Demokrit von Abdera
(ca. 470 v.Chr. – ca. 380 v.Chr.)

Lebenslauf und
„naturwissenschaftliche“ Erkenntnisse

Demo


Demokrit wurde irgendwann zwischen 470 und 460 vor Christus in der reichen Handelsstadt Abdera geboren. Diese Stadt an der thrakischen Küste in der Nähe der Nestosmündung wurde erst 546 vor Christus von Bürgern der Stadt Teos (Ionischer Städtebund) besiedelt, die vor dem Ansturm der Perser nach deren Sieg über Lydien (bisherige Besatzungsmacht) geflohen waren. Zunächst trug Abdera noch den Beinamen "Die Schöne", später kam dann aber das Gerücht auf, dass hier nur höchst einfältige Menschen lebten. Der Ruf dieser Stadt war ruiniert, ganz gut vergleichbar mit dem schlechten Image der deutschen Stadt Schilda. Tatsächlich kam aber nicht nur Demokrit aus dieser Stadt, sondern auch Protagoras (ca. 485 v.Chr. - ca. 415 v.Chr.), der bekannteste aller Sophisten. Wenn DU Abdera auf der Landkarte finden möchtest, dann musst DU das Gebiet zwischen den beiden griechischen Städten Kavala und Xanthi durchsuchen.


Demokrits Persönlichkeit muss überwältigend gewesen sein, denn seine Gestalt war schon in antiker Zeit von unzähligen Legenden umhüllt. Fest steht aber, dass Demokrit das jüngste von vier Kindern aus einer reichen Familie war. Den Namen seines Vaters kennen wir heute leider nicht mehr, hier stehen drei Möglichkeiten zur Auswahl: Hegesistratos, Athenokritos und Damasippos. Seine beiden Brüder hießen Herodot und Damastes, der Name seiner Schwester ist nicht bekannt. In seiner Kindheit musste sich Demokrit sicherlich nie Sorgen um das „liebe Geld“ machen, vielmehr wuchs er in der finanziellen Sicherheit des Wohlstandes auf. Als sein Vater starb, verzichtete er auf seinen Anteil am Familiengut und ließ sich statt dessen seinen Erbteil in Höhe von 100 Talern ausbezahlen, was eine durchaus beträchtliche Summe war. Damit konnte er sich das Dasein eines Privatgelehrten leisten, der in der Weltgeschichte herumreist, um möglichst viele Meister des Wissens zu hören. Tatsächlich soll Demokrit in Mesopotamien (heute: Irak), Ägypten, Äthiopien, Phönizien (heute: Syrien), Indien, Persien (heute: Iran) und am Roten Meer gewesen sein. Nicht umsonst rühmte er sich also, mehr unerforschte Völker und Gebiete gesehen zu haben, als jeder seiner Zeitgenossen. Sicherlich werden seine geerbten 100 Taler nicht ausgereicht haben, um diese enorme Reisetätigkeit zu finanzieren. Bis heute hat sich das Gerücht erhalten, dass Demokrit auf seinen Reisen vom persischen Königshaus unterstützt wurde. Das könnte durchaus sein, denn im zweiten griechisch-persischen Krieg (ca. 480 v.Chr.) kehrte der am Ende geschlagene Perserkönig Xerxes I. auf seinem Zug durch Thrakien als Gast bei Demokrits Vater ein. Auf seinen Reisen gelangte Demokrit natürlich auch nach Athen, wo ihn aber zu seiner Verwunderung niemand kannte oder beachtete. Demokrit muss ein sehr umgänglicher Mensch gewesen sein, nur auf einen schimpfte er wie ein Rohrspatz: Anaxagoras. Der hatte ihn nämlich durchfallen lassen, als er in die Schule von Athen eintreten wollte.

Kamel

Als Demokrit nach seiner langen Reise endlich wieder in Abdera eintraf, war er in allen möglichen Wissenschaften beschlagen. Er scheint das gesamte Wissen seiner Zeit innegehabt zu haben. Heute würde man solche Menschen als Universal-Gelehrte bezeichnen, aber seine Zeitgenossen nannten ihn den „Fünfkämpfer des Wissens“, immer den über alles geliebten Sport vor Augen. Demokrit war ein leidenschaftlicher Forscher, dem es tatsächlich wichtiger war, eine einzige Ursachenerklärung zu finden als König von Persien zu werden. Irgendwie wollte er allem er auf den Grund gehen. Dazu gibt es eine ganz nette Anekdote: Eines Tages verspeiste er eine Gurke, die einen überaus merkwürdigen honigartigen Geschmack hatte. Sofort sollte seine Haushalts-Sklavin ihn zu dem Garten führen, wo sie die Gurke gekauft hatte, damit er die Erklärung dafür finden konnte. Unser Forscher fühlte sich aber sehr wahrscheinlich recht frustriert, als ihm die Sklavin mit leichtem Lächeln erzählte, die Honigsüße komme einfach daher, weil sie die Gurke versehentlich in einen Honigtopf fallen ließ. Als Demokrit von seiner langen Forschungsreise heimkehrte, war er völlig pleite. Ihm blieb keine andere Wahl, er musste als armer Verwandter bei seinen Brüdern wohnen. Doch letztlich war unserem Philosophen das anfangs auch egal, was die folgende Geschichte zeigt: Demokrit sah einen starken Preisanstieg für Olivenöl voraus und kaufte deshalb alle Vorräte der Gegend billig auf. Als das Öl nun knapp wurde, verkaufte er es mit einem riesigen Gewinn und wurde durch dieses Manöver auf einen Schlag reich. Doch er behielt dieses schnell verdiente Geld nicht, sondern gab es an seine recht verdutzten Lieferanten. Denn eigentlich wollte Demokrit nur beweisen, dass ein Philosoph leicht reich werden könne, wenn er das denn will.


Richtig nachdenklich wurde er erst, als die Stadtväter ihm eines Tages mitteilten, dass er sich wegen gesetzwidriger Verschleuderung des geerbten Vermögens nicht in der Heimat begraben lassen dürfe. Um zu vermeiden, dass die Abderiten ihn nach seinem Tode einfach ins Meer werfen, begann Demokrit aus seinen philosophischen Werken öffentlich vorzulesen. Nach Ansicht vieler Historiker waren seine Landsleute von so viel Weisheit dermaßen beeindruckt, dass sie ihm die gewaltige Summe von 500 Talenten schenkten. Natürlich kann das so gewesen sein, aber glaubwürdiger ist wohl die seltener erzählte Geschichte, dass der berühmte Hippokrates von Kos (Arzt) ihn durch ein beträchtliches Geldgeschenk aus der Klemme half. Der Aufenthalt dieses berühmten und reichen Mannes in Abdera während der Lebenszeit von Demokrit ist zumindest belegt. Wie dem auch sei: Demokrit wurde mindestens 90 Jahre alt und erhielt nach seinem Tode (ca. 380 – 365 v.Chr.) sogar ein anständiges Begräbnis auf Staatskosten. Zudem ehrte man ihn als berühmten Sohn der Stadt auch noch durch das Aufstellen von Standbildern. Demokrits Tod war übrigens eine Art von Selbsttötung. Denn als er merkte, dass seine Geisteskräfte nachließen, hörte er einfach auf zu essen. Sein Sterben lag nun gerade in der Festzeit der Thesmophorien (Fruchtbarkeitsrituale zu Ehren der Ackerbau-Göttin Demeter), was seine Schwester sehr betrübte, weil sie bei Demokrits Tod ihre Pflicht gegen die Göttin nicht hätte erfüllen können. Demokrit sprach ihr aber Mut zu und wies sie an, ihm jeden Tag frischgebackenes heißes Brot zu bringen. Dieses hielt er sich vor die Nase und erhielt sich dadurch während der drei Festtage am Leben. Gleich darauf starb er dann völlig schmerzlos. Kurz vor seinem Tod soll Demokrit sich selbst freiwillig des Augenlichts beraubt haben, indem er seine Augen den von einem versilberten Schild reflektierten Sonnenstrahlen aussetzte. Damit wollte er verhindern, dass das Sehen des Körpers ihn am Sehen des Geistes hindere. Gemeine Spötter meinen jedoch hierzu, er habe das nur deshalb getan, um die schönen Frauen nicht mehr sehen zu müssen, die er im hohen Alter nicht mehr lieben konnte.


Demokrit soll über 60 Schriften verfasst haben und legte damit eine Produktivität an den Tag, die unter den Vorsokratikern geradezu einzigartig ist. Thematisch streiften seine Abhandlungen alle möglichen Wissensgebiete: Philosophie (Metaphysik, Ethik), "Naturwissenschaften" (Kosmologie, Biologie, Medizin, Psychologie), Mathematik, Politik, Kriegstaktik, Kunst und Sprache. Selbst zum Ackerbau äußerte sich Demokrit mit praktischen Ratschlägen. Und alles schrieb er in einem sehr eleganten, lebendigen und klaren Stil nieder. Seine Schreibkunst wird bis heute vielfach mit dem von Platon in einem Atemzug genannt. Und das will schon etwas heißen. Leider ist von dem ganzen Schriftum Demokrits nicht mehr viel erhalten. Bekannt ist aber, dass Demokrit zur Erarbeitung seiner vielen Erkenntnisse immer Ruhe und Einsamkeit suchte. Schon als Kind soll er diesen Hang zum Alleinsein verspürt haben. Während seiner Forschungsreise zog er sich dann häufig in die Wüsten zurück, um seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. In Abdera hielt er sich aus diesem Grund oftmals in einem Grabgewölbe auf. Dort suchten ihn eines Nachts schwarzgekleidete junge Leute mit gräßlichen Totenkopfmasken auf und tanzten um ihn herum, damit er sich so richtig erschreckt. Demokrit war aber so in seine Arbeit vertieft, dass er wegen solchen Unsinns nicht einmal aufsah. An Gespenster glaubte er nämlich ohnehin nicht, ebenso wenig wie an irgendetwas Göttliches. Demokrit vertrat die Überzeugung, dass keine Religion von der Natur gegeben sei, sondern dass alle Götter rein menschliche Erfindungen sind. Seiner Ansicht nach stellten die verehrten Götter lediglich Personifikationen für Erscheinungen dar, die man sich nicht erklären konnte. In Demokrits Worten hört sich das dann so an: „Als die Menschen der Vorzeit die Vorgänge in der Höhe sahen, wie Donner und Blitz, das Zusammentreffen von Sternen und die Verfinsterungen von Sonne und Mond, da ließ ihre Angst sie denken, göttliche Wesen seien die Urheber dieser Erscheinungen.“ Er war also ein richtiger Atheist, der an keinen Gott glaubte. Zudem wendete Demokrit sich auch gegen die Vorstellung, dass es für die menschliche Seele nach dem Tod ein Weiterleben gibt. Das hielt er für ein lügenhaftes Märchen.


Wenn man sich die vielen Einzelerkenntnisse Demokrits anschaut, so bleibt außer seinen metaphysischen Vorstellungen und seiner Ethik nichts übrig, was von größerer Bedeutung ist. Entweder waren seine anderen Auffassungen falsch, völlig belanglos oder bereits von seinen Vorgängern vorgebracht. Hier einige Beispiele: Richtig falsch waren seine Erklärungen des Magnetismus', der Farbentstehung, zur Mischung von Stoffen und zum Verdampfungsvorgang. Als völlig belanglos darf angesehen werden, wo Demokrit sich theoretisch zu praktischen Dingen des Lebens äußerst, ohne selbst damit befasst gewesen zu sein. Beispielsweise sind Erziehungsvorschläge von einem kinderlosen Junggesellen nur selten hilfreich. Und die Bauern werden die Anregungen des landlosen Theoretikers zum Anbau von Wein nur müde belächelt haben. Und auf Ratschläge der folgenden Art kann man auch ganz gut verzichten: „Gärten nicht ummauern, weil das zu teuer ist.“ Sie gehören zum Allgemeinwissen jedes Menschen! Interessanter ist da schon Demokrits Vorstellung von der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Seiner Meinung nach fanden sich diese unter unglaublichen Anstrengungen und Verlusten wegen ihrer Bedürftigkeit und daher aus reiner Notwendigkeit zu den größeren Gemeinschaften in den Staaten zusammen. In diesem Punkt war Demokrit sich also mit seinem Landsmann Protagoras von Abdera einig, dem bekanntesten aller Sophisten. Nach Demokrit schauten sie sich die Techniken des Lebens bei den Tieren ab. Von den Schwalben übernahmen sie den Hausbau, von den Vögeln das Singen und von den Spinnen die Webkunst. Seine ganze Kosmologie basiert auf Vorstellungen, die bereits von seinen Vorgängern stammen: Die kugelförmige Erde steht im Mittelpunkt von ihrem Universum und verharrt wegen dem damit verbundenen Gleichgewicht in Ruhe. Auch wenn sie manchmal bebt, rührt sich nicht von der Stelle. Alle anderen Gestirne drehen sich in Kreisbahnen um die Erde, wobei die Sonne am entferntesten und der Mond am dichtesten ist. Die Planeten werden infolge ihrer Schnelligkeit glühend und versetzen auch die Sonne in einen glühenden Zustand. Der Mond hat hingegen nur wenig Anteil an diesem Feuer.

Leukipp

Demokrits metaphysische Vorstellungen mit der Ausarbeitung der atomistischen Theorie waren dagegen wirklich bedeutsam! Mit ihnen nahm er Erkenntnisse der Physik vorweg, die dort erst mehr als 2.000 Jahre später zum Durchbruch kommen sollten. Bei der Entwicklung dieser Theorie kann Demokrit allerdings nicht das alleinige Urheberrecht für sich beanspruchen, sondern sie geht auf die Zusammenarbeit mit seinem Lehrer Leukipp zurück. Dieser Philosoph wurde irgendwann zwischen 490 und 470 vor Christus in Milet (heute: Türkei) geboren. Seine Heimat verließ dieser überaus überzeugte Demokrat nach dem dort stattgefundenen aristokratischen Umsturz (450 bis 449 v.Chr.). Leukipp wanderte zunächst nach Elea (heute: Italien) aus, wo er ein Schüler von Zenon wurde. Um 420 vor Christus zog er in die thrakische Stadt Abdera, in der er seine eigene Philosophenschule gründete. Hier unterrichtete er dann unter anderem Demokrit, wahrscheinlich auch Protagoras. Aus dem fruchtbaren Zusammenwirken zwischen Leukipp und Demokrit entstand die Theorie der Atomistik. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen den jeweiligen Beiträgen dieser beiden Philosophen zum Geamtwerk unmöglich. Aus diesem Grund wird ihr Lehrgut in der Regel auch als eines dargestellt und sie werden gemeinsam als 'die Abderiten' bezeichnet, da Abdera ihre hauptsächliche Wirkungsstätte war.


Die erste ethische Lehre des Abendlandes geht hingegen ganz allein auf Demokrit zurück. Unter der Ethik versteht man einen Maßstab, mit der man die Moralität von Handlungen unabhängig von den herrschenden religiösen oder sittlichen Anschauungen beurteilen kann. Mit ihrer Hilfe ist also eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse möglich. Für Demokrit war dabei das Gute oder die Glückseligkeit eines Menschen identisch mit dem, was gut für einen ausgeglichenen Zustand der Seele ist. Mit anderen Worten: Handlungen sind dann als gut zu bezeichnen, wenn sie zum Wohlbefinden der Seele führen, alle anderen sind hingegen zu missbilligen. Erlangt wird der stabile Zustand der Seele, indem man in allen Dingen das rechte Maß zwischen den beiden Extremen (z.B. Lust und Unlust, Genuss und Entsagung) wahrt. Denn alle wirklich heftigen Gefühlsregungen (Affekte) verusachen in der Seele zu viel Bewegung und zerstören daher schon rein physikalisch den stabilen Komplex der Seelenatome. Diese Vorstellung entspricht ganz exakt seiner eigenen Atomtheorie! Der erstrebenswerte Zustand der Seele und damit die wunschlose Glückseligkeit eines Menschen äußert sich durch dessen Ausgeglichenheit, Ruhe und innere Harmonie. Sie wird in Gefühlen der Heiterkeit, der Fröhlichkeit, der Lust, des Optimismus' und der Freude empfunden. Diese Gefühle sind also nicht das Ziel, sondern nur Anzeichen dafür, dass das Ziel des stabilen Seelenzustandes erreicht wurde. Zudem ist der glückselige Mensch wegen seiner Ausgeglichenheit natürlich auch frei von Furcht und Schrecken, selbst Leiden nimmt er klaglos hin. Erreicht wird dieser Zustand weniger durch Anlage als durch ständiges Training, wobei die folgenden Tugenden wesentlich zum Erlangen beitragen: Genügsamkeit, Reinheit in Taten und Gesinnung, Wohltätigkeit und Milde gegen die Mitmenschen. Es ist ganz offensichtlich, dass in Demokrits Ethik die Seligkeit oder Unseligkeit eines Menschen ganz allein von ihm selbst abhängt, der sich aus innerer Verpflichtung vor allem von den schlechten Handlungen fernhalten soll. Denn Demokrit betonte mit folgenden Worten eindeutig den Vorrang der Praxis vor der Theorie: „Wort: nur der Tat Schatten.“ Einen irgendwie gearteten Bezug auf das Göttliche gibt es im ethischen System Demokrits natürlich nicht, da er ein überzeugter Atheist war. Er selbst scheint sich übrigens streng an seine eigenen Vorgaben gehalten zu haben. Seine gute Laune war geradezu sprichwörtlich, sein schallendes Gelächter kannte man in ganz Griechenland und sein heiteres, zufriedenes Wesen brachte ihm die Bezeichnung „Der lachende Philosoph“ ein. Seine ethischen Ansichten übertrug Demokrit auch auf sein politisches Verständnis. Zweifellos war er ein überzeugter Anhänger der Demokratie. Der unbedingte und freudige Gehorsam gegenüber den als gerecht geltenden Gesetzen eines (demokratischen) Staates war für ihn eine der absoluten Grundbedingungen für das Glück des menschlichen Lebens. Denn die Gesetze formulierten seiner Ansicht nach nur das, was die sittliche Pflicht gebietet. Entsprechend forderte Demokrit auch eine große Strenge gegen die Übertreter, wobei er durchaus erkannte, dass die Gesetze die verschiedenen Menschen auch in höchst unterschiedlicher Weise belasten können.

 

ZURÜCK