlernen. Hier kamen nun die Sophisten zum Zuge. Zunächst traten sie lediglich als professionelle Helfer für die Beteiligten in einem Gerichtsprozess auf, indem sie ihnen gegen ein entsprechendes Honorar die Reden schrieben. In dieser Bezahlung war auch die Gebühr für eine Unterrichtsstunde enthalten, in der die Rede auswendig gelernt werden musste. Denn die Kundschaft von den bezahlten Redenschreibern bestand zum größten Teil aus Analphabeten, so dass die Ware nicht anders abgeliefert werden konnte. Die Nutzung dieser Dienstleistung war für die Kunden ausgesprochen erfolgreich. Deshalb beschloss man nach wenigen Jahren, die Sophisten ganz offiziell als Redner vor Gericht zuzulassen, um für eine der streitenden Parteien öffentlich Stellung zu beziehen. So entwickelte sich ihr Beruf vom bezahlten Redenschreiber zum bezahlten Redner. Vor allem verstanden sich die Sophisten aber als Lehrer, die ihre Schüler gegen ein Honorar in der Redekunst ausbildeten, damit sich diese im öffentlich-politischen Leben erfolgreich durchsetzen konnten. Zur Haupsache ging es bei dem Unterricht um die Schulung in Rhetorik: Abfassung von Reden, Aufbau von Argumenten und Kunst der Gesprächsführung. Ziel dieser Übungen war es natürlich, den eigenen Standpunkt möglichst gut vorbringen zu können, damit man die anderen Bürger von der eigenen Meinung überzeugen konnte. In gewisser Weise boten die Sophisten also nützliche und lebenspraktische Erfolgsrezepte an, mit denen man sich auf der Welt behaupten konnte. Häufig wird in diesem Zusammenhang behauptet, dass die Sophisten eine wichtige Funktion in der Demokratie übernahmen, weil sie das theoretische Rüstzeug für die Mitwirkung an der Politik erst allgemein zugänglich machten. Das stimmt aber nur zum Teil. Denn die Sophisten ließen sich ihre Wissensvermittlung so sündhaft teuer bezahlen, dass sich eigentlich fast nur Schüler aus der reichen Oberschicht die Teilnahme an ihren Vorträgen oder gar einen angebotenen Privatunterricht leisten konnten. Aber die Nachfrage war auch so durchaus groß genug. Die freischaffenden Lehrer verdienten sich mit ihrer Tätigkeit nicht nur einfach den Lebensunterhalt, sondern einige von ihnen wurden dadurch sogar ungeheuer reich.

Die sophistische Bewegung bekam schnell einen äußerst schlechten Ruf, teilweise zu recht und teilweise zu unrecht. Zunächst wurden die Sophisten kritisch beobachtet, weil die allermeisten von ihnen nicht in Athen geboren wurden und daher keine Bürger der Stadt waren. Vielmehr zogen sie als Wanderlehrer durch die Gegend, aber irgendwann kamen sie alle nach Athen, entweder nur zu einem kurzen Besuch oder aber für eine längere Aufenthaltsdauer. Denn Athen bot die besten Voraussetzungen für ihre Lehrtätigkeit. Außerdem hatte sich diese Stadt unter Perikles zum kulturellen Mittelpunkt der ganzen griechischen Welt entwickelt. Wer was auf sich und sein Wissen hielt, der musste einfach dahin, wo die großen Dichter und Denker zusammen strömten. Daneben warf man den Sophisten vielfach vor, dass sie regelrecht Jagd auf reiche und angesehene Jünglinge machten, um bei diesen abzukassieren. Letztlich wurde das Geschäft mit dem Wissen (Verkauf des Geistes) sogar mit der Prostitution (Verkauf des Körpers) verglichen. Das alles ist sicherlich ziehmlich ungerecht. Schwerer wiegt da schon das bereits vom großen Philosophen Platon (ca. 427 v. Chr. - ca. 347 v. Chr.) vorgebrachte Argument, dass die Sophisten in Wirklichkeit überhaupt nicht an der Wahrheit interessiert waren. Vielmehr zählte für sie nur der praktische Erfolg im Leben. Im Grunde konnte man sie daher auch nicht als Philosophen bezeichnen, bestenfalls waren sie dann einfach nur noch gebildete Menschen. Und selbst diese Bildung, ihr ganzer Stolz, wurde den Sophisten häufig noch abgesprochen. Denn ihr Wissen ging nach Ansicht vieler mehr in die Breite als in die Tiefe. Mit anderen Worten: Die Sophisten konnten zwar überall mitreden, aber sie hatten eigentlich von nichts richtig Ahnung.

Theater


In den Augen ihrer Kritiker waren die Sophisten einfach skrupellose Individuen ohne Ideale, die nicht zwischen dem moralisch Guten und dem moralisch Bösen unterschieden. Diese Vorwürfe sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. Tatsächlich lehrten viele Sophisten, dass man mit großem Geschick in der Überredungskunst jedes beliebige Ergebnis herbeiführen könne. In diesem Zusammenhang rechtfertigten sie unter anderem die Hingabe an ein ausschweifendes Leben und die anti-demokratische Moralvorstellung vom "Recht des Stärkeren". Das Wissen wurde von ihnen nur noch als starkes Mittel zur Meinungsbildung in Politik und vor Gericht angesehen und damit zum Machtgewinn missbraucht. Das alles ist richtig, aber es gilt nur für die zweite, entartete Generation der Sophisten. Unter ihnen verkam die sophistische Lehre zu leeren Wortstreitereien und bloßen Spitzfindigkeiten. Unter anderem führten sie Wettkämpfe in der Disziplin "Redegewandtheit" durch, bei denen die Reden mit doppelter Beweisführung ganz besonders beliebt waren. Dabei vertrat der Redner zunächst eine gewisse Annahme und behauptete dann anschließend mit ebenso unbestreitbaren Argumenten genau das Gegenteil. Die behandelten Themen waren völlig belanglos, richtig bekannt wurde beispielweise eine "Lobrede auf die Fliege" von einem gewissen Lukian. Daneben gab es in Athen sogar ein Festival der Trauerrede. Wer mit seiner Rede die meisten Zuhörer zum Weinen brachte, der hatte den Wettbewerb gewonnen. Das hatte aber eigentlich nicht mehr viel mit den Anfängen der sophistischen Lehre zu tun. Wenn DU mehr über ihre durchaus interessanten Grundzüge erfahren möchtest, steht DIR der folgende Link zur Verfügung:

 


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