Hekateios von Milet
(ca. 560 v.Chr. – ca. 480 v.Chr.)


Hekateios


Hekateios von Milet war im eigentlichen Sinn gar kein Philosoph, obwohl er sicherlich mit den Lehren von Thales, Anaximander und Anaximenes vertraut war. Heute gilt er vor allem als einer der Mitbegründer der Geschichtswissenschaft, weil er das älteste uns noch bekannte Werk dieser wissenschaftlichen Disziplin schrieb. Dabei führte er erstmals ein System der Zeiteinteilung (Chronologie) ein, die aber noch recht ungenau war. Es basierte auf der Liste der Könige von Sparta, wobei jedem König rein willkürlich eine Regierungszeit von 40 Jahren zugemessen wurde. Hekataios versuchte, auch den Kern des überlieferten Geschehens aus der griechischen Götterwelt (Mythen) in dieses Zeitschema einzufügen. Und genau aus diesem Grund ist er im Zusammenhang mit der Philosophiegeschichte wichtig.

Er glaubte nämlich nicht mehr alles, was in den Mythen so erzählt wurde, sondern entfernte konsequent das aufdringlich Wunderbare und anstößig Unglaubhafte. In Hekateios' Worten: "Diese Dinge schreibe ich nur, insoweit sie mir wahr erscheinen. Aber die Erzählungen der Griechen sind so vielfältig und manchmal auch lächerlich." So räumte er beispielsweise mit dem Glauben auf, dass Götter mit menschlichen Frauen schlafen, woraus dann die Halbgötter entstanden seien. Dazu bemerkte er ganz nüchtern: Alle Frauen, die das behaupteten, wollten nur ihren Fehltritt nicht zugeben. Deshalb hätten sie einen göttlichen Beischläfer vorgeschoben. Diese Auffassung Hekataios' könnte man natürlich auch auf den christlichen Glauben übertragen, in dem Jesus als Sohn Gottes und der Jungfrau Maria angesehen wird. Wie dem auch sei, Hekataios hat jedenfalls die überlieferten Traditionen an den Maßstäben der Vernunft gemessen. Von seiner "Genealogie", die in vier Büchern verfasst war, ist leider nicht mehr viel erhalten geblieben. Das Wenige reicht jedoch aus, um seinen Stil als extrem trocken und sachlich bezeichnen zu können.

Kamel

Es gibt übrigens eine nette Geschichte darüber, wie Hekataios zu dieser vernunftgeleiteten Mythenkritik kam. Als er einmal in ägyptischen Theben war, wollte er vor den dort tätigen Tempelpriestern mal so richtig mit seinem altehrwürdigen Stammbaum angeben. Immerhin umfasste der 16 Generationen und wies als Stammvater einen Gott auf. Die Priester lächelten nur müde darüber und zeigten ihm eine lange Reihe von ungefähr 350 großen Statuen. Die Standbilder stellten die Generationen von Oberpriestern dar, immer folgte der Sohn auf den Vater. Aber von einem Götterahn könne trozdem noch lange keine Rede sein, bemerkten sie bescheiden. Zu diesem Zeitpunkt muss Hekataios das unangenehme Gefühl beschlichen haben, dass es mit dem Wahrheitsgehalt der griechischen Mythen nicht unbedingt zum Besten gestellt sein konnte. Diese Erzählung ist durchaus glaubhaft, den Hekataios bereiste tatsächlich große Teile der damals bekannten Welt. Sein daraus resultierendes Wissen nutzte er, um die erste, von Anaximander geschaffene Landkarte zu verbessern. Diese kannst DU oben auf der Seite bewundern.



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