Pythagoras von Samos
(ca. 570 v.Chr. – ca. 500 v.Chr.)

Lebenslauf


Pythagoras


Mit dem Leben von Pythagoras könnten ganze Bücher gefüllt werden. Dafür müsste man aber alles glauben, was ihm so in den verschiedenen Legenden angedichtet wurde. In Wirklichkeit gibt es nur sehr wenig, was sich darüber mit Gewissheit sagen lässt. Alles andere bleibt für uns verschwommen im Dunkeln stecken. Oder glaubst DU etwa folgende Geschichten: Pythagoras unterhielt sich mit einer gefährlichen Bärin und hat sie durch bloßes Zureden dazu gebracht, zurück in die Berge zu gehen. Außerdem soll er einen weißen Adler gestreichelt haben, der vom Himmel herabstieß und sich auf seinen Arm setzte, nur um ihn zu begrüßen. Selbst von einem Fluss soll er namentlich mit lauter Stimme gegrüßt worden sein. Man glaubte sogar, dass er sich an zwei Orten gleichzeitig aufhalten konnte. Jedenfalls sah man ihn angeblich zur selben Zeit in den Städten Kroton und Metapont, die immerhin ungefähr 140 Kilometer voneinander entfernt sind. Daneben traute man Pythagoras auch zu, dass er Seuchen vertreiben und Stürme beschwichtigen könne. Und natürlich war er der mutigste aller Menschen: In Akragas (heute: Agrigent) soll er sich mit dem furchtbaren Tyrannen Phalaris angelegt haben, der seine Gegner bei lebendigen Leib zu rösten pflegte.

Diese und noch unzählige andere Wunderdinge wurden Pythagoras von seinen vielen Schülern zugeschrieben, die ihn fast abgöttisch verehrten. Dabei betrachteten sie ihren Meister als ein Sonderwesen, das zwischen den Menschen und den Göttern angesiedelt war. Sie hatten eine solche Ehrfurcht vor Pythagoras, dass sie in ihren Gesprächen nie seinen Namen nannten. Dort wurde er nur als "jener Mann", "er selbst" oder "der Göttliche" bezeichnet. Die Formel "er selbst hat es gesagt" unterband bei ihnen schlagartig jede weitere Diskussion über einen Sachverhalt. Denn Pythagoras galt unangefochten als ihr geistiger Führer. Er selbst begann seine Reden stets mit folgendem Satz: "Nein, bei der Luft, die ich atme, nein, bei dem Wasser, das ich trinke, ich gestatte keinen Widerspruch zu dem, was ich sage." Zunächst scheint es doch schon sehr erstaunlich, dass seine Schüler dieses autoritäre Gehabe kritiklos hinnahmen. Eine solche strikte Unterwerfung unter den Meister wäre bei allen anderen Naturphilosophen natürlich völlig undenkbar gewesen. Wie war das nur möglich? Dazu muss man wissen, dass der pythagoreische Bund eine höchst sonderbare Mischung aus Religion, Politik, Philosophie und Wissenschaft darstellte. Er war nach heutigem Maßstab wohl eher eine religiöse Sekte mit starken politischen Ansprüchen als eine philosophische Schule. Entsprechend verstanden sich seine Schüler auch in erster Linie als Anhänger eines religiösen Kultes und nannten sich "Deuter der göttlichen Stimme". Und Pythagoras war ihr angebeteter Religionsstifter, der seine Einsichten angeblich direkt von den Göttern empfing. Und genau darum folgten sie ihm ohne jegliche Widerrede. Mit der Entwicklung dieser religiös-wissenschaftlichen Gemeinschaft beschritt Pythagoras einen vollkommen eigenständigen Weg, der vom eigentlichen Denken der anderen Naturphilosophen total abwich. Während die sich mehr oder minder stark vom Mythischen abwandten, bestand das Grundgerüst seiner Philosophie geradezu aus einer Mixtur der Mysterien verschiedenster Religionen. Das Kernstück seiner ganzen religiösen Lehre war der Glaube an die Seelenwanderung. Die wissenschaftliche und die philosophische Arbeit war für ihn und seine Schüler hingegen nur ein Mittel, um zur Erlösung der Seele zu gelangen. Wenn DU DICH näher über seine religöse Vorstellungen und seine "naturwissenschaflichen" Erkenntnisse informieren möchtest, solltest DU den folgenden Link anklicken. Aber Vorsicht! Das ganze Brimborium ist etwas verworren und darum nicht so leicht zu verstehen.



Jetzt zu den "Fakten" im Leben von Pythagoras: Es wird berichtet, dass die Blütezeit seiner Schaffenskraft in die 60. Olympiade (540 – 537) fiel. Mit dieser Redewendung umschrieb man im antiken Griechenland ein Alter von ungefähr 40 Jahren, womit sich das Geburtsjahr von Pythagoras zumindest eingrenzen lässt. Nach Meinung der verschiedenen Historiker wurde er irgendwann zwischen 575 und 560 vor Christus auf der Insel Samos geboren. Seine Mutter war eine Einheimische und hieß wahrscheinlich Pythais. Bei der Nennung des Vaters wird es nun schon wieder erheblich schwerer. Es könnte natürlich der Ehemann seiner Mutter gewesen sein, ein gewisser Mnesarchos. Er war ein reicher Kaufmann oder begnadeter Goldschmied, der ursprünglich aus Phönizien (heute syrische Küste) kam. Als Ausländer blieb dieser auf Samos wohl immer ein Außenseiter, obwohl er von den Samiern wegen einer lebensrettenden Kornlieferung während einer Dürrezeit zum Ehrenbürger ernannt wurde. Nicht anders erging es dann aber auch Pythagoras, der ebenfalls kein Vollgrieche war. Andere Quellen berichten hingegen, dass Pythagoras ein Sohn vom Gott Apollon war, den seine Mutter als Jungfrau zur Welt brachte. Mnesarchos wurde schon im voraus durch das Orakel von Delphi (zentales Heiligtum aller Griechen) auf diese Geburt vorbereitet. Alles also ganz ähnlich wie bei Jesus von Nazareth, dem Sohn der Jungfrau Maria. Dessen Vater erhielt die Botschaft ebenfalls vor der Geburt, allerdings durch einen Engel. Und dann gibt es natürlich noch eine dritte Variante, die der Philosoph Hekateios sicherlich bevorzugen würde. Er sagte nämlich, dass alle Frauen, die einen göttlichen Vater ihres Kindes vorschieben, nur von ihren eigenen sexuellen Kontakten zu einem Geliebten ablenken wollen. Demnach war Pythagoras dann ein uneheliches Kind. Welche dieser drei Möglichkeiten DU für wahr hältst, bleibt letztlich DIR allein überlassen. Der Meister selbst hat sich dazu nicht eindeutig geäußert, aber sicherlich wäre es ihm ganz recht, wenn DU ihn als Gott verehren würdest. Jedenfalls hat er nie jemanden zur Mäßigung bei der Bewunderung seiner Person aufgefordert. Nicht einmal den berühmten Apollonpriester Abaris, der angeblich auf Pfeilen reiten konnte. Ähnlich wie Münchhausen, der sich auf einer Kanonenkugel durch die Luft bewegte. Dieser Abaris hatte nämlich in Pythagoras den zum Menschen gewordenen Apollon erkannt. Der Meister heizte die gottähnliche Verehrung durch seine Schüler sogar noch an, indem er behauptete, dass seine Seele ursprünglich im Körper von Aithalides war, einem Sohn Apollons.

Hera Tempel


Die äußerst fruchtbare Insel Samos war eine Handelsmacht zur See, ihre Schiffe verkehrten auf allen damals bekannten Meeren. Der Haupthafen beim heutigen Ort Pythagorion galt als Tor zwischen dem türkischen und dem griechischen Festland. Ganz in der Nähe des Hafens in sechs Kilometer Entfernung lag dann auch noch der berühmte Hera-Tempel, das größte Bauwerk der Antike. Ein Besuch dieses Heiligtums lohnt sich, schon allein, um eine Vorstellung von den Ausmaßen zu bekommen. Samos konnte also in jeder Beziehung mit den führenden Städten des Festlandes mithalten. Politisch war Samos mit Milet, Ephesus und anderen Städten an der westtürkischen Küste im "Ionischen Bund" zusammengeschlossen. Zur Zeit des Pythagoras wurde das wohlhabene Inselreich durch den tyrannischen Alleinherrscher Polykrates regiert, einem der größten Schurken des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Ein waschechter Pirat, der mit seinen Kriegschiffen so gut wie jeden überfiel, den er aufspürte. In seiner Außenpolitik verbündete er sich stets mit den schlimmsten Schlächtern. Sobald er aber merkte, dass der politische Wind oder das Kriegsglück sich drehten, wechselte er noch rechtzeitig die Seite. An seinem Hof ging es natürlich auch entsprechend zu, ein ausschweifendes Leben und absolute Lasterhaftigkeit waren hier an der Tagesordnung. Das alles vergisst man leicht, wenn man das Eupalinion besichtigt, dessen Auftraggeber er war. Bei diesem Bauwerk handelt es sich um einen mehr als einen Kilometer langen Tunnel, der zur Wasserversorgung seiner Hauptstadt durch eine außerhalb gelegenen Quelle diente. Die Arbeiten am Tunnel setzten an beiden Seiten des Berges gleichzeitig ein, wobei die Stollen zunächst gerade vorangetrieben wurden. Erst dort, wo sich die beiden Schächte dann annäherten, kam es zu Kurven, in denen sie schließlich zusammentrafen. Das perfekt vollendete Bauwerk stellt eine der erstaunlichsten Ingenieurleistungen aus dieser Zeit dar. Seinen Namen erhielt es nach seinem Architekten, der Eupalinos von Megara hieß. Musst DU DIR unbedingt anschauen, wenn DU mal nach Samos in den Urlaub fliegst!

Kamel

Zurück zu Pythagoras: Mit etwa 20 Jahren soll er sich per Schiff auf den Weg in das nahe gelegene Milet aufgemacht haben, um die Lehren von Thales und Anaximander zu hören. Gerade vom letztgenannten muss er tief beeindruckt gewesen sein. Denn bei seiner eigenen metaphysischen Lehre griff er teilweise auf die Ansichten Anaximanders zurück. Anschließend machte Pythagoras sich auf eine etwa 20-jährige Bildungsreise. Zunächst besuchte er Ägypten, wobei er bestimmt ein Empfehlungsschreiben vom Diktator Polykrates an dessen engen Verbündeten, Pharao Amasis, mitbekam, quasi als einen Türöffner. Denn eigentlich hatten die ägyptischen Priester wenig Lust, Pythagoras als Schüler aufzunehmen. Sie taten es dann aber am Ende doch, wohl auf Druck ihres Staatsoberhauptes. Anschließend bereiste Pythagoras auch noch Phönizien und Mesopotamien. Auf seiner überaus langen Reise durch die arabische Welt erwarb er nicht nur tiefgreifende Erkenntnisse über die Astronomie und die Mathematik, sondern er wurde von den Magiern auch in die Geheimnisse der mystischen Riten eingeführt. Nach Beendigung seiner Studien im orientalischen Ausland kehrte Pythagoras in seine Heimat Samos zurück und wurde dort der Lehrer von Polykrates' Sohn. Gleichzeitig versuchte er bereits hier, seine Philosophie mit starken mystischen Einschlägen unters Volk zu bringen, indem er Vorlesungen unter freiem Himmel abhielt. Doch seine Landsleute konnte er mit seinen Lehren überhaupt nicht begeistern. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Samier unseren Meister einfach auslachten! Nicht nur wegen seiner philosophischen Überzeugungen war Pythagoras hier ein völliger Außenseiter, sondern auch wegen seines Aussehens: Er trug nämlich nicht die in Griechenland üblichen langen Gewänder, sondern Hosen nach persischem Brauch. Zudem lief er mit langen Haaren und einem sehr stattlichen Bart herum. Gerade diese Angewohnheit des Wachsenlassens aller Kopfhaare wurde später zum äüßeren Kennzeichen der Pythagoreer. Auch wenn Pythagoras heute neben dem großen Platon und dem nicht minder großen Aristoteles als einer der wichtigsten Philosophen in der Antike gilt, sollte man sich über seine damalige Stellung also nichts vormachen!

Jedenfalls hielt Pythagoras es nicht lange auf seiner Heimatinsel aus. Im Alter von etwa 40 Jahren beschloss er, sie endgültig und für immer zu verlassen. Gründe dafür hatte er mehr als genug: Zum einen seine eigene Erfolgslosigkeit und zum anderen die alles unterdrückende Alleinherrschaft von Polykrates. Übrigens ereilte letztendlich auch diesem ganz erbärmlichen Schurken sein verdientes Schicksal, denn er wurde im Jahr 522 vor Christus von den Persern in eine Falle gelockt und dann gekreuzigt. Etwa um 530 vor Christus wanderte Pythagoras in die süditalienische Stadt Kroton (heute: Crotone) an der Küste Kalabriens aus, die eine führende Stellung im italienischen Bereich Großgriechenlands einnahm. Die Ältestenversammlung dieser Stadt bot ihm einen Job als Lehrer für die einheimische Jugend an. Pythagoras nutzte diese Chance gnadenlos aus, indem er seine religiös-wissenschaftliche Gemeinschaft gründete. Mit Hilfe seiner zunächst etwa 300 Schüler oder besser gesagt Jünger übernahm er allmählich alle Hebel der Macht in Kroton und beeinflusste die soziale und politische Entwicklung in dieser Stadt. Zudem gewann sein neuer Aufenthaltsort im Laufe der Zeit auch noch die Macht über alle umliegenden Stadtstaaten, wo dann ebenfalls pythagoreische Gemeinschaften gegründet wurden. Letztlich besetzten seine Schüler in fast allen süditalienischen Städten die wichtigsten Ämter. Pythagoras selbst war hingegen nie öffentlich in der Politik tätig. Von ihm ist nur bekannt, dass er das Münzsystem Krotons entwarf. Trotzdem war er während dieser Zeit natürlich der mächtigste Mann in ganz Süditalien. Denn seine Schüler sahen ihn als ihre völlig unangefochtene geistige Autorität an, so dass sie ihm gegenüber zum unbedigten Gehorsam verpflichtet waren. Heute würde man Pythagoras wohl als die "graue Eminenz im Hintergrund" bezeichnen. Aber dieser Ausdruck scheint bei seiner schillernden Persönlichkeit irgendwie doch fehl am Platze. Pythagoras selbst sah sich als Verkünder der alleinigen Heilslehre zur Erlösung der Seele, wofür seiner Ansicht nach die Einfügung des menschlichen Dasein in die kosmische Harmonie notwendig war. Das erforderte wiederum eine ganz bestimmte Lebensführung. Das politische Ziel der Pythagoreer bestand nun darin, im Staat für solche gesetzlichen Ordnungen zu sorgen, dass genau dieser und kein anderer Lebensstil möglich war. Dieses war der erste Versuch in der Menschheitsgeschichte, ein solches "Reich der Vernunft" zu etablieren, bei dem die menschliche Ordnungen an die ewigen Ordnungen angeglichen werden sollten. Und ganz zweifellos hatte der pythagoreische Bund letztlich das Ziel, die Lebensführung und Politik im gesamtgriechischen Raum in ihrem Sinn zu reformieren. Zumindest nach Sizilien war ihre Heilsbotschaft schon teilweise übergesprungen.

Münze

Grundsätzlich sollte man gegen alle Bewegungen mit einem irgendwie gearteten Anspruch auf den alleinigen Besitz aller Wahrheiten ein großes Misstrauen haben. Denn sobald sie die Macht besitzen, andere Meinungen unterdrücken zu können, werden sie dieses rücksichtslos tun! Das war bei den Pythagoreern nicht anders, die sehr konservativ eingestellt waren und die stark aufkommende Demokratie bekämpften. Ihrer Überzeugung nach sollten nur eine kleine Gruppe der Besten herrschen (Oligarchie), und das waren natürlich sie selbst. Tatsächlich regierten sie viele süditalienische Stadtstaaten etwa 20 Jahre lang in ihrem Sinne, wobei Andersdenkende als Frevler gegen die kosmische Ordnung angesehen und entsprechend behandelt wurden. Etwa ab 500 vor Christus wurde das Pythagoreertum von der immer stärker werdenden demokratischen Opposition hinweggefegt. Die geistigen Anführer der Gegenbewegung in Kroton waren Kylon, ein schwerreicher Adliger, und Ninon von der demokratischen Partei, ein lügnerischer Redenschwinger. Diese waren in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich. An der Spitze von etwa 100 Schlägern setzten sie das Hauptquartier der Pythagoreer, eine Villa des Sportlers Milon, einfach in Brand. Nur ganz wenigen gelang die Flucht aus diesem Flammenmeer. Über das Ende von Pythagoras gibt es nun wieder verschiedene Varianten. Nach der ersten gehörte er zu den wenigen, die sich durch ein Fenster an der Hinterseite des Hauses retten konnten. Leider lag dort aber ausgerechnet ein großes Bohnenfeld. Und Pythagoras hasste Bohnen aus irgendeinem uns unbekannten Grund über alles. In seiner Schule war nicht nur deren Verzehr verboten, sondern dieses Gemüse durfte nicht einmal namentlich erwähnt werden. Deshalb flüchtete er auch nicht durch dieses Feld. Da ließ er sich schon lieber von den Verschwörern umbringen. Die zweite Variante besagt ebenfall, dass die Aufrührer den Meister festnahmen. Allerdings wurde er dann gleich wieder freigelassen, um ins Exil zu gehen. Das klingt aber eher unwahrscheinlich, insbesondere wenn man folgende Geschichte hinzu nimmt. Kylon soll den Anschlag gegen die pythagoreische Schule nämlich nur aus Rache dafür angeführt haben, weil sein Antrag auf Aufnahme in die Gemeinschaft abgelehnt wurde. Dann wird er Pythagoras als seinen Hauptfeind sicherlich nicht verschont haben! Nach der dritten Variante ist Pythagoras schon vor dem kylonisch-ninomischen Aufstand nach Metapont geflüchtet, nachdem er von dessen Planung irgendwie Wind bekommen hatte. Auch dieses ist sehr unwahrscheinlich, denn es kann als sicher gelten, dass der Meister seine Schüler rechtzeitig gewarnt hätte. Die am Aufstand beteiligten Personen hätten dann nur ein leeres Haus abgefackelt und wären später durch die Staatsmacht hart bestraft worden. Die letzte Variante besagt, dass Pythagoras seine Prinzipien im Angesicht des drohenden Todes über den Haufen warf und durch das Bohnenfeld nach Metapont geflüchtet ist. Letzlich bleiben also nur zwei Möglichkeiten übrig. Nach der ersten Variante wurde demnach Kroton zu Pythagoras' Sterbeort, nach der vierten Variante ging er in das 140 Kilometer entfernte Metapont, wo er sich dann bis zu seinem Tod aufhielt. Nach der glaubwürdigsten Erzählung ging er dort sofort in einen Tempel, wo er jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte und deshalb verhungerte. Demnach war Pythagoras bei seinem Tod etwa 70 Jahre alt. Der Legende nach soll er von diesem Tempel direkt in den Himmel aufgefahren sein. Und zwar als ganze leibliche Person, nicht nur seine Seele. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Jesus von Nazareth. In anderen Erzählungen wird berichtet, dass Pythagoras 90, 107 oder sogar mehr als 150 Jahre alt wurde. Das ist aber alles eher unglaubwürdig, denn man hat später nie mehr etwas von ihm gehört. Und es ist vollkommen unvorstellbar, dass ein solcher Mann wie es Pythagoras nun einmal war, sich in sein stilles Kämmerlein zurückzieht. Ganz sicher hingegen ist, dass die Anhänger von Pythagoras nach dem Anschlag überall in Süditalien und auf Sizilien verfolgt wurden. Man zerstörte ihre Gebäude und brachte alle Pythagoreer um, die man irgendwie in die Finger bekam. Nur ganz wenigen gelang es, sich auf das griechische Festland zu retten. Doch eine größere Rolle spielten sie nun nicht mehr, weder wissenschaftlich noch politisch.

Egal, was man von Pythagoras und seiner Philosophie hält. Man muss schlicht anerkennen, dass er eine überwältigende Persönlichkeit in seiner Zeit darstellte. Denn sonst hätten sich nicht die vielen Legenden um ihn gebildet. Bereits in der Antike wurde er als ein Mann mit überragendem Wissen gepriesen. Das ist ganz sicherlich richtig, trotzdem ergibt sich hier ein Problem. Denn leider kann man heute nicht mehr nachvollziehen, welche Erkenntnisse vom Schulgründer selbst entwickelt wurden und welches Wissen seine Schüler beisteuerten. Denn bei den Pythagoreern galt die Regelung, dass alle wesentlichen Entdeckungen immer dem über alles verehrten Meister zugeschrieben wurden. Und auch eine weitere Tatsache ist für uns mehr als verwunderlich: Pythagoras war schon zu seinen Lebzeiten im gesamten großgriechischen Raum bekannt. Dabei haben er und seine Schüler wahrscheinlich niemals eine Schrift verfasst. Er selbst war der Überzeugung, dass sein mathematisches und religiöses Wissen nur denjenigen enthüllt werden dürfte, die ihre Seele bereits gereinigt hatten. Und für seine Schüler galt eine strikte Geheimhaltungspflicht, so wie es fast in jeder Sekte üblich ist! Mit dem Eintritt in die pythagoreische Gemeinschaft verplichteten sie sich, über die Lehre und ihre Erkenntnisse strengstes Stillschweigen zu bewahren. Wer dieses interne Gesetz brach, für den gab es keine Gnade. Die Formen der Bestrafung reichten dabei von einem einfachen Ausschluss aus der Gemeinschaft bis hin zur Tötung des Verräters!


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