Hekateios
von Milet war im eigentlichen Sinn gar kein Philosoph, obwohl er
sicherlich mit den Lehren von Thales, Anaximander und Anaximenes
vertraut war. Heute gilt er vor allem als einer der Mitbegründer
der Geschichtswissenschaft, weil er das älteste uns noch bekannte
Werk dieser wissenschaftlichen Disziplin schrieb. Dabei führte
er erstmals ein System der Zeiteinteilung (Chronologie) ein, die
aber noch recht ungenau war. Es basierte auf der Liste der Könige
von Sparta, wobei jedem König rein willkürlich eine Regierungszeit
von 40 Jahren zugemessen wurde. Hekataios versuchte, auch den Kern
des überlieferten Geschehens aus der griechischen Götterwelt
(Mythen) in dieses Zeitschema einzufügen. Und genau aus diesem
Grund ist er im Zusammenhang mit der Philosophiegeschichte wichtig.
Er glaubte nämlich nicht mehr alles, was in den Mythen so erzählt
wurde, sondern entfernte konsequent das aufdringlich Wunderbare
und anstößig Unglaubhafte. In Hekateios' Worten: "Diese
Dinge schreibe ich nur, insoweit sie mir wahr erscheinen. Aber die
Erzählungen der Griechen sind so vielfältig und manchmal
auch lächerlich." So räumte er beispielsweise mit
dem Glauben auf, dass Götter mit menschlichen Frauen schlafen,
woraus dann die Halbgötter entstanden seien. Dazu bemerkte
er ganz nüchtern: Alle Frauen, die das behaupteten, wollten
nur ihren Fehltritt nicht zugeben. Deshalb hätten sie einen
göttlichen Beischläfer vorgeschoben. Diese Auffassung
Hekataios' könnte man natürlich auch auf den christlichen
Glauben übertragen, in dem Jesus als Sohn Gottes und der Jungfrau
Maria angesehen wird. Wie dem auch sei, Hekataios hat jedenfalls
die überlieferten Traditionen an den Maßstäben der
Vernunft gemessen. Von seiner "Genealogie", die in vier
Büchern verfasst war, ist leider nicht mehr viel erhalten geblieben.
Das Wenige reicht jedoch aus, um seinen Stil als extrem trocken
und sachlich bezeichnen zu können.
Es gibt übrigens eine nette Geschichte darüber, wie Hekataios
zu dieser vernunftgeleiteten Mythenkritik kam. Als er einmal in
ägyptischen Theben war, wollte er vor den dort tätigen
Tempelpriestern mal so richtig mit seinem altehrwürdigen Stammbaum
angeben. Immerhin umfasste der 16 Generationen und wies als Stammvater
einen Gott auf. Die Priester lächelten nur müde darüber
und zeigten ihm eine lange Reihe von ungefähr 350 großen
Statuen. Die Standbilder stellten die Generationen von Oberpriestern
dar, immer folgte der Sohn auf den Vater. Aber von einem Götterahn
könne trozdem noch lange keine Rede sein, bemerkten sie bescheiden.
Zu diesem Zeitpunkt muss Hekataios das unangenehme Gefühl beschlichen
haben, dass es mit dem Wahrheitsgehalt der griechischen Mythen nicht
unbedingt zum Besten gestellt sein konnte. Diese Erzählung
ist durchaus glaubhaft, den Hekataios bereiste tatsächlich
große Teile der damals bekannten Welt. Sein daraus resultierendes
Wissen nutzte er, um die erste, von Anaximander geschaffene Landkarte
zu verbessern. Diese kannst DU oben auf der Seite bewundern.
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