Mit
dem Leben von Pythagoras könnten ganze Bücher gefüllt
werden. Dafür müsste man aber alles glauben, was ihm so
in den verschiedenen Legenden angedichtet wurde. In Wirklichkeit
gibt es nur sehr wenig, was sich darüber mit Gewissheit sagen
lässt. Alles andere bleibt für uns verschwommen im Dunkeln
stecken. Oder glaubst DU etwa folgende Geschichten:
Pythagoras unterhielt sich mit einer gefährlichen Bärin
und hat sie durch bloßes Zureden dazu gebracht, zurück
in die Berge zu gehen. Außerdem soll er einen weißen
Adler gestreichelt haben, der vom Himmel herabstieß und sich
auf seinen Arm setzte, nur um ihn zu begrüßen. Selbst
von einem Fluss soll er namentlich mit lauter Stimme gegrüßt
worden sein. Man glaubte sogar, dass er sich an zwei Orten gleichzeitig
aufhalten konnte. Jedenfalls sah man ihn angeblich zur selben Zeit
in den Städten Kroton und Metapont, die immerhin ungefähr
140 Kilometer voneinander entfernt sind. Daneben traute man Pythagoras
auch zu, dass er Seuchen vertreiben und Stürme beschwichtigen
könne. Und natürlich war er der mutigste aller Menschen:
In Akragas (heute: Agrigent) soll er sich mit dem furchtbaren Tyrannen
Phalaris angelegt haben, der seine Gegner bei lebendigen Leib zu
rösten pflegte.
Diese und noch unzählige andere Wunderdinge wurden Pythagoras
von seinen vielen Schülern zugeschrieben, die ihn fast abgöttisch
verehrten. Dabei betrachteten sie ihren Meister als ein Sonderwesen,
das zwischen den Menschen und den Göttern angesiedelt war.
Sie hatten eine solche Ehrfurcht vor Pythagoras, dass sie in ihren
Gesprächen nie seinen Namen nannten. Dort wurde er nur als
"jener Mann", "er selbst" oder "der Göttliche"
bezeichnet. Die Formel "er selbst hat es gesagt" unterband
bei ihnen schlagartig jede weitere Diskussion über einen Sachverhalt.
Denn Pythagoras galt unangefochten als ihr geistiger Führer.
Er selbst begann seine Reden stets mit folgendem Satz: "Nein,
bei der Luft, die ich atme, nein, bei dem Wasser, das ich trinke,
ich gestatte keinen Widerspruch zu dem, was ich sage." Zunächst
scheint es doch schon sehr erstaunlich, dass seine Schüler
dieses autoritäre Gehabe kritiklos hinnahmen. Eine solche strikte
Unterwerfung unter den Meister wäre bei allen anderen Naturphilosophen
natürlich völlig undenkbar gewesen. Wie war das nur möglich?
Dazu muss man wissen, dass der pythagoreische Bund eine höchst
sonderbare Mischung aus Religion, Politik, Philosophie und Wissenschaft
darstellte. Er war nach heutigem Maßstab wohl eher eine religiöse
Sekte mit starken politischen Ansprüchen als eine philosophische
Schule. Entsprechend verstanden sich seine Schüler auch in
erster Linie als Anhänger eines religiösen Kultes und
nannten sich "Deuter der göttlichen Stimme". Und
Pythagoras war ihr angebeteter Religionsstifter, der seine Einsichten
angeblich direkt von den Göttern empfing. Und genau darum folgten
sie ihm ohne jegliche Widerrede. Mit der Entwicklung dieser religiös-wissenschaftlichen
Gemeinschaft beschritt Pythagoras einen vollkommen eigenständigen
Weg, der vom eigentlichen Denken der anderen Naturphilosophen total
abwich. Während die sich mehr oder minder stark vom Mythischen
abwandten, bestand das Grundgerüst seiner Philosophie geradezu
aus einer Mixtur der Mysterien verschiedenster Religionen. Das Kernstück
seiner ganzen religiösen Lehre war der Glaube an die Seelenwanderung.
Die wissenschaftliche und die philosophische Arbeit war für
ihn und seine Schüler hingegen nur ein Mittel, um zur Erlösung
der Seele zu gelangen. Wenn DU DICH näher
über seine religöse Vorstellungen und seine "naturwissenschaflichen"
Erkenntnisse informieren möchtest, solltest DU
den folgenden Link anklicken. Aber Vorsicht! Das ganze Brimborium
ist etwas verworren und darum nicht so leicht zu verstehen.
Jetzt zu den "Fakten" im Leben von Pythagoras: Es wird
berichtet, dass die Blütezeit seiner Schaffenskraft in die
60. Olympiade (540 – 537) fiel. Mit dieser Redewendung umschrieb
man im antiken Griechenland ein Alter von ungefähr 40 Jahren,
womit sich das Geburtsjahr von Pythagoras zumindest eingrenzen lässt.
Nach Meinung der verschiedenen Historiker wurde er irgendwann zwischen
575 und 560 vor Christus auf der Insel Samos geboren. Seine Mutter
war eine Einheimische und hieß wahrscheinlich Pythais. Bei
der Nennung des Vaters wird es nun schon wieder erheblich schwerer.
Es könnte natürlich der Ehemann seiner Mutter gewesen
sein, ein gewisser Mnesarchos. Er war ein reicher Kaufmann oder
begnadeter Goldschmied, der ursprünglich aus Phönizien
(heute syrische Küste) kam. Als Ausländer blieb dieser
auf Samos wohl immer ein Außenseiter, obwohl er von den Samiern
wegen einer lebensrettenden Kornlieferung während einer Dürrezeit
zum Ehrenbürger ernannt wurde. Nicht anders erging es dann
aber auch Pythagoras, der ebenfalls kein Vollgrieche war. Andere
Quellen berichten hingegen, dass Pythagoras ein Sohn vom Gott Apollon
war, den seine Mutter als Jungfrau zur Welt brachte. Mnesarchos
wurde schon im voraus durch das Orakel von Delphi (zentales Heiligtum
aller Griechen) auf diese Geburt vorbereitet. Alles also ganz ähnlich
wie bei Jesus von Nazareth, dem Sohn der Jungfrau Maria. Dessen
Vater erhielt die Botschaft ebenfalls vor der Geburt, allerdings
durch einen Engel. Und dann gibt es natürlich noch eine dritte
Variante, die der Philosoph Hekateios sicherlich bevorzugen würde.
Er sagte nämlich, dass alle Frauen, die einen göttlichen
Vater ihres Kindes vorschieben, nur von ihren eigenen sexuellen
Kontakten zu einem Geliebten ablenken wollen. Demnach war Pythagoras
dann ein uneheliches Kind. Welche dieser drei Möglichkeiten
DU für wahr hältst, bleibt letztlich
DIR allein überlassen. Der Meister selbst
hat sich dazu nicht eindeutig geäußert, aber sicherlich
wäre es ihm ganz recht, wenn DU ihn als Gott
verehren würdest. Jedenfalls hat er nie jemanden zur Mäßigung
bei der Bewunderung seiner Person aufgefordert. Nicht einmal den
berühmten Apollonpriester Abaris, der angeblich auf Pfeilen
reiten konnte. Ähnlich wie Münchhausen, der sich auf einer
Kanonenkugel durch die Luft bewegte. Dieser Abaris hatte nämlich
in Pythagoras den zum Menschen gewordenen Apollon erkannt. Der Meister
heizte die gottähnliche Verehrung durch seine Schüler
sogar noch an, indem er behauptete, dass seine Seele ursprünglich
im Körper von Aithalides war, einem Sohn Apollons.
Die äußerst fruchtbare Insel Samos war eine Handelsmacht
zur See, ihre Schiffe verkehrten auf allen damals bekannten Meeren.
Der Haupthafen beim heutigen Ort Pythagorion galt als Tor zwischen
dem türkischen und dem griechischen Festland. Ganz in der Nähe
des Hafens in sechs Kilometer Entfernung lag dann auch noch der
berühmte Hera-Tempel, das größte Bauwerk der Antike.
Ein Besuch dieses Heiligtums lohnt sich, schon allein, um eine Vorstellung
von den Ausmaßen zu bekommen. Samos konnte also in jeder Beziehung
mit den führenden Städten des Festlandes mithalten. Politisch
war Samos mit Milet, Ephesus und anderen Städten an der westtürkischen
Küste im "Ionischen Bund" zusammengeschlossen. Zur
Zeit des Pythagoras wurde das wohlhabene Inselreich durch den tyrannischen
Alleinherrscher Polykrates regiert, einem der größten
Schurken des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Ein waschechter
Pirat, der mit seinen Kriegschiffen so gut wie jeden überfiel,
den er aufspürte. In seiner Außenpolitik verbündete
er sich stets mit den schlimmsten Schlächtern. Sobald er aber
merkte, dass der politische Wind oder das Kriegsglück sich
drehten, wechselte er noch rechtzeitig die Seite. An seinem Hof
ging es natürlich auch entsprechend zu, ein ausschweifendes
Leben und absolute Lasterhaftigkeit waren hier an der Tagesordnung.
Das alles vergisst man leicht, wenn man das Eupalinion besichtigt,
dessen Auftraggeber er war. Bei diesem Bauwerk handelt es sich um
einen mehr als einen Kilometer langen Tunnel, der zur Wasserversorgung
seiner Hauptstadt durch eine außerhalb gelegenen Quelle diente.
Die Arbeiten am Tunnel setzten an beiden Seiten des Berges gleichzeitig
ein, wobei die Stollen zunächst gerade vorangetrieben wurden.
Erst dort, wo sich die beiden Schächte dann annäherten,
kam es zu Kurven, in denen sie schließlich zusammentrafen.
Das perfekt vollendete Bauwerk stellt eine der erstaunlichsten Ingenieurleistungen
aus dieser Zeit dar. Seinen Namen erhielt es nach seinem Architekten,
der Eupalinos von Megara hieß. Musst DU DIR
unbedingt anschauen, wenn DU mal nach Samos in
den Urlaub fliegst!
Zurück zu Pythagoras: Mit etwa 20 Jahren soll er sich per Schiff
auf den Weg in das nahe gelegene Milet aufgemacht haben, um die
Lehren von Thales und Anaximander zu hören. Gerade vom letztgenannten
muss er tief beeindruckt gewesen sein. Denn bei seiner eigenen metaphysischen
Lehre griff er teilweise auf die Ansichten Anaximanders zurück.
Anschließend machte Pythagoras sich auf eine etwa 20-jährige
Bildungsreise. Zunächst besuchte er Ägypten, wobei er
bestimmt ein Empfehlungsschreiben vom Diktator Polykrates an dessen
engen Verbündeten, Pharao Amasis, mitbekam, quasi als einen
Türöffner. Denn eigentlich hatten die ägyptischen
Priester wenig Lust, Pythagoras als Schüler aufzunehmen. Sie
taten es dann aber am Ende doch, wohl auf Druck ihres Staatsoberhauptes.
Anschließend bereiste Pythagoras auch noch Phönizien
und Mesopotamien. Auf seiner überaus langen Reise durch die
arabische Welt erwarb er nicht nur tiefgreifende Erkenntnisse über
die Astronomie und die Mathematik, sondern er wurde von den Magiern
auch in die Geheimnisse der mystischen Riten eingeführt. Nach
Beendigung seiner Studien im orientalischen Ausland kehrte Pythagoras
in seine Heimat Samos zurück und wurde dort der Lehrer von
Polykrates' Sohn. Gleichzeitig versuchte er bereits hier, seine
Philosophie mit starken mystischen Einschlägen unters Volk
zu bringen, indem er Vorlesungen unter freiem Himmel abhielt. Doch
seine Landsleute konnte er mit seinen Lehren überhaupt nicht
begeistern. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Samier unseren
Meister einfach auslachten! Nicht nur wegen seiner philosophischen
Überzeugungen war Pythagoras hier ein völliger Außenseiter,
sondern auch wegen seines Aussehens: Er trug nämlich nicht
die in Griechenland üblichen langen Gewänder, sondern
Hosen nach persischem Brauch. Zudem lief er mit langen Haaren und
einem sehr stattlichen Bart herum. Gerade diese Angewohnheit des
Wachsenlassens aller Kopfhaare wurde später zum äüßeren
Kennzeichen der Pythagoreer. Auch wenn Pythagoras heute neben dem
großen Platon und dem nicht minder großen Aristoteles
als einer der wichtigsten Philosophen in der Antike gilt, sollte
man sich über seine damalige Stellung also nichts vormachen!
Jedenfalls hielt Pythagoras es nicht lange auf seiner Heimatinsel
aus. Im Alter von etwa 40 Jahren beschloss er, sie endgültig
und für immer zu verlassen. Gründe dafür hatte er
mehr als genug: Zum einen seine eigene Erfolgslosigkeit und zum
anderen die alles unterdrückende Alleinherrschaft von Polykrates.
Übrigens ereilte letztendlich auch diesem ganz erbärmlichen
Schurken sein verdientes Schicksal, denn er wurde im Jahr 522 vor
Christus von den Persern in eine Falle gelockt und dann gekreuzigt.
Etwa um 530 vor Christus wanderte Pythagoras in die süditalienische
Stadt Kroton (heute: Crotone) an der Küste Kalabriens aus,
die eine führende Stellung im italienischen Bereich Großgriechenlands
einnahm. Die Ältestenversammlung dieser Stadt bot ihm einen
Job als Lehrer für die einheimische Jugend an. Pythagoras nutzte
diese Chance gnadenlos aus, indem er seine religiös-wissenschaftliche
Gemeinschaft gründete. Mit Hilfe seiner zunächst etwa
300 Schüler oder besser gesagt Jünger übernahm er
allmählich alle Hebel der Macht in Kroton und beeinflusste
die soziale und politische Entwicklung in dieser Stadt. Zudem gewann
sein neuer Aufenthaltsort im Laufe der Zeit auch noch die Macht
über alle umliegenden Stadtstaaten, wo dann ebenfalls pythagoreische
Gemeinschaften gegründet wurden. Letztlich besetzten seine
Schüler in fast allen süditalienischen Städten die
wichtigsten Ämter. Pythagoras selbst war hingegen nie öffentlich
in der Politik tätig. Von ihm ist nur bekannt, dass er das
Münzsystem Krotons entwarf. Trotzdem war er während dieser
Zeit natürlich der mächtigste Mann in ganz Süditalien.
Denn seine Schüler sahen ihn als ihre völlig unangefochtene
geistige Autorität an, so dass sie ihm gegenüber zum unbedigten
Gehorsam verpflichtet waren. Heute würde man Pythagoras wohl
als die "graue Eminenz im Hintergrund" bezeichnen. Aber
dieser Ausdruck scheint bei seiner schillernden Persönlichkeit
irgendwie doch fehl am Platze. Pythagoras selbst sah sich als Verkünder
der alleinigen Heilslehre zur Erlösung der Seele, wofür
seiner Ansicht nach die Einfügung des menschlichen Dasein in
die kosmische Harmonie notwendig war. Das erforderte wiederum eine
ganz bestimmte Lebensführung. Das politische Ziel der Pythagoreer
bestand nun darin, im Staat für solche gesetzlichen Ordnungen
zu sorgen, dass genau dieser und kein anderer Lebensstil möglich
war. Dieses war der erste Versuch in der Menschheitsgeschichte,
ein solches "Reich der Vernunft" zu etablieren, bei dem
die menschliche Ordnungen an die ewigen Ordnungen angeglichen werden
sollten. Und ganz zweifellos hatte der pythagoreische Bund letztlich
das Ziel, die Lebensführung und Politik im gesamtgriechischen
Raum in ihrem Sinn zu reformieren. Zumindest nach Sizilien war ihre
Heilsbotschaft schon teilweise übergesprungen.
Grundsätzlich sollte man gegen alle Bewegungen mit einem irgendwie
gearteten Anspruch auf den alleinigen Besitz aller Wahrheiten ein
großes Misstrauen haben. Denn sobald sie die Macht besitzen,
andere Meinungen unterdrücken zu können, werden sie dieses
rücksichtslos tun! Das war bei den Pythagoreern nicht anders,
die sehr konservativ eingestellt waren und die stark aufkommende
Demokratie bekämpften. Ihrer Überzeugung nach sollten
nur eine kleine Gruppe der Besten herrschen (Oligarchie), und das
waren natürlich sie selbst. Tatsächlich regierten sie
viele süditalienische Stadtstaaten etwa 20 Jahre lang in ihrem
Sinne, wobei Andersdenkende als Frevler gegen die kosmische Ordnung
angesehen und entsprechend behandelt wurden. Etwa ab 500 vor Christus
wurde das Pythagoreertum von der immer stärker werdenden demokratischen
Opposition hinweggefegt. Die geistigen Anführer der Gegenbewegung
in Kroton waren Kylon, ein schwerreicher Adliger, und Ninon von
der demokratischen Partei, ein lügnerischer Redenschwinger.
Diese waren in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich. An
der Spitze von etwa 100 Schlägern setzten sie das Hauptquartier
der Pythagoreer, eine Villa des Sportlers Milon, einfach in Brand.
Nur ganz wenigen gelang die Flucht aus diesem Flammenmeer. Über
das Ende von Pythagoras gibt es nun wieder verschiedene Varianten.
Nach der ersten gehörte er zu den wenigen, die sich durch ein
Fenster an der Hinterseite des Hauses retten konnten. Leider lag
dort aber ausgerechnet ein großes Bohnenfeld. Und Pythagoras
hasste Bohnen aus irgendeinem uns unbekannten Grund über alles.
In seiner Schule war nicht nur deren Verzehr verboten, sondern dieses
Gemüse durfte nicht einmal namentlich erwähnt werden.
Deshalb flüchtete er auch nicht durch dieses Feld. Da ließ
er sich schon lieber von den Verschwörern umbringen. Die zweite
Variante besagt ebenfall, dass die Aufrührer den Meister festnahmen.
Allerdings wurde er dann gleich wieder freigelassen, um ins Exil
zu gehen. Das klingt aber eher unwahrscheinlich, insbesondere wenn
man folgende Geschichte hinzu nimmt. Kylon soll den Anschlag gegen
die pythagoreische Schule nämlich nur aus Rache dafür
angeführt haben, weil sein Antrag auf Aufnahme in die Gemeinschaft
abgelehnt wurde. Dann wird er Pythagoras als seinen Hauptfeind sicherlich
nicht verschont haben! Nach der dritten Variante ist Pythagoras
schon vor dem kylonisch-ninomischen Aufstand nach Metapont geflüchtet,
nachdem er von dessen Planung irgendwie Wind bekommen hatte. Auch
dieses ist sehr unwahrscheinlich, denn es kann als sicher gelten,
dass der Meister seine Schüler rechtzeitig gewarnt hätte.
Die am Aufstand beteiligten Personen hätten dann nur ein leeres
Haus abgefackelt und wären später durch die Staatsmacht
hart bestraft worden. Die letzte Variante besagt, dass Pythagoras
seine Prinzipien im Angesicht des drohenden Todes über den
Haufen warf und durch das Bohnenfeld nach Metapont geflüchtet
ist. Letzlich bleiben also nur zwei Möglichkeiten übrig.
Nach der ersten Variante wurde demnach Kroton zu Pythagoras' Sterbeort,
nach der vierten Variante ging er in das 140 Kilometer entfernte
Metapont, wo er sich dann bis zu seinem Tod aufhielt. Nach der glaubwürdigsten
Erzählung ging er dort sofort in einen Tempel, wo er jegliche
Nahrungsaufnahme verweigerte und deshalb verhungerte. Demnach war
Pythagoras bei seinem Tod etwa 70 Jahre alt. Der Legende nach soll
er von diesem Tempel direkt in den Himmel aufgefahren sein. Und
zwar als ganze leibliche Person, nicht nur seine Seele. Eine weitere
Gemeinsamkeit mit Jesus von Nazareth. In anderen Erzählungen
wird berichtet, dass Pythagoras 90, 107 oder sogar mehr als 150
Jahre alt wurde. Das ist aber alles eher unglaubwürdig, denn
man hat später nie mehr etwas von ihm gehört. Und es ist
vollkommen unvorstellbar, dass ein solcher Mann wie es Pythagoras
nun einmal war, sich in sein stilles Kämmerlein zurückzieht.
Ganz sicher hingegen ist, dass die Anhänger von Pythagoras
nach dem Anschlag überall in Süditalien und auf Sizilien
verfolgt wurden. Man zerstörte ihre Gebäude und brachte
alle Pythagoreer um, die man irgendwie in die Finger bekam. Nur
ganz wenigen gelang es, sich auf das griechische Festland zu retten.
Doch eine größere Rolle spielten sie nun nicht mehr,
weder wissenschaftlich noch politisch.
Egal, was man von Pythagoras und seiner Philosophie hält. Man
muss schlicht anerkennen, dass er eine überwältigende
Persönlichkeit in seiner Zeit darstellte. Denn sonst hätten
sich nicht die vielen Legenden um ihn gebildet. Bereits in der Antike
wurde er als ein Mann mit überragendem Wissen gepriesen. Das
ist ganz sicherlich richtig, trotzdem ergibt sich hier ein Problem.
Denn leider kann man heute nicht mehr nachvollziehen, welche Erkenntnisse
vom Schulgründer selbst entwickelt wurden und welches Wissen
seine Schüler beisteuerten. Denn bei den Pythagoreern galt
die Regelung, dass alle wesentlichen Entdeckungen immer dem über
alles verehrten Meister zugeschrieben wurden. Und auch eine weitere
Tatsache ist für uns mehr als verwunderlich: Pythagoras war
schon zu seinen Lebzeiten im gesamten großgriechischen Raum
bekannt. Dabei haben er und seine Schüler wahrscheinlich niemals
eine Schrift verfasst. Er selbst war der Überzeugung, dass
sein mathematisches und religiöses Wissen nur denjenigen enthüllt
werden dürfte, die ihre Seele bereits gereinigt hatten. Und
für seine Schüler galt eine strikte Geheimhaltungspflicht,
so wie es fast in jeder Sekte üblich ist! Mit dem Eintritt
in die pythagoreische Gemeinschaft verplichteten sie sich, über
die Lehre und ihre Erkenntnisse strengstes Stillschweigen zu bewahren.
Wer dieses interne Gesetz brach, für den gab es keine Gnade.
Die Formen der Bestrafung reichten dabei von einem einfachen Ausschluss
aus der Gemeinschaft bis hin zur Tötung des Verräters!
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