Empedokles wurde irgendwann zwischen 495 und 490 vor Christus in Akragas auf Sizilien (heute: Agrigent) als Sohn einer vornehmen und reichen Familie geboren. Sein Vater war Meton, von dem jedoch nichts weiter bekannt ist. Ganz anders sieht das mit seinem Großvater aus, der ebenfalls Empedokles hieß. Dieser bedeckte sich als erster der Familie mit Ruhm, indem er als Pferdezüchter die 71. Olympiade gewonnen hatte und dafür in der ganzen griechischen Welt berühmt geworden war. Den Zuschauern soll er zur Feier seines Sieges einen in Honig und Mehl gebratenen Stier spendiert haben.
Akragas wurde 583 vor Christus durch eine Gruppe Flüchtlinge von der griechischen Insel Rhodos und etwa 1.000 aus Gela stammenden Siedlern gegründet. Für ihre Ansiedlung nutzten sie einen geradezu idealen Platz, denn das Gelände befand sich an einem Abhang zwischen zwei Flüssen, dem Akragas (daher der Stadtname) und dem Hypsas. Die beiden klaren und üppigen Wasserläufe im Osten und Westen bildeten zwei natürliche, leicht zu verteidigende Grenzen. Im Norden gab es einen Felshügel, den man zum Bau des großen Stadttempels nutzen konnte. Auch das Meer war nur etwa drei Kilometer von ihnen entfernt. Das war genau die richtige Entfernung, um nicht plötzlich von den verfeindeten Karthagern (heute: Tunesien) im Bett überrascht werden zu können. Diese Gefahr wurde zunächst gebannt, als Akragas im Bunde mit Syrakus 480 vor Christus Karthago in der Entscheidungsschlacht bei Himera bezwang. Insgesamt entfaltete sich Akragas rasch und zählte nach einem knappen Jahrhundert bereits 200.000 Einwohner. Sie war reich, gastfreundlich und galt als die schönste unter allen Städten. Zu dieser Blütezeit trugen vor allem die Eroberungskriege des Alleinherrschers Theron bei, der mehrere andere Städte unterwarf. Dadurch verschaffte er Akragas viele Sklaven, mit deren Hilfe zahllose, unvergleichlich prachtvolle öffentliche Gebäude errichtet wurden. Die große Anzahl und die noch in Trümmern stattliche Erscheinung dieser Bauwerke bezeugen den Wohlstand dieses bedeutenden Gemeinwesens. Auch heute noch sind die Besucher von deren Anblick fasziniert. Ein Ausflug zum Tal der Tempel lohnt sich unbedingt, auch wenn nur noch der Concordiatempels als einziger steht. Imposant sind aber auch die aufeinander gehäuften Reste des Zeus-Tempels mit seinen gigantischen Ausmaßen von 110 Metern Länge und 55 Metern Breite, also etwa der Größe eines Fussballfeldes. Selbst die Friedhöfe waren in Akragas noch außergewöhnlich. Neben den Kapellen der adligen Familien mit Reliefs, auf denen die Heldentaten der Verstorbenen dargestellt waren, gab es Grabdenkmäler für die Pferde, die bei den Olympischen Spielen gesiegt hatten. Man errichtete sogar ein Mausoleum für einen Sperling, dem einzigen Spielgefährten eines adligen Mädchens. Die ganze Insel Sizilien (heute: Italien) galt als ein Gebiet, in dem man schnell und leicht reich werden konnte. Besonders in den beiden Metropolen Syrakus und Akragas herrschte ein extrem hoher Lebensstandard, so dass die beiden Königshöfe es sich locker leisten konnten, miteinander um die größte Eleganz und die bestmögliche Förderung künstlerischer Talente zu konkurrieren. Die Stadt Akragas zog ihren Wohlstand vor allem aus ihrer führenden Stellung im Handel. Vor den Stadtmauern gab es einen riesigen Marktplatz, praktisch eine Art Messegelände, auf dem sich die Kaufleute des ganzen Mittelmeerraumes regelmäßig trafen. Zu der Zeit verfügte die Stadt auch über eine hervorragende Wasserversorgung für ihre Bürger. Es gab eine städtische Wasserleitung und ein überdachtes Becken, in das alles überschüssige Wasser als Reserve geleitet wurde. Davon kann das heutige Agrigent mit seinen knapp 55.000 Einwohnern nur träumen. Denn dort muss das Wasser im Sommer immer wieder rationalisiert werden. Empedokles erlebte diese Blütezeit unter Theron mit, als er noch ein Kind war.
Nach Therons Tod übernahm sein Sohn Thrasydeios die Macht, der eindeutig nicht die Qualitäten seines Vaters besaß. Unter anderem ließ er sich auf einen Krieg mit der Stadt Syrakus ein, die sonst immer ein Verbündeter war. Das Ganze endete in einem schrecklichen Gemetzel und dieser Tropfen brachte das Fass zu Überlaufen. Die demokratische Opposition (Volkspartei) stürzte im Jahr 472 vor Christus seine Alleinherrschaft und verbannte Thrasydaios ins Exil auf das griechische Festland, wo er später zum Tode verurteilt wurde. Seine Anhänger wurden aus ihren Positionen verdrängt und mit Syrakus schloss man wieder ein Bündnis. Empedokles war einer der Führer dieses Volksaufstandes, obwohl er selbst zum Adel gehörte. Anschließend unternahm er eine mehrjährige Reise, auf die wir später noch zurückkommen werden. Als Empedokles dann in seine Heimatstadt zurückkehrte, fand er dort chaotische Zustände vor. Alle Macht lag in den Händen weniger Aristokraten (Versammlung der Tausend), die sich zudem reichlich mit dem Geld der öffentlichen Kassen versorgten. Deshalb schlug er eine neue, auf bürgerlicher Gleichheit beruhende Regierungform vor, deren Verfassung er auch erarbeite. Außerdem fand er, dass die Moral seiner Mitbürger sehr nachgelassen hatte. Zur Verbesserung dieser Situation widmete er sich einer Reform der Sitten, die zunächst mit einer rituellen Reinigung von allen begangenen Sünden begann. Die Begeisterung der Bevölkerung für diese Initiativen wuchs so stark an, dass man Empedokles den Titel eines Alleinherrschers anbot. Die Annahme dieses Amtes lehnte er jedoch entschieden ab. Wenn man nach dem Grund für diese Entscheidung sucht, kommt man zu ganz verschiedenen Standpunkten. Seine Gegner behaupten, dass ihm die Königswürde noch zu gering erschien, weil er sich selbst als ein göttliches Wesen sah. Denn ein König hat ja bekanntlich weniger Bedeutung als ein Gott. Manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass die zeitaufwändige Regierungsarbeit ihn an seiner Forschungstätigkeit gehindert hätte. Es kann durchaus sein, dass diese Überlegung in seinen Entschluss mit eingeflossen ist. Aber am wahrscheinlichsten bleibt, dass Empedokles einfach ein überzeugter Demokrat war, der immer auf der Seite der vielen normalen Bürger stand. Denn letztlich hat er ja nicht nur einmal, sondern wiederholt im Sinne der bürgerlichen Eintracht und der Gleichberechtigung gewirkt. Die weitere Geschichte Agrigents soll noch kurz angeführt werden, obwohl sie für das Leben des Empedokles natürlich keine Rolle mehr spielt: 405 vor Christus wurde die Stadt von den Karthagern zerstört und anschließend zumindest teilweise wieder aufgebaut. Im Jahr 210 vor Christus wurde sie dann römisch, bevor sie während der byzantinischen Zeit fast verfiel. Die traurigen Reste wurden dann im Jahr 829 nach Christus von den Sarazenen zerstört. Später baute man Agrigent an einem höher gelegenen Ort wieder auf. 1086 fiel die Stadt an die Normannen und 1860 wurde sie dann endgültig ein Teil des heutigen Italien.
Empedokles war wohl eine der merkwürdigsten Gestalten in der Kulturgeschichte, bei dem sich alle möglichen Talente in einer einzigen Person vereinigten. Wie gesehen stand er bei den Mitbürgern als einer der führenden Politiker seiner Heimatstadt in hohem Ansehen, aber richtig verehrt wurde er wegen ganz anderer Fähigkeiten. Vor allem galt er als Verkünder einer Heilslehre, der die Menschen im Ton eines Prophesten zur Umlehr von ihrer ruchlosen Lebensweise aufrief. Als solcher bekleidete er zeitweilig auch das Amt eines Priesters in seiner Heimatstadt. Von seinen religiösen Vorstellungen her war Empedokles ein Orphiker, der an die Seelenwanderung und die Möglichkeit der endgültigen Erlösung der Seele aus diesem Kreislauf glaubte. Zum besseren Verständnis müssen wir hier nun kurz auf seine bereits angesprochene, mehrjährige Reise eingehen. Im Alter von etwa 16 Jahren erwachte Empedokles' Interesse an der Philosophie, nachdem er dem achzigjährigen Xenophanes in den Säulengängen des Heraklestempels zugehört hatte. Nach dem siegreichen Volksaufstand in Akragas ging er in der Hoffnung nach Elea, dort wieder auf diesen großen Philosophen zu treffen. Aber er bekam nur Parmenides und Zenon zu Gesicht, was für ihn enttäuschend endete. Denn Empedokles liebte das Konkrete und interessierte sich für die Natur. Da mussten ihm die Eleaten mit ihren abstrakten Gedanken wirklichkeitsfremd erscheinen. Nachdem er dem theoritischen Geplänkel überdrüssig war, kehrte er deshalb nach Sizilien zurück und schrieb sich an einer pythagoreischen Schule ein. Einige sagen, er sei Schüler von Thelauges gewesen, dem Sohn von Pythagoras. Andere meinen, er habe bei Brontinos und Epicharm gehört. Gewiss ist jedoch nur, dass er auch mit den Pythagoreern seine Schwierigkeiten hatte. Denn diese waren eher eine politisch-religiöse Sekte als eine philosophische Schule. Und Empedokles, der immer gern im Mittelpunkt stand, war ganz bestimmt kein gehorsames Mitglied. Er wurde beschuldigt, außerhalb der Schule mehr von den Geheimnissen der Sekte zu erzählen, als die pythagoreischen Regeln erlaubten. Deshalb wurde er zu jenen Mitgliedern strafversetzt, die kein Recht hatten, während der Unterrichtsstunden etwas zu sagen. Außerdem weihte man ihn wegen seines lockeren Mundwerks auch nicht in die größten Geheimnisse ein. So beschloss Empedokles, sich die von ihm geliebte Kunst der Magie bei den Ägyptern und den Chaldäern anzueignen. Die Magier waren damals noch hoch angesehen, ihr Ruf wurde erst sehr viel später schlecht. Die Aufgabe dieser „Untergötter“ bestand darin, zwischen den Menschen und deren Göttern zu vermitteln, wofür sie im engen Verkehr mit den Mächten des Jenseits standen.
Von Xenophanes übernahm Empedokles die Lehre vom Allgott: „Unmöglich ist's, (die Gottheit) sich nahezubringen als erreichbar unseren Augen oder sie mit Händen zu greifen ...“. Das Göttliche hat nicht Menschenform, sondern „ein Geist, ein heiliger, übermenschlicher regt sich da allein, der mit schnellen Gedanken die ganze Weltordnung durchstürmt.“ Ansonsten kritisierte er Xenophanes außerordentlich heftig. Aber es ist ja bekannt, dass man gerade mit den Personen hart ins Gericht geht, die man besonders liebt. Als ein Schüler der Phythagoreer war Empedokles von den Gedanken der Orphik tief beeinflusst, die er in seinem Lehrgedicht „Reinigungslied“ verarbeitete. Genauere Einzelheiten über diese religiöse Strömung kannst DU bei Interesse auf den Seiten über Pythagoras nachlesen. Hier soll es genügen, die wesentlichen Ansichten von Empedokles darzustellen: Die Seele wurde wegen begangener Schuld (Mord) aus ihrer göttlichen Heimat vertrieben und in die Welt der Dinge verbannt. Hier ist sie dazu verurteilt, in wechselnden Erscheinungsformen wiedergeboren zu werden und in immer andere Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) zu wandern, bis die im Jenseits begangene Schuld endgültig abgebüßt ist. Auf moralisch-religiösem Wege kann man erreichen, dass die Seele in der Reihe der Wiedergeburten zu höheren Daseinsformen aufsteigt und sich schließlich ganz von der Bindung an den Leib befreit. Die dafür notwendige Reinigung der Seele erlangt man durch verschiedene Sühnemittel, unter anderem eine sittliche Lebensführung, der Teilnahme an den Reinigungsriten und religiöse Opfer. Hinzu kommt das Gebot einer strengen vegetarischen Kost, da man im Tier ja den nächsten Verwandten töten könnte. Nachdem die Seele ihre Schuld dann endgültig abgebüßt hat, kehrt sie in ihre überirdische Heimat zurück und geht dann wieder in die Herrlichkeit des Göttlichen ein. Die auf diese Weise erlösten Seelen werden „emporwachsen als Götter, an Ehren reichste, den anderen Unsterblichen Herdgenossen, Tischgefährten, menschlicher Leiden unteilhaft, unverwüstlich.“
Wenn Empedokles durch die Straßen von Akragas ging, umringte ihn für gewöhnlich eine ganze Gruppe seiner Bewunderer. Er selbst war mit einem purpurnen Gewand, einem goldenen Gürtel und Sandalen aus Kupfer bekleidet. Zudem trug er auf seinem Kopf zu Ehren Apollons eine delphische Krone. Während Empedokles als Bürger sehr bescheiden auftrat, war er als Führer einer religiösen Heilslehre von einem Gefühl überirdischer Würde erfüllt, der sich selbst für göttlich hielt. „Nicht mehr bin ich ein Sterblicher euch, ein unsterblicher Gott jetzt.“ Als solcher erwartete er dann auch, dass ihm eine angemessene Verehrung zuteil wurde. Solange man ihm diese Ehre erwies, war er sehr liebenswürdig. Aber wehe demjenigen, der darauf nicht genügend Wert legte! Als er einmal zu einem Fest eingeladen war, wunderte er sich, dass der Hausherr ihm nicht sofort Wein anbot. Als er danach verlangte, musste er sich anhören, das Gelage werde erst nach Eintreffen einer gewissen politischen Persönlichkeit eröffnet. Als der Herr dann kam, brachte der Gastgeber sofort einen Trinkspruch auf diesen aus und erklärte ihn zum „König des Festes“. Tags darauf beschuldigte Empedokles die beiden im Senat der Stadt, die Alleinherrschaft anzustreben und ließ sie zum Tode verurteilen. Zudem war Empedokles auch ein sehr guter Arzt, gemessen an den Möglichkeiten seiner Zeit. Letztlich gilt er als der Begründer der medizinischen Schule Siziliens, deren Lehre auf der Annahme von Gut (Liebe) und Böse (Hass) als eines Gegensatzpaares in den Lebensvorgängen basierte. Seine ärztliche Kunst brachte ihm sogar den Ruf eines Wunderheilers ein, der übernatürliche Kräfte besitzt. So gelang es ihm, eine mörderische Malaria-Epidemie in der Stadt Selinunt zu beseitigen. Diese wurde vom stehenden Gewässer eines kleinen Flusses ausgelöst, der mitten durch die bewohnten Gebiete führte. Nachdem er das umliegende Gebiet genau untersucht hatte, ließ Empedokles Kanäle ausheben, durch die er andere Wasserläufe aus der Umgebung in diesen Fluss umleitete, um auch in Dürrezeiten einen regelmäßigen Abfluss zu haben. Alle diese Arbeiten ließ er sogar auf eigene Kosten vollbringen. Die unten abgebildete Münze wurde in Selinunt zu Ehren dieser Großtat und als dankbare Anerkennung geprägt. Selbstverständlich konnte Empedokles sich der angemessenen Verehrung der Männer und Frauen dieser Stadt gewiss sein. Als er später unerwartet bei einem ihrer Feste erschien, huldigten sie ihm wie einem vom Olymp niedergestiegenen Gott. Bei einer anderen Gelegenheit ließ er in der näheren Umgebung von Akragas eine enge Gebirgsschlucht mit Hunderten von Eselsfellen absperren und verhinderte so ein Eindringen eines heißen Windes in die darunter liegenden Täler. Auch diese Erfindung diente dem Schutz vor einer Malaria-Epidemie. Ob die Geschichte nun stimmt oder nicht, von jenem Tag an konnte er sich jedenfalls mit dem Beinamen „der Windebändiger“ schmücken. Auch als Wunderheiler trat er in Erscheinung. So soll Empedokles eine Frau aus einem 30-tägigen Koma erlöst haben. Auch die Einteilung der Menschen in insgesamt vier verschiedene Temperamente (Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker) stammt ursprünglich bereits von Empedokles. Sein Schüler Philistion baute diese Lehre dann später weiter aus. Aber natürlich waren nicht alle medizinischen Vorstellungen des Empedokles weltbewegend, einige waren sogar mehr als kläglich! Dazu gehört unter anderem sein Versuch, die Atmung zu erklären. Und auch seine Annahme, dass unsere Seele mit dem ihr innewohnenden Denkvermögen ihren Sitz im Blut hat, erscheint doch eher lächerlich. Neben den schon angesprochenen Talenten galt Empedokles auch als ein mitreißender Redner, der die Grundsätze der Redekunst festlegte und daher als Begründer der Rhetorik gilt. Zudem soll er auch noch ein außergewöhnlich guter Sänger gewesen sein. Jedenfalls gibt es dazu eine gannz nette Anekdote: Als er eines Tages mit einem befreundeteten Richter im Gespräch beisammen saß, stürzte wutentbrannt ein junger Mann in sein Haus. Dieser wollte sich an dem Richter rächen, der am selben Tag seinen Vater zum Tode verurteilt hatte. Empedokles griff seelenruhig zu seiner Leier und fing an zu singen, als wäre nichts gewesen. Der Jüngling beruhigte sich schlagartig, so dass dadurch das Leben des Richters gerettet war.
Empedokles war natürlich nicht nur ein bedeutender Politiker, religiöser Fanatiker und medizinischer Wunderheiler, sondern auch ein herausragender Denker, der letztlich als erster aus dem griechischen Volksstamm der Dorer in die Geschichte der Philosophie einging. Als Philosoph beschäftigte er sich vor allem mit zwei Bereichen, die beide in seinem Lehrgedicht „Über die Natur“ verarbeitet wurden. Auf der einen Seite entwickelte er seine metaphysischen Vorstellungen als einen ersten Versuch, die widersprüchlichen Auffassungen von Heraklit und Parmenides miteinander zu verbinden. Dabei geht es hauptsächlich um die Frage, in welchem Sinne sich von Veränderung sprechen lässt, wenn das Seiende selbst nicht der Veränderung unterworfen ist. Eine Möglichkeit der Synthesebildung ergibt sich unter der Voraussetzung, dass das Sein nicht als ruhende, einheitliche Masse (Ganzes) wie bei Parmenides, sondern als Vielheit von sich bewegenden Seinspartikeln mit beschränkter Ausdehnung aufgefasst wird. Empedokles stellte sich das wahrhaft Seiende als ein in vier Grundelemente (Luft, Wasser, Feuer und Erde) aufgeteiltes, parmenidisches Seiendes vor. Diese Elemente (Wurzeln) unterliegen keiner Veränderung. Gleichzeitig akzeptierte Empedokles im Gegensatz zu Parmenides aber auch die Veränderlichkeit der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen, die er als die Verbindung und Trennung schon existierender Dinge erklärte. So enthalten seine metaphysischen Vorstellungen die Lehre vom unvergänglichen Sein in Gestalt der vier Grundelemente. Aber andererseits wird Empedokles auch dem Gesetz des ewigen Werdens gerecht, welches seiner Auffassung nach als Sich-Mischen und Sich-Entmischen dieser Elemente in den Dingen auftritt, so dass die Sinnenwelt ihre Ableitung aus der wahren Seinswelt erhält. Unter dem Einfluss der eleatischen Philosophie stellte Empedokles sich die Urteilchen der Grundelemente von sich aus als völlig unbeweglich und daher als träge Masse vor. Deshalb war für ihn auch die Annahme von Kräften (Anziehung und Abstoßung) notwendig, durch welche die Verbindung von Anteilen der Elemente zu Komplexen, ihre Änderung und ihre Auflösung bewirkt werden. Letztlich geht es hier um die Unterscheidung zwischen dem Stoff und die ihn bewegende bzw. gestaltende Kraft. Wenn DU mehr über diese metaphysischen Gedankengänge wissen möchtest, steht DIR der folgende Link zur Verfügung.
Auf der anderen Seite war Empedokles aber auch ein sachlich beobachtender Forscher, der sich um exakte naturwissenschaftliche Ergebnisse bemühte. Alle seine darauf bezogenen Einzellehren waren von der Grundüberzeugung getragen, dass die Natur ein lebendiger göttlicher Organismus ist. Er glaubte daran, dass nicht nur der Mensch mit einer Seele und mit einem denkendem Bewusstsein ausgestattet sei, sondern alle Lebewesen. Für Empedokles gehörten also auch die Tiere und selbst die Pflanzen zu den vernunftbegabten Wesen. Einige seiner Erkenntnisse sind auch heute noch mehr als erstaunlich. So war ihm bereits klar, dass die Luft nicht aus Leere besteht und das Licht eine gewisse Zeit für seine Reise braucht. Von ihm stammt auch die erste klare Beschreibung der Sonnenfinsternis: „Der Mond deckt der Sonne die Strahlen ab, während er darüber hingeht, und verdunkelt von der Erde so viel, wie die Breite des glanzäugigen Mondes beträgt.“ Zudem versuchte er bereits, den Magnetismus und die Mischung verschiedener Flüssigkeiten zu erklären. Auch die so genannte Vierfarbenlehre geht auf ihn zurück. Am eindrucksvollsten ist aber seine Lehre vom Entstehen und der Weiterentwicklung der verschiedenen Lebensformen (Evolutionstheorie). Seiner Ansicht nach verbanden sich die Teilchen der Urelemente zunächst ohne jede Ordnung miteinander, so dass die ersten Lebewesen zufällig entstanden. Es war eine Welt voller Ungeheuer, ähnlich wie auf den Bildern von Hyronimus Bosch. Die schlimmsten Missgestalten gingen dann aber im Kampf ums Dasein schnell ein und nur die besten Wesen konnten überleben. Daher hat man Empedokles sogar manchmal als Vorläufer der Abstammungstheorie bezeichnet, was aber wohl übertrieben ist. Auch die Zentrifugalkraft fand er heraus, indem er einen mit Wasser gefüllten Eimer im Kreis herum schleuderte, ohne dass Flüssigkeit verloren ging. Man kann an diesem Beispiel geradezu den Anfang eines experimentellen Umgangs mit Gegenständen der Natur bei ihm erkennen, der für die heutigen Naturwissenschaften maßgebend ist. Empedokles entwickelte auch eine Theorie über die sinnlichen Wahrnehmungen, die zwar falsch ist, aber sich dennoch über lange Zeit gehalten hat. Für ihn war das Erkennen von Dingen nur nach dem uralten magischen Prinzip möglich, wenn dem Erkannten etwas Gleichartiges im Erkennenden begegnet (similia similibus). Wir nehmen also die aus den Elementen bestehenden Dinge nur deshalb wahr, weil diese Elemente auch in unseren Sinnesorganen vorhanden sind. Der Wahrnehmungsvorgang an sich gestaltet sich nach der Auffassung des Empedokles relativ einfach. Von allen Gegenständen lösen sich Teilchen oder Bildchen ab (Auströmungen). Beim Wahrnehmen dringen diese durch die Poren in die Sinnesorgane (z.B. Augen), üben dort einen Reiz auf die stofflichen Teilchen im Inneren der Sinnesorgane aus und rufen dadurch als Reaktion dann das Wahrnehmungsbild hervor. Die Wahrnehmung stellt sich somit als Abbildung der Wirklichkeit im Bewusstsein auf Grund von materiellen Reizen dar. Deshalb lässt sich der Vorgang grundsätzlich auch naturwissenschaftlich erklären. Ebenso erfahren wir Liebe und Streit nur, weil diese kosmischen Kräfte auch in uns wirksam sind.
Empedokles soll sehr viele verschiedene Werke verfasst haben, von denen die meisten aber leider nicht mehr erhalten sind. Denn er beauftragte seine Schwester, alle Werke zu verbrennen, die seinen hohen dichterischen Ansprüchen nicht genügten. Darunter befanden sich insgesamt 43 Tragödien, einige politische Aufsätze, eine historische Erzählung über den Perserkönig Xerxes und ein Loblied auf Apollon. Erhalten geblieben sind aber glücklicherweise etwa 400 Verse aus seinen ursprünglich 5.000 Versen umfassenden Hauptwerken. Dabei handelt es sich um die bereits früher erwähnten hexametrischen Lehrgedichte 'Reinigungslied' und 'Über die Natur'. Beiden Gedichten ist der geniale Schwung, die kräftige Sprache mit feierlichem Ton und die Anschauung (Gleichnisse und Bilder) gemeinsam. Die Verse wirken sehr ausgefeilt und irgendwie musikalisch, letztlich war Empedokles einfach ein großer Dichter. Inhaltlich erscheinen sie jedoch so verschieden, als ob sie von zwei ganz verschiedenen Autoren stammten. Noch heute ist der tatsächliche Zusammenhang zwischen den beiden Gedichten mit ihren religiösen bzw. philosophischen Inhalten ungeklärt. Man behilft sich deshalb häufig mit der Annahme, dass die beiden Werke in verschiedenen Phasen von Empedokles' Denkentwicklung entstanden seien und daher wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben. Dabei lässt sich aber nicht mehr feststellen, ob er sich zeitlich vom religiös gestimmten Propheten zum nüchternen Wissenschaftler oder umgekehrt vom naturwissenschaftlich eingestellten Theoretiker zum Seher und Künder entwickelt hat. Diese Lösung ist zwar auf den ersten Blick plausibel, dürfte aber nicht der Wahrheit entsprechen. Denn in einigen Einzelfällen ist keineswegs eindeutig zu entscheiden, ob ein Zitat nun in das eine oder andere Werk gehört, da alle Ausführungen mythologisch eingekleidet sind. Da wimmelt es nur so vom Göttlichen. Man muss also durchaus davon ausgehen, dass Empedokles den Versuch unternahm, seine religiösen Vorstellungen und seine philosophische Lehre in ein gemeinsames System zu bringen. Tatsächlich stand Empedokles dem zeitgenössischen Pythagoreismus ja auch sehr nahe, für den die Verbindung von philosophischen und religiösen Ideen geradezu typisch war.
Empedokles' Tod ist von zahlreichen Legenden umrankt, was aber auch nicht weiter verwundert, wenn man sein Auftreten als Seher und geistiger Führer einer Heilslehre betrachtet. Schon von Anfang an konnte man sich weder über sein Todesdatum noch über die Umstände seines Todes einig werden. So behaupteten seine Anhänger, dass er etwa im Jahr 435 vor Christus im Alter von 60 Jahren auf übernatürliche Weise und mit seinem Körper ins Reich der Seligen aufgefahren sei. Seine Gegner vermuteten dagegen, er habe sich in den Vulkankrater des Ätna gestürzt, um genau diese Himmelfahrtslegende entstehen zu lassen. Der Betrug sei aufgedeckt worden, weil er beim Aufstieg zum Krater eine seiner typischen Sandalen aus Kupfer verloren habe. Diese Version ist nicht nur die bekannteste, sondern sie passt wohl auch am besten in sein Persönlichkeitsbild. Denn nach der Auferweckung der Frau aus dem Koma soll Empedokles begriffen haben, dass er nun endgültig auf dem Gipfel seines Ruhms angelangt war. Daher wurde es Zeit für einen würdigen Abgang dieses „Gottes“ und der Auslöschung aller Spuren seines irdischen Daseins. Tatsächlich ist die Wahrheit dieser Geschichte aber eher zu bezweifeln, weil der Ätna schlicht und ergreifend zu weit entfernt ist. Jedenfalls wurde die Legende vom Sprung in den Ätna für den Dichter Hölderlin zum Anlass für ein unvollendet gebliebenes Drama. Es zeigt den Philosophen als Verkünder und Mittler des Göttlichen in einem gottfernen, dem All wie den Göttern entfremdeten Volk. Im Drama liegt die Tragik des Empedokles darin, dass der Wille zur Mittlerschaft den Philosophen zu einem maßlosen Anspruch treibt. Von den Göttern und dem Volk verlassen, wählt er den Selbstmord, um sich entsühnt mit dem gottdurchwirkten All zu verbinden. Und dann gibt es noch eine weitere Selbstmordvariante, die davon ausgeht, dass sich Empedokles im Alter von 60 Jahren eigenhändig erdrosselt hat. Einige Geschichtsschreiber berichten aber auch, dass er erst mit mit 77 Jahren tödlich verunglückte, als er auf der Fahrt zu einem Volksfest in Messina war. Andere Chronisten wollen hingegen wissen, dass er auf einer Reise zum griechischen Festland verstarb oder aus Altersschwäche ins Meer stürzte. Am wahrscheinlichsten erscheint mir aber folgende Version: Während Empedokles auf einer Reise zum süditalienischen Festland unterwegs war, setzten seine Feinde wegen politischer Streitigkeiten einen Beschluss durch, der seine Rückkehr verbot. Das Volk von Akragas jagte ihn also am Ende seiner Tage aus der Heimat, obwohl er immer dessen Sache vertreten hatte. Er ging ins Exil auf dem griechischen Festland (Peloponnes), wo er eines natürlichen Todes starb. Doch vorher soll er den Olympischen Spielen noch einen viel Aufsehen erregenden Besuch abgestattet haben. Also: Todesdatum irgendwann zwischen 435 und 422 vor Christus, Todesursache unbekannt. |