Die
genauen Jahresdaten seiner Geburt und seines Todes sind zwar nicht
bekannt, aber immerhin weiß man von Heraklit, dass er um das
Jahr 500 vor Christus "in der Blüte seines Lebens"
stand. Mit dieser Redewendung umschrieben die alten Griechen ein
Lebensalter von ungefähr 40 Jahren. Zudem ist überliefert,
dass Heraklit im Alter von etwa 60 Jahren starb. Mit diesen Angaben
lassen sich seine Lebensdaten einigermaßen genau festlegen.
In den meisten Werken zur Philosophiegeschichte wird ein Bild von
Heraklit aufgebaut, das ihn als überheblichen Schnösel
und Stinkstiefel darstellt, der eigentlich immer schlechte Laune
hatte. Teilweise wird sogar behauptet, dass er ein Buch mit dem
Titel "Gegen das Leben" geschrieben haben soll. Ganz sicherlich
war der Umgang mit diesem Menschen ausgesprochen schwierig. Aber
Heraklits hauptsächlicher Charakterzug war wohl seine große
Einsamkeit, die sich aus dem konsequenten Festhalten an seinen Prinzipien
entwickelte. Er war also ganz bestimmt keiner von den Menschen,
die ihr Fähnlein immer in den Wind hängen. Heraklit lehnte
die demokratische Staatsform seiner Vaterstadt entschieden ab. Dazu
muss man wissen, dass die Demokratie in Ephesus erst um 494 vor
Christus entstand, nachdem ein Aufstand des ionischen Städtebundes
(wozu auch Ephesus gehörte) gegen die Unterdrückung durch
das Perserreich gescheitert war. Vorher hatte sein persönlicher
Freund Hermodoros in dieser Stadt geherrscht, ein Mann, dem auch
seine Gegner außergewöhnliche Tugenden nachsagten. Dieser
wurde von der Volksvertretung mit folgender Begründung ins
Exil verbannt: "Von uns soll keiner der Wertvollste sein oder,
wenn schon, dann anderswo und bei anderen." Natürlich
war Heraklit von dieser Vorgehensweise tief enttäuscht und
machte das auch überaus deutlich. Er verzichtete zugunsten
seines jüngeren Bruders auf das sehr hohe Würdenamt des
so genannten Basileus, auf das er als Erstgeborener seiner Familie
ein ererbtes Anrecht hatte. Ein Basileus hatte den Vorsitz bei den
sportlichen Wettkämpfen und war gleichzeitig der höchste
Opferpriester der eleusinischen Mysterien im Stadtstaat. Der mit
diesen Mysterien verbundene Fruchtbarkeitskult stand in einem direkten
Zusammenhang mit den Gottesdiensten im berühmten Tempel der
Artemis. Einige der Statuen dieses Kultes kann man noch heute im
Museum von Ephesus bestaunen: Es sind Frauen, deren ganzer Oberkörper
mit Brüsten bedeckt ist. Heraklits Recht auf die Übernahme
dieses hohen Amtes leitete sich aus der Tradition seiner sehr vornehmen
Adelsfamilie mit königlichem Stammbaum ab. Sein Vater (Bloson
oder Blison) war nämlich ein direkter Nachfahre von Androklos,
dem Gründer von Ephesus. Und dieser war wiederum ein Sohn des
Königs Kodros von Athen.
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Wie auch die meisten anderen Mitglieder der vornehmen Adelsfamilien
(Aristokratie) lehnte er die demokratische Staatsform ab, weil er
der Gesamtheit der Bürger keine vernünftigen Entscheidungen
zutraute. Seiner Meinung nach sollte der Staat vielmehr und ausschließlich
von den Besten und Fähigsten gelenkt werden. Von seiner politischen
Grundeinstellung her trat er nach heutigem Verständnis also
für die Adels- oder Alleinherrschaft ein. Aus seiner Abneigung
gegen die Demokratie machte Heraklit nie ein Hehl. Als Konsequenz
zog er sich vollständig aus dem ganzen öffentlich-politischen
Leben zurück. Statt dessen ging er in den Tempel der Artemis,
um mit den Kindern zu würfeln. Als er von den Menschen auf
dieses Verhalten angesprochen wurde, sagte er: "Was wundert
ihr euch, ihr heilloses Gesindel? Ist dies nicht eine anständigere
Beschäftigung, als mit euch die Staatsgeschäfte zu führen?"
Hier haben wir es zum ersten mal ganz deutlich mit einen unangenehmen
Charakterzug dieses Philosophen zu tun. Seine Kritik an anderen,
ob berechtigt oder nicht, schoss sprachlich immer weit über
das eigentliche Ziel hinaus und war daher für sein Gegenüber
einfach nur verletzend. Zu einem vernünftigen Gespräch
des Ausgleichs konnte es nicht mehr kommen. Diese aufbrausende Art
ist letztlich wohl auch die Ursache für seine große Einsamkeit.
Auch wenn Heraklit über die Vertreibung seines Freundes Hermodoros
vielleicht zu Recht entrüstet war, rechtfertigt das natürlich
nicht die Aufforderung an seine Mitbürger, dass dieses verkommene
Pack sich Mann für Mann erhängen sollte, um die Herrschaft
den Kindern zu überlassen. Der Überlieferung nach ließ
sich Heraklit nur ein einziges mal herab, an einer demokratischen
Volksversammlung teilzunehmen. Während dieser Zeit wurde Ephesus
von einem Feind militärisch belagert, um die Stadt auszuhungern
und so zur Aufgabe zu zwingen. Seine Landsleute schien das nicht
zu stören. Sie lebten trotzdem weiter, als hätten sie
einen unbegrenzten Lebensmittelvorrat zur Verfügung. In dieser
Situation ging Heraklit in die Versammlung, nahm zerstoßenes
Getreide, mischte es mit Wasser und aß wortlos diesen Brei.
Die Bürger verstanden die stumme Ermahnung des Philosophen
und ergriffen Sparmaßnahmen, so dass der Feind schließlich
irgendwann entmutigt abzog.
Häufig wird in den Werken zur Philosophiegeschichte auch der
Eindruck erweckt, als hätte Heraklit das einfache Volk verachtet,
nur weil es nicht aus einer adligen Familie stammte. Das ist natürlich
nicht richtig. Seine Verachtung galt der großen Masse der
Menschen (den Vielen), die nicht nach der wahren Einsicht und Erkenntnis
strebten und statt dessen lieber am leichter verständlichen
Scheinwissen und am traditionellen Aberglauben festhielten. Von
diesen Leuten sagte er, dass sie Esel seien, die lieber Spreu als
Gold mögen. Natürlich verspürte er nicht die geringste
Lust, sich mit Menschen dieses Schlages zu unterhalten, die er als
vollgefressenes Vieh mit entseelten Körpern bezeichnete. Das
wäre letztlich auch zwecklos gewesen. Zudem beklagte sich Heraklit,
dass von den Wenigen, die sich um das Auffinden wahrer Erkenntnisse
bemühten, die Meisten den grundlegenden Zusammenhang des Ganzen
nicht verstanden hätten. Noch schlimmer war aber für ihn,
wenn sich diese Leute fälschlicherweise einbildeten, dass sie
davon etwas verstanden hätten und dieses Falsche auch noch
als Lehre weitergaben. So traf seine herbe Kritik nicht nur Otto
Normalbürger, sondern auch die gesamte Elite des geistigen
Lebens, ohne Ansehen der Person oder dessen gesellschaftlichen Ranges.
Der Vorwurf gegen die bekannten Philosophen Pythagoras, Xenophanes
und Hekateios lautet in Heraklits Worten: "Vielwisserei lehrt
nicht, das wahre Verstehen zu besitzen." Es geht in seinen
Augen bei diesen Philosophen also nur um pures Faktenwissen und
bloße Geschwätzigkeit ohne tatsächliche Weisheit.
Den Spruch kannst DU natürlich auch mal DEINEM
Lehrer gegenüber anbringen, wenn mal wieder eine Klassenarbeit
in Geschichte ansteht. Denn eigentlich muss man die Geschichtsdaten
nicht unbedingt auswendig kennen. Viel wichtiger ist es zu wissen,
wo man sie nachschlagen kann. Auch sonst ist dieser Ausspruch Heraklits
in unserer heutigen Zeit noch hoch aktuell, da wir in der Flut von
oberflächlichen Informationen aus den Massenmedien (TV, Radio,
Zeitungen) zu ertrinken drohen. Selbst die berühmten Schriftsteller
Homer, Hesiod und Archilochos kamen nicht ungeschoren davon. Sie
wurden von Heraklit der Lüge bezichtigt, weil sie ein falsches
Bild von den griechischen Göttern in ihren Werken aufrecht
erhielten. Daran wird schon völlig klar, dass Heraklit im scharfen
Gegensatz zu den damals herrschenden religiösen Vorstellungen
stand, obwohl oder gerade weil er selbst sehr gläubig war.
Vor allem kritisierte er offen die rituelle Ausübung der Religion.
Menschen, die im Tempel zu von Handwerkern angefertigten Götterbildern
beteten, hielt er einfach für nicht in der Lage, das wahre
Sein des Göttlichen zu erkennen. Auch den blutigen Kult der
dargebrachten Tieropfer lehnte er entschieden ab. Er wurde vollzogen,
um sich von seinen Sünden zu reinigen. Das fand Heraklit geradezu
lächerlich. Wie sollte man wohl Schmutz mit Schmutz bekämpfen
können? Und dann wieder seine überaus harten Worte: "Leichen
sind eher wegzuwerfen als Mist". Verstehen kann man den Satz
nur, wenn man weiß, dass Heraklit an die Unsterblichkeit der
Seele und die Vergänglichkeit des Körpers glaubte. Für
ihn war alles Materielle völlig wertlos.
Heraklit verfasste eine Schrift mit dem Titel "Über die
Natur", die schon recht bald berühmt wurde. Heute ist
sie nicht mehr erhalten und es gibt auch keine Hinweise mehr darauf,
wie dieses Werk aufgebaut war. Insgesamt sind davon ungefähr
130 Fragmente überliefert, aber nur zwei von ihnen lassen sich
in ihrem Zusammenhang rekonstruieren. Alle anderen werden für
gewöhnlich zu drei oder vier thematischen Blöcken ohne
eine festgelegte Reihenfolge zusammengefasst. Viele von den Fragmenten
sind äußerst schwer zu verstehen, weil Heraklits Schreibstil
zwar elegant, aber auch voll von lebendigen Bildern und fast orakelhaft
war. Oft haben sie einen prophetischen Klang, so dass Heraklit bereits
zu seinen Lebzeiten "der Dunkle" genannt wurde. Die Vieldeutigkeit
seiner Sprüche übte schon immer einen besonderen Reiz
auf alle möglichen Philosophen in den unterschiedslichten Zeiten
aus. Heraklit hinterlegte das Original seiner Schrift im Tempel
der Artemis. Den Grund dafür weiß man heute natürlich
nicht mehr. Es gibt nun zwei Interpretationsmöglichkeiten.
Einige behaupten, dass Heraklit dermaßen arrogant war, dass
er nur den Göttern zutraute, seine Erkenntnisse zu verstehen.
In den Händen eines Menschen hatte seine Schrift daher nichts
verloren. Die anderen gehen vom genauen Gegenteil aus: Sie glauben,
dass Heraklit seine Schrift genau deshalb im Tempel deponierte,
um sie der Öffentlichkeit leicht zugänglich zu machen.
Denn ein Tempel wurde im antiken Griechenland als öffentlicher
Raum angesehen, nicht umsonst durften die Kinder dort spielen. Inhaltlich
konzentrierte Heraklit sich auf seine metaphysischen Vorstellungen,
über die DU mehr durch Anklicken des folgenden
Links erfahren kannst:
An
einzelnen Erscheinungen war Heraklit hingegen wohl nicht besonders
interessiert. Auf jeden Fall ist in dem Zusammenhang nur wenig
bekannt. Zum einen nahm er an, dass sich die Sonne aus dem vom
Meer aufsteigenden Dünsten täglich neu entzündet.
Zum anderen sah er alle selbstleuchtenden Sterne als Verdichtungen
des Feuers an. Das war's schon! Heraklit selbst betonte voller
Stolz, dass er bei keinem seiner Vorgänger als Schüler
gewesen sei. Trotzdem wird er die metaphysischen Vorstellungen
Anaximanders und Anaximenes' gekannt und für nicht schlecht
befunden haben. Denn deutlich erkennbare Teile davon tauchen in
seiner eigenen Lehre wieder auf. Der Vorwurf von einigen Historikern,
Heraklit habe seine Theorie lediglich aus diesen Bestandteilen
zusammengeschustert, ist aber völlig aus der Luft gegriffen.
Heraklit selbst wollte auch nicht, dass man ihm als Schüler
folgt. Vielmehr ging es ihm darum, dass die Menschen in ihrer
ganzen Lebensgestaltung die Herrschaft der Vernunft beim Erkennen
und beim Handeln anstrebten. Zu den vernünftigen Einsichten
konnte man seiner Ansicht nach nur aus sich selbst heraus kommen,
indem die eigene Seele unter großer Anstrengung erforscht
wurde. Diese Methode ist die eines Mystikers, der zu seinen Erkenntnissen
allein durch die Innenschau (Introspektion) gelangt. Um das richtig
zu verstehen, musst DU DICH erst einmal intensiver
mit Heraklits metaphysischen Vorstellungen beschäftigt haben.
Jedenfalls sagte "der Dunkle" zum Verhältnis zwischen
dem Aufwand und dem Ertrag der Bemühungen: "Die nach
Gold suchen, graben viel Erde um und finden nur wenig."

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Bei
all seiner Überheblichkeit hatte Heraklit aber auch seine
guten Seiten: Er war nicht nur ein begnadeter Philosoph, der
später sogar auf einer Münze seiner Heimatstadt
verewigt wurde. Und dieses auch noch treffend mit einer Keule
in der Hand, mit der er sprachlich immer wieder in unangenhmer
Weise auf andere Denker einschlug. Heraklit kannte auch überhaupt
keinen Neid. Als der Perserkönig Darius I. ihm mit einem
langen Brief den gutbezahlten Posten eines Hofphilosophen
anbot, lehnte er dieses mit der Begründung ab, dass er
mit dem Wenigen, was er hat, vollkommen zufrieden ist. Oder
in seinen Worten: "Bestände das Glück in leiblichen
Lüsten, so müssten wir das Vieh glücklich nennen,
wenn es Erbsen zu fressen findet." |
Letztlich soll sich Heraklit, der wegen seiner Einsamkeit auch
als "weinender Philosoph" bezeichnet wird, ganz aus
der menschlichen Gemeinschaft zurückgezogen haben. Er ging
allein ins Gebirge, wo seine Nahrung nur aus Wasser, Gras und
Kräuter bestand. Diese ungesunde Lebensweise bekam ihm aber
richtig schlecht, denn er soll sich dadurch die Wassersucht zugezogen
haben. Darunter versteht man eine krankhafte Ansammlung von Flüssigkeit
im Gewebe und in den Körperhöhlen. Daher kehrte Heraklit
in die Stadt zurück und fragte die Ärzte in rätselhaften
Worten, ob sie aus der Überschwemmung eine Dürre machen
könnten. Natürlich verstanden sie ihn nicht und konnten
ihm deshalb auch nicht helfen. Heraklit war das sicherlich egal,
denn er hatte sowieso eine extrem schlechte Meinung über
die Fähigkeiten der Ärzte. Jedenfalls versuchte er nun,
die Krankheit mit einer eigenen Radikalkur zu bekämpfen.
Sein Rezept bestand darin, dass er sich vollständig mit frischem
Rindermist bedeckte. Durch die Wärme des Mistes sollte das
Wasser aus dem Körper vertrieben werden. Hier gabelt sich
die Überlieferung nun wieder. Die einen behaupten, dass der
mistbedeckte Heraklit von seinen eigenen Hunden für einen
Kadaver gehalten und darum zerfleischt wurde. Die anderen sind
der Meinung, Heraklit habe sich mistbedeckt in die Sonne gelegt
und sei dann jämmerlich an Überhitzung zugrunde gegangen,
nachdem der Rindermist getrocknet war. Welche der beiden Geschichten
auch wahr sein mag, es ist letztlich eine Ironie des Schicksals,
dass Heraklit gerade durch "Wasser" sterben musste,
denn dieses hatte er immer als den übelsten Teil der menschlichen
Seele verdammte.
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