Heraklit von Ephesus
(ca. 540 v.Chr. – ca. 480 v.Chr.)

Lebenslauf und "naturwissenschaftliche" Erkenntnisse


Heraklit


Die genauen Jahresdaten seiner Geburt und seines Todes sind zwar nicht bekannt, aber immerhin weiß man von Heraklit, dass er um das Jahr 500 vor Christus "in der Blüte seines Lebens" stand. Mit dieser Redewendung umschrieben die alten Griechen ein Lebensalter von ungefähr 40 Jahren. Zudem ist überliefert, dass Heraklit im Alter von etwa 60 Jahren starb. Mit diesen Angaben lassen sich seine Lebensdaten einigermaßen genau festlegen.

In den meisten Werken zur Philosophiegeschichte wird ein Bild von Heraklit aufgebaut, das ihn als überheblichen Schnösel und Stinkstiefel darstellt, der eigentlich immer schlechte Laune hatte. Teilweise wird sogar behauptet, dass er ein Buch mit dem Titel "Gegen das Leben" geschrieben haben soll. Ganz sicherlich war der Umgang mit diesem Menschen ausgesprochen schwierig. Aber Heraklits hauptsächlicher Charakterzug war wohl seine große Einsamkeit, die sich aus dem konsequenten Festhalten an seinen Prinzipien entwickelte. Er war also ganz bestimmt keiner von den Menschen, die ihr Fähnlein immer in den Wind hängen. Heraklit lehnte die demokratische Staatsform seiner Vaterstadt entschieden ab. Dazu muss man wissen, dass die Demokratie in Ephesus erst um 494 vor Christus entstand, nachdem ein Aufstand des ionischen Städtebundes (wozu auch Ephesus gehörte) gegen die Unterdrückung durch das Perserreich gescheitert war. Vorher hatte sein persönlicher Freund Hermodoros in dieser Stadt geherrscht, ein Mann, dem auch seine Gegner außergewöhnliche Tugenden nachsagten. Dieser wurde von der Volksvertretung mit folgender Begründung ins Exil verbannt: "Von uns soll keiner der Wertvollste sein oder, wenn schon, dann anderswo und bei anderen." Natürlich war Heraklit von dieser Vorgehensweise tief enttäuscht und machte das auch überaus deutlich. Er verzichtete zugunsten seines jüngeren Bruders auf das sehr hohe Würdenamt des so genannten Basileus, auf das er als Erstgeborener seiner Familie ein ererbtes Anrecht hatte. Ein Basileus hatte den Vorsitz bei den sportlichen Wettkämpfen und war gleichzeitig der höchste Opferpriester der eleusinischen Mysterien im Stadtstaat. Der mit diesen Mysterien verbundene Fruchtbarkeitskult stand in einem direkten Zusammenhang mit den Gottesdiensten im berühmten Tempel der Artemis. Einige der Statuen dieses Kultes kann man noch heute im Museum von Ephesus bestaunen: Es sind Frauen, deren ganzer Oberkörper mit Brüsten bedeckt ist. Heraklits Recht auf die Übernahme dieses hohen Amtes leitete sich aus der Tradition seiner sehr vornehmen Adelsfamilie mit königlichem Stammbaum ab. Sein Vater (Bloson oder Blison) war nämlich ein direkter Nachfahre von Androklos, dem Gründer von Ephesus. Und dieser war wiederum ein Sohn des Königs Kodros von Athen.

Statue Tempel


Wie auch die meisten anderen Mitglieder der vornehmen Adelsfamilien (Aristokratie) lehnte er die demokratische Staatsform ab, weil er der Gesamtheit der Bürger keine vernünftigen Entscheidungen zutraute. Seiner Meinung nach sollte der Staat vielmehr und ausschließlich von den Besten und Fähigsten gelenkt werden. Von seiner politischen Grundeinstellung her trat er nach heutigem Verständnis also für die Adels- oder Alleinherrschaft ein. Aus seiner Abneigung gegen die Demokratie machte Heraklit nie ein Hehl. Als Konsequenz zog er sich vollständig aus dem ganzen öffentlich-politischen Leben zurück. Statt dessen ging er in den Tempel der Artemis, um mit den Kindern zu würfeln. Als er von den Menschen auf dieses Verhalten angesprochen wurde, sagte er: "Was wundert ihr euch, ihr heilloses Gesindel? Ist dies nicht eine anständigere Beschäftigung, als mit euch die Staatsgeschäfte zu führen?" Hier haben wir es zum ersten mal ganz deutlich mit einen unangenehmen Charakterzug dieses Philosophen zu tun. Seine Kritik an anderen, ob berechtigt oder nicht, schoss sprachlich immer weit über das eigentliche Ziel hinaus und war daher für sein Gegenüber einfach nur verletzend. Zu einem vernünftigen Gespräch des Ausgleichs konnte es nicht mehr kommen. Diese aufbrausende Art ist letztlich wohl auch die Ursache für seine große Einsamkeit. Auch wenn Heraklit über die Vertreibung seines Freundes Hermodoros vielleicht zu Recht entrüstet war, rechtfertigt das natürlich nicht die Aufforderung an seine Mitbürger, dass dieses verkommene Pack sich Mann für Mann erhängen sollte, um die Herrschaft den Kindern zu überlassen. Der Überlieferung nach ließ sich Heraklit nur ein einziges mal herab, an einer demokratischen Volksversammlung teilzunehmen. Während dieser Zeit wurde Ephesus von einem Feind militärisch belagert, um die Stadt auszuhungern und so zur Aufgabe zu zwingen. Seine Landsleute schien das nicht zu stören. Sie lebten trotzdem weiter, als hätten sie einen unbegrenzten Lebensmittelvorrat zur Verfügung. In dieser Situation ging Heraklit in die Versammlung, nahm zerstoßenes Getreide, mischte es mit Wasser und aß wortlos diesen Brei. Die Bürger verstanden die stumme Ermahnung des Philosophen und ergriffen Sparmaßnahmen, so dass der Feind schließlich irgendwann entmutigt abzog.

Häufig wird in den Werken zur Philosophiegeschichte auch der Eindruck erweckt, als hätte Heraklit das einfache Volk verachtet, nur weil es nicht aus einer adligen Familie stammte. Das ist natürlich nicht richtig. Seine Verachtung galt der großen Masse der Menschen (den Vielen), die nicht nach der wahren Einsicht und Erkenntnis strebten und statt dessen lieber am leichter verständlichen Scheinwissen und am traditionellen Aberglauben festhielten. Von diesen Leuten sagte er, dass sie Esel seien, die lieber Spreu als Gold mögen. Natürlich verspürte er nicht die geringste Lust, sich mit Menschen dieses Schlages zu unterhalten, die er als vollgefressenes Vieh mit entseelten Körpern bezeichnete. Das wäre letztlich auch zwecklos gewesen. Zudem beklagte sich Heraklit, dass von den Wenigen, die sich um das Auffinden wahrer Erkenntnisse bemühten, die Meisten den grundlegenden Zusammenhang des Ganzen nicht verstanden hätten. Noch schlimmer war aber für ihn, wenn sich diese Leute fälschlicherweise einbildeten, dass sie davon etwas verstanden hätten und dieses Falsche auch noch als Lehre weitergaben. So traf seine herbe Kritik nicht nur Otto Normalbürger, sondern auch die gesamte Elite des geistigen Lebens, ohne Ansehen der Person oder dessen gesellschaftlichen Ranges. Der Vorwurf gegen die bekannten Philosophen Pythagoras, Xenophanes und Hekateios lautet in Heraklits Worten: "Vielwisserei lehrt nicht, das wahre Verstehen zu besitzen." Es geht in seinen Augen bei diesen Philosophen also nur um pures Faktenwissen und bloße Geschwätzigkeit ohne tatsächliche Weisheit. Den Spruch kannst DU natürlich auch mal DEINEM Lehrer gegenüber anbringen, wenn mal wieder eine Klassenarbeit in Geschichte ansteht. Denn eigentlich muss man die Geschichtsdaten nicht unbedingt auswendig kennen. Viel wichtiger ist es zu wissen, wo man sie nachschlagen kann. Auch sonst ist dieser Ausspruch Heraklits in unserer heutigen Zeit noch hoch aktuell, da wir in der Flut von oberflächlichen Informationen aus den Massenmedien (TV, Radio, Zeitungen) zu ertrinken drohen. Selbst die berühmten Schriftsteller Homer, Hesiod und Archilochos kamen nicht ungeschoren davon. Sie wurden von Heraklit der Lüge bezichtigt, weil sie ein falsches Bild von den griechischen Göttern in ihren Werken aufrecht erhielten. Daran wird schon völlig klar, dass Heraklit im scharfen Gegensatz zu den damals herrschenden religiösen Vorstellungen stand, obwohl oder gerade weil er selbst sehr gläubig war. Vor allem kritisierte er offen die rituelle Ausübung der Religion. Menschen, die im Tempel zu von Handwerkern angefertigten Götterbildern beteten, hielt er einfach für nicht in der Lage, das wahre Sein des Göttlichen zu erkennen. Auch den blutigen Kult der dargebrachten Tieropfer lehnte er entschieden ab. Er wurde vollzogen, um sich von seinen Sünden zu reinigen. Das fand Heraklit geradezu lächerlich. Wie sollte man wohl Schmutz mit Schmutz bekämpfen können? Und dann wieder seine überaus harten Worte: "Leichen sind eher wegzuwerfen als Mist". Verstehen kann man den Satz nur, wenn man weiß, dass Heraklit an die Unsterblichkeit der Seele und die Vergänglichkeit des Körpers glaubte. Für ihn war alles Materielle völlig wertlos.

Heraklit verfasste eine Schrift mit dem Titel "Über die Natur", die schon recht bald berühmt wurde. Heute ist sie nicht mehr erhalten und es gibt auch keine Hinweise mehr darauf, wie dieses Werk aufgebaut war. Insgesamt sind davon ungefähr 130 Fragmente überliefert, aber nur zwei von ihnen lassen sich in ihrem Zusammenhang rekonstruieren. Alle anderen werden für gewöhnlich zu drei oder vier thematischen Blöcken ohne eine festgelegte Reihenfolge zusammengefasst. Viele von den Fragmenten sind äußerst schwer zu verstehen, weil Heraklits Schreibstil zwar elegant, aber auch voll von lebendigen Bildern und fast orakelhaft war. Oft haben sie einen prophetischen Klang, so dass Heraklit bereits zu seinen Lebzeiten "der Dunkle" genannt wurde. Die Vieldeutigkeit seiner Sprüche übte schon immer einen besonderen Reiz auf alle möglichen Philosophen in den unterschiedslichten Zeiten aus. Heraklit hinterlegte das Original seiner Schrift im Tempel der Artemis. Den Grund dafür weiß man heute natürlich nicht mehr. Es gibt nun zwei Interpretationsmöglichkeiten. Einige behaupten, dass Heraklit dermaßen arrogant war, dass er nur den Göttern zutraute, seine Erkenntnisse zu verstehen. In den Händen eines Menschen hatte seine Schrift daher nichts verloren. Die anderen gehen vom genauen Gegenteil aus: Sie glauben, dass Heraklit seine Schrift genau deshalb im Tempel deponierte, um sie der Öffentlichkeit leicht zugänglich zu machen. Denn ein Tempel wurde im antiken Griechenland als öffentlicher Raum angesehen, nicht umsonst durften die Kinder dort spielen. Inhaltlich konzentrierte Heraklit sich auf seine metaphysischen Vorstellungen, über die DU mehr durch Anklicken des folgenden Links erfahren kannst:



An einzelnen Erscheinungen war Heraklit hingegen wohl nicht besonders interessiert. Auf jeden Fall ist in dem Zusammenhang nur wenig bekannt. Zum einen nahm er an, dass sich die Sonne aus dem vom Meer aufsteigenden Dünsten täglich neu entzündet. Zum anderen sah er alle selbstleuchtenden Sterne als Verdichtungen des Feuers an. Das war's schon! Heraklit selbst betonte voller Stolz, dass er bei keinem seiner Vorgänger als Schüler gewesen sei. Trotzdem wird er die metaphysischen Vorstellungen Anaximanders und Anaximenes' gekannt und für nicht schlecht befunden haben. Denn deutlich erkennbare Teile davon tauchen in seiner eigenen Lehre wieder auf. Der Vorwurf von einigen Historikern, Heraklit habe seine Theorie lediglich aus diesen Bestandteilen zusammengeschustert, ist aber völlig aus der Luft gegriffen. Heraklit selbst wollte auch nicht, dass man ihm als Schüler folgt. Vielmehr ging es ihm darum, dass die Menschen in ihrer ganzen Lebensgestaltung die Herrschaft der Vernunft beim Erkennen und beim Handeln anstrebten. Zu den vernünftigen Einsichten konnte man seiner Ansicht nach nur aus sich selbst heraus kommen, indem die eigene Seele unter großer Anstrengung erforscht wurde. Diese Methode ist die eines Mystikers, der zu seinen Erkenntnissen allein durch die Innenschau (Introspektion) gelangt. Um das richtig zu verstehen, musst DU DICH erst einmal intensiver mit Heraklits metaphysischen Vorstellungen beschäftigt haben. Jedenfalls sagte "der Dunkle" zum Verhältnis zwischen dem Aufwand und dem Ertrag der Bemühungen: "Die nach Gold suchen, graben viel Erde um und finden nur wenig."

Heraklit

Münze Bei all seiner Überheblichkeit hatte Heraklit aber auch seine guten Seiten: Er war nicht nur ein begnadeter Philosoph, der später sogar auf einer Münze seiner Heimatstadt verewigt wurde. Und dieses auch noch treffend mit einer Keule in der Hand, mit der er sprachlich immer wieder in unangenhmer Weise auf andere Denker einschlug. Heraklit kannte auch überhaupt keinen Neid. Als der Perserkönig Darius I. ihm mit einem langen Brief den gutbezahlten Posten eines Hofphilosophen anbot, lehnte er dieses mit der Begründung ab, dass er mit dem Wenigen, was er hat, vollkommen zufrieden ist. Oder in seinen Worten: "Bestände das Glück in leiblichen Lüsten, so müssten wir das Vieh glücklich nennen, wenn es Erbsen zu fressen findet."

Letztlich soll sich Heraklit, der wegen seiner Einsamkeit auch als "weinender Philosoph" bezeichnet wird, ganz aus der menschlichen Gemeinschaft zurückgezogen haben. Er ging allein ins Gebirge, wo seine Nahrung nur aus Wasser, Gras und Kräuter bestand. Diese ungesunde Lebensweise bekam ihm aber richtig schlecht, denn er soll sich dadurch die Wassersucht zugezogen haben. Darunter versteht man eine krankhafte Ansammlung von Flüssigkeit im Gewebe und in den Körperhöhlen. Daher kehrte Heraklit in die Stadt zurück und fragte die Ärzte in rätselhaften Worten, ob sie aus der Überschwemmung eine Dürre machen könnten. Natürlich verstanden sie ihn nicht und konnten ihm deshalb auch nicht helfen. Heraklit war das sicherlich egal, denn er hatte sowieso eine extrem schlechte Meinung über die Fähigkeiten der Ärzte. Jedenfalls versuchte er nun, die Krankheit mit einer eigenen Radikalkur zu bekämpfen. Sein Rezept bestand darin, dass er sich vollständig mit frischem Rindermist bedeckte. Durch die Wärme des Mistes sollte das Wasser aus dem Körper vertrieben werden. Hier gabelt sich die Überlieferung nun wieder. Die einen behaupten, dass der mistbedeckte Heraklit von seinen eigenen Hunden für einen Kadaver gehalten und darum zerfleischt wurde. Die anderen sind der Meinung, Heraklit habe sich mistbedeckt in die Sonne gelegt und sei dann jämmerlich an Überhitzung zugrunde gegangen, nachdem der Rindermist getrocknet war. Welche der beiden Geschichten auch wahr sein mag, es ist letztlich eine Ironie des Schicksals, dass Heraklit gerade durch "Wasser" sterben musste, denn dieses hatte er immer als den übelsten Teil der menschlichen Seele verdammte.



 


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