Melissos wurde zwischen 490 und 480 vor Christus als Sohn des Ithagenes auf der Insel Samos geboren. Über die ersten 40 Lebensjahre dieses Sprosses einer der angesehensten samischen Familien gibt es absolut keine Überlieferungen. Es darf aber durchaus vermutet werden, dass er während dieser Zeit zahlreiche Seereisen als Soldat unternahm. Letztlich kennen ihn nur wenige Menschen als großen Philosophen, sondern sein Name wird in der Regel mit einer Seeschlacht zwischen Samos und Athen verbunden. Melissos war der Kommandeur der siegreichen Flotte von Samos. Wie kam es zu dieser Auseinandersetzung? Nun, das ist nicht so ganz einfach zu erklären:

Die äußerst fruchtbare Insel Samos war eine Handelsmacht zur See, ihre Schiffe verkehrten auf allen damals bekannten Meeren. Der Haupthafen beim heutigen Ort Pythagorion galt als Tor zwischen dem türkischen und dem griechischen Festland. Ganz in der Nähe des Hafens in sechs Kilometer Entfernung lag dann auch noch der berühmte Hera-Tempel, das größte Bauwerk der Antike. Ein Besuch dieses Heiligtums lohnt sich, schon allein, um eine Vorstellung von den Ausmaßen zu bekommen. Samos konnte also in jeder Beziehung mit den führenden Städten des Festlandes mithalten. Politisch war Samos mit Milet, Ephesus und anderen Städten an der westtürkischen Küste im "Ionischen Bund" zusammengeschlossen. Alle ionischen Städte wurden im Jahr 546 vor Christus von den Persern eingenommen. Ihre politische Freiheit wurde stark eingeschränkt, sie mussten hohe Summen an das Perserreich zahlen und ihr Handel wurde zugunsten Phöniziens (syrische Küste) erheblich behindert. Das alles führte zum Aufstand der ionischen Städte gegen ihren Besatzer (500 – 494 v.Chr.), der aber trotz der Unterstützung durch Athen kläglich scheiterte. Samos nahm zunächst am Aufstand teil, schlug sich dann aber auf die persische Seite, als das Kräfteverhältnis klar wurde. Nachdem die Perser den Aufstand niedergeschlagen hatten, wurden die an der Revolte beteiligten Städte äußerst schwer bestraft, nur Samos kam ungeschoren davon. Das persische Heer zog nun zu einem Feldzug aus, um die Athener für ihre Hilfe zu bestrafen. Dabei erlitten sie aber im Jahr 490 vor Christus eine völlig unerwartete Niederlage, als Athen die persische Armee bei Marathon vernichtend schlug. Ungefähr zehn Jahre später versuchten die Perser ihr Glück aufs neue, aber auch diesmal endete der von ihnen angezettelte Krieg für sie in einer Katastrophe. Zunächst wurde ein Großteil ihrer Flotte bei Salamis in den Grund gebohrt, dann schlug die attische Armee das persische Heer bei Platää und schließlich ging der Rest der persischen Flotte bei einem weiteren Seegefecht in der Nähe der Insel Samos unter. Athen war zu einer Großmacht aufgestiegen und die ionischen Städte wurden befreit. Nach der Abwehr der persischen Invasionsversuche gründete Athen im Jahr 477 vor Christus den so genannten „Attisch-Delischen Seebund“. Diese Vereinigung griechischer Stadtstaaten unter der Führung Athens wurde zunächst nur eingerichtet, um Griechenland vor weiteren Überfällen zu schützen. Samos und die anderen ionischen Städte traten dem Seebund natürlich bei, einen besseren Schutz gegen die Perser gab es damals nicht. Etwa um 449 vor Christus entwickelte sich der Attisch-Delische Seebund mit seinen bis zu 200 Mitgliedsstädten aber zunehmend zu einem Machtinstrument der athenischen Politik, was die Interessen der anderen Handelsstaaten traf. Deshalb trat Samos etwa um 440 vor Christus aus dem Seebund aus. Hinzu kam auch noch, dass Samos einen Krieg mit Milet anzettelte, bei dem es um die Vorherrschaft über die ebenfalls ionische Stadt Priene ging. Die militärisch unterlegenen Milesier wandten sich an Perikles, dem alles entscheidenden Mann bei ihrer Schutzmacht Athen, damit dieser ihre Interessen verteidigte. Den damaligen Gerüchten nach hatte die milesische Abordnung zunächst aber wenig Erfolg, Athen hatte keine Lust einzugreifen. Das änderte sich erst, als Perikles durch seine aus Milet stammende Geliebte Aspasia umgestimmt wurde. Athen schickte eine Flotte mit 40 Schiffen nach Samos, verjagte die herrschende Regierung aus Konservativen und setzte an deren Stelle einen demokratischen Ausschuss ein. 50 Söhne aus den angesehensten Familien (Aristokraten) von Samos wurden als Geiseln genommen und zudem ließen die Athener auch noch eine kleine Besatzungstruppe zur Verteidigung ihrer Interessen zurück. Als größte Schande sahen die Samier aber an, dass die athenischen Soldaten einigen ihrer Würdenträger eine Sameina auf die Stirn tätowierten, das typische Boot der Insel Samos.
Und nun kommt endlich auch Melissos ins Spiel. Denn einer Gruppe von Politikern war die Flucht gelungen, und sehr wahrscheinlich befand sich unser Philosoph unter ihnen. Pissuthnes, der Tyrann von Sardes (heute: Türkei) gewährte ihnen politisches Asyl. Mit seiner Hilfe bewaffnete man auch 700 Soldaten zur Rückeroberung des verlorenen Vaterlandes. Das geplante Unternehmen gelang, die Aristokraten übernahmen wieder die Herrschaft auf Samos, nachdem sie die Besatzungstruppen überwältigt hatten. Aus Rache für das schändliche Verhalten der athenischen Eroberer tätowierten sie nun ihrerseits jedem Athener eine Eule als Symbol von deren Stadt ins Gesicht. Aber richtig freuen konnten sich die siegreichen Samier nicht. Denn sie mussten damit rechnen, dass Perikles und seine Athener früher oder später wieder auftauchen würden. Daher versuchten sie zunächst, Athen auf diplomatischem Weg zu besänftigen. Ihr Helfer Pissuthnes bot Perikles sogar 10.000 Goldtaler an, eine ungeheure Summe. Aber das half alles nichts, die Athener wollten diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Da dieses von vornherein zu befürchten stand, bereitete Melissos schon während der Zeit der Verhandlungen die Verteidigung von Samos vor. Die Mauern der Hauptstadt wurden verstärkt und im Inneren der Stadt legte man einen großen Vorrat an Lebensmitteln an. Der Feind ließ nicht lange auf sich warten: Soldaten von 60 Schiffen, die Perikles persönlich befehligte, belagerten die völlig eingeschlossene Stadt, nachdem sie eine erste Seeschlacht schon gewonnen hatten. In dieser aussichtslos erscheinenden Lage war es Melissos, der die Niederlage durch ein verwegenes Vorgehen verhinderte. Als sich Perikles eines Nachts mit einigen Schiffen entfernt hatte, nutzte er die Gelegenheit zu einem Überraschungsangriff und zerstörte den dagebliebenen Teil der athenischen Flotte. Damit erzielte er einen zwischenzeitlichen Pluspunkt für Samos. Doch auch das konnte den Untergang nicht abwenden. Athen bewaffnete nämlich eine noch stärkere Flotte als zuvor und belagerte die samische Hauptstadt ganze 9 Monate lang. Am Ende wurden die Mauern mit Hilfe neuer Kriegsmaschinen überwunden, die ein gewisser Artemon Periphoretos erfunden hatte. Das war übrigens ein überaus komischer Kauz: Aus Angst vor einem Unfall verließ er nie sein Haus, er verbrachte sein ganzes Leben im Sitzen. Außerdem mussten auch noch ständig zwei Sklaven neben ihm stehen und ein eisernes Schild über ihn halten, damit ihm nichts auf den Kopf fallen konnte.
Samos war unterworfen und der Herrschaft Athens unterstellt. Die Häfen der Insel dienten der athenischen Flotte als Stützpunkt. Was aus Melissos wurde, ist vollkommen unbekannt. Vielleicht richtete man ihn als Hauptverantwortlichen für die empfindliche Niederlage hin. Für die weitere Geschichte von Samos war der so genannte „Peloponnesische Krieg“ (431 – 404 v.Chr.) zwischen Athen und Sparta von entscheidender Bedeutung. Auslöser war die Handelsstadt Korinth, die ihre Handelsinteressen durch den Attisch-Delischen Bund gefährdet sah. Da sie militärisch nicht stark genug war, um es mit Athen und seinen Verbündeten aufzunehmen, wiegelte sie Sparta auf. In dem langen Krieg mit wechselhaften Erfolgen behielt am Ende Sparta die Oberhand. Athen musste im Jahr 404 vor Christus kapitulieren. Bereits ein Jahr zuvor wurde Samos vom spartanischen Feldherren Lysander eingenommen, der ein aristokratisches Regime unter seiner Führung einsetzte.
Und jetzt endgültig zum philosophischen Wirken von Melissos: Er war ein Schüler von Zenon und daher selbstverständlich auch ein Anhänger der parmenideischen Lehre. Wann er seinen Lehrer kennenlernte, ist völlig ungewiss. Vielleicht hörte er Zenon direkt in Elea im Zuge einer Seereise. Wahrscheinlicher ist aber, dass Melissos seinen Lehrer zwischen 450 und 440 vor Christus in Athen traf. Denn Zenon und Parmenides suchten Athen um 450 vor Christus in einer diplomatischen Mission ihrer Vaterstadt auf. Während Parmenides nur sehr kurz in Athen blieb, hielt Zenon sich anscheinend für viele Jahre dort auf. Nach 440 vor Christus kann das Zusammentreffen unmöglich stattgefunden haben, da Melissos dann bereits als einer der Hauptfeinde Athens galt. Er hätte sich dort nicht mehr unbehelligt aufhalten können. Ob Anaxagoras wiederum ein Schüler von Melissos war, ist auch heute noch heftig umstritten. Melissos verfasste eine Schrift mit dem Titel „Über die Natur oder über das Seiende“, von der nur noch sehr wenige Fragmente erhalten sind. In dieser verteidigte er vorwiegend die Lehre des Parmenides: In der wahren Wirklichkeit gibt es das Seiende einzig und allein in der Form einer unveränderbaren Ganzheit, deren Struktur ausschließlich durch die Vernunft erkannt werden kann. Alle durch die menschlichen Sinnesorgane wahrgenommenen Dinge und Erscheinungen stellen hingegen lediglich (optische) Täuschungen dar, die nichts vom innersten Wesen des Seinenden enthalten. Jede Sinneserfahrung ist nur eine Illusion und die darauf beruhenden Aussagen sind bloß Meinungen bzw. angenommene Überzeugungen ohne großen Wert. Doch Melissos hat nicht nur wie Zenon die Lehre des eleatischen Altmeisters nachgeplappert.
In einem Punkt konnte er sie präzisieren. Dabei geht es um die gleichmäßige Verteilung des Seins (Homogenität) in der Ganzheit des Seienden. Bei Parmenides war diese Eigenschaft des Seins nur eine Setzung, weil es sonst als unvollkommen gelten würde. Melissos wollte hingegen zeigen, dass die Homogenität notwendig aus der Nichtexistenz des Nichtseienden folgt. Seine Begründung lautet so: „Auch kann es kein Dicht oder Dünn geben. Denn das Dünne kann unmöglich ähnlich voll sein wie das Dichte, sondern das Dünne entsteht ja bereits als etwas, das leerer ist als das Dichte.“ In einem anderen Punkt unterscheiden sich die metaphysischen Vorstellungen von Parmenides und Melissos sogar ganz wesentlich: Parmenides hatte behauptet, dass alles Sein ein fest in sich selbst eingechlossenes, einheitlich gefülltes Ganzes in Kugelform sei. Diese Setzung zum Ausdruck der Vollkommenheit des ganzheitlich Seienden macht aber nur dann einen Sinn, wenn man sich ganz abstrakt mit dem Seienden auf einer rein geistigen Ebene befasst. Sobald sich die Beschätigung mit dem Seienden an der empirischen Wirklichkeit orientiert, beinhaltet das Bild der Kugelform auch immer die Vorstellung von der Endlichkeit des Raumes und somit der Körperlichkeit der Ganzheit. Das war aber der Ansatzpunkt für Melissos: Für ihn war die Ganzheit des Seienden mit dem Kosmos identisch. Entsprechend argumentierte er, dass das Seiende keine bestimmte Begrenzung haben kann, sondern unbegrenzt sein muss. In seinen Worten hört sich das so an: „Gleich wie es immerdar ist, so muss es auch der Größe nach immerdar unendlich sein.“ Warum ist das so? Wenn man in der wahrnehmbaren Wirklichkeit die Existenz eines Körpers mit irgendeiner endlichen Form annimmt, so gibt es immer etwas anderes außerhalb von diesem, von dem er umschlossen ist. Rein theoretisch kann das aber nur Seiendes oder Nichtseiendes (leerer Raum) sein. Beides ist aber bei der eleatischen Seins-Konzeption unmöglich. Denn wäre es ein anderes Seiendes, dann hätten wir es mit einer Vielzahl von Seinden zu tun. Es gibt aber nur das eine, ganzheitliche Seiende. Und die Existenz des leeren Raums wird bereits als Grundvoraussetzung abgelehnt, so dass die Leere natürlich auch nicht als Umhüllung in Frage kommt. Daher ist man dazu gezwungen, das materielle Weltall als in allen Richtungen unendlich ausgedehnt zu betrachten. Im Zuge seiner Verteidigung der parmenideischen Lehre machte sich Melissos auch bereits hypothetische Gedanken über das Aussehen einer haltbaren Theorie, welche die Vielzahl der wahrnehmbaren Dinge und Erscheinungen mit einbezieht. Diese kann nach seiner Ansicht nur durch das Aufbrechen der Kugel des Parmenides in kleinere Einheiten gewonnen werden. Jede dieser Einheiten müsste dann in sich selbst dem „Einen“ des Parmenides gleichen, auch in der Begrenztheit, die er für das ganzheitliche Sein abgelehnt hatte. Denn gäbe es „mehrere Dinge, so könnten sie nicht unendlich sein, sondern bildeten gegeneinander Grenzen.“ Hier schimmert eindeutig schon die Atomtheorie von Leukipp und Demokrit durch! Ob Melissos den Kosmos als Ganzheit des Seienden mit dem Göttlichen verband, muss offen bleiben. Zumindest lehnte er jede Äußerung hinsichtlich der vorherrschenden Religion ab, da es von den Göttern dieses Glaubens keine Erkenntnis geben könne.
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