Über
das Leben von Anaximander ist leider nur sehr wenig bekannt. Nach
der allgemeinen Auffassung der verschiedenen Historiker lebte er
von etwa 610 bis 545 vor Christus in Milet. Sowohl sein Geburts-
als auch sein Todesort sind unbekannt. Selbst über die Umstände
seines Todes weiß man nichts. Der Vater von Anaximander hieß
Praxiades und es wird angenommen, dass seine Familie zu den führenden
Clans der Seehandelsmetropole gehörte. Dieses kann man schließen,
weil Anaximander in seinen jungen Jahren die Führung bei der
Gründung einer Kolonie am 'Schwarzen Meer' anvertraut wurde.
Zu Ehren des Gottes Apollon nannte man diesen Ort später Apollonia.
Aus dem Leben Anaximanders ist nur eine Anekdote überliefert.
Als er einmal falsch in einem Chor mitsang, wurde er von den Kindern
Milets ausgelacht. Da wandte er sich an seine Kollegen und soll
etwa folgendes gesagt haben: "Aber bitte, meine Herren, bleiben
wir doch im Takt. Hier äffen uns schon die Rotznasen nach."
Das spricht sicherlich für den ausgeprägten Humor dieses
Philosophen. Gewiss ist aber, dass er ein Schüler und Freund
des etwa 15 bis 25 Jahre älteren Thales war, dem ersten Philosophen,
der ebenfalls in Milet lebte. Fast alle seiner zahlreichen Gedanken
entwickelte Anaximander durch die Auseinandersetzung mit den Lehren
seines Meisters. So wurde er zum lebenden Widerspruch zu dessen
wichtigsten Thesen. Klar ist auch, dass er in seiner Heimatstadt
hoch angesehen war. Milet ehrte ihn sogar durch ein Standbild. Und
dieses, obwohl er mit seiner Geisteshaltung im Widerspruch zur religiösen
Tradition seiner Vaterstadt stand. Denn Anaximander soll gesagt
haben, dass auch die Götter entstehen und vergehen.
Anaximander
fertigte als erster Mensch eine Landkarte für die ganze Welt
an, die er auf ein Säulenstück zeichnete. Dabei teilte
er das vom Wasser umschlungene runde Festland in vier symmetrische
Landmassen auf, die durch Flüsse getrennt waren. Aus heutiger
Sicht wissen wir natürlich, dass diese Karte zumindest sehr
ungenau war. Aber für die damaligen Zeiten war sie in den Augen
der Seefahrer ein ungeheurer Fortschritt. Vor allem, weil sie mit
Ratschlägen und Anmerkungen über die Völker versehen
war, denen man auf der Reise begegnete. Außerdem konstruierte
Anaximander eine Art Himmelsglobus mit einer Übersicht über
die Sterne, mit deren Hilfe sich die Seefahrer auch bei Nacht nach
den Gestirnen richten konnten. Vorher hatten die Seemänner
überhaupt keine Hilfsmittel zur Verfügung. So mussten
sie sich auf den Spruch des Orakels von Didyma verlassen, dass nichts
gegen eine erfolgreiche Fahrt und eine glückliche Heimkehr
sprach. Jedenfall lässt die Erstellung der Weltkarte darauf
schließen, dass Anaximander viele Reisen unternommen hat.
Und er war sicherlich nicht bloß ein zerstreuter Theoretiker,
denn wie gesehen konnte er sein Wissen durchaus in praktische Dinge
umsetzen. Hierzu gehört auch, dass Anaximander als Erfinder
der Sonnenuhr gilt, die neben der Uhrzeit auch noch die Tagundnachtgleichen
und die Sonnenwenden anzeigte. Eine seiner größten Erfolge
bestand sicher darin, dass er sein wetterkundliches Wissenn nutzte,
um ein Erdbeben in der Gegend von Sparta vorauszusagen. Damit rettete
er vielen Bewohnern dieser Stadt das Leben. Wie
fast alle vorsokratischen Philosophen hatte auch Anaximander ein
großes Interesse an den konkreten Naturerscheinungen. Mit
seinem Wissen verfasste er zahlreiche Schriften über die
Natur. Außerdem soll er eine zusammenfassende Darstellung
der damals bekannten Geometrie geschrieben haben. Von all diesen
Werken ist fast nichts mehr erhalten, nur vier Mini-Fragmente
(jeweils ein oder zwei Wörter) und eine vollständige
Textpassage, die sich auf den Urgrund des Seins bezieht. DU
findest sie unter dem Link "Metaphysische Vorstellungen des
Anaximander". Aber Vorsicht, diese kleine Passage ist äußerst
schwer verständlich und deren Auslegung hat schon so manchem
Gelehrten erhebliches Kopfzerbrechen bereitet. Tatsächlich
blieb der Text nur erhalten, weil Theophrast, der bedeutenste
Schüler des Aristoteles und zugleich der erste Geschichtsschreiber
der Philosophie, diese Sätze einfach nicht verstand. Deshalb
hat er sie lieber wortgetreu aufgeschrieben.
Im Bereich der "Naturwissenschaften" beschäftigte
Anaximander sich unter anderem mit der jährlichen Überschwemmung
des Nils, dem Salzgehalt des Meeres, sowie der Entstehung von
Wind, Regen, Donner und Blitz beschäftigte.Seine Erklärungen
kannst DU dabei aber getrost als rundweg falsch
betrachten. Bekannt sind noch seine Überlegungen zur Entstehung
des Universums und des Menschen, die durchaus als kühn oder
gar verwegen zu bezeichnen sind.
Das
ganze Universum war nach Anaximanders Vorstellung eine hohle Kugel,
die am Anfang nur mit dem Urstoff (Apeiron) gefüllt war.
Von diesem Apeiron trennten sich dann Gegensätze ab, vor
allem das Kalte und das Warme. Das Kalte bewegte sich in das Zentrum
der Kugel und wurde dort zur Erde. Das Warme hingegen drängte
nach außen und bildete zunächst einen durchgängigen
Feuerwall um die Erde. Irgendwann zerriss dann diese Feuerwand
und wurde dadurch in gewaltige Feuerräder geteilt, welche
um die Erde rotieren. So entstanden die Sonne, der Mond und die
anderen Gestirne. Die Feuerräder konnte man aber nicht sehen,
weil sie fast vollständig mit einer Luftschicht überzogen
waren. Dazu muss man wissen, dass Luft nach Ansicht der antiken
Griechen die Dinge unsichtbar machen konnte. Lediglich am Innenrand
der Feuerräder war jeweils eine unverdeckte Öffnung
in Form einer Röhre. Durch dieses Loch konnte man auf das
blendende Licht des glühenden Mantels außerhalb des
Himmelsgewölbes blicken. Entsprechend nahm Anaximander natürlich
an, dass kein Himmelskörper selbständig leuchtet. Die
Finsternis bei Nacht, eine Sonnenfinsternis und das Zu- bzw. Abnehmen
des Mondes erklärte er einfach durch Verstopfungen in den
Löchern der Feuerräder. Damit widersprach er den Erkenntnissen
seines Lehrers Thales, leider zu unrecht! Der ganze Aufbau der
Gestirne war bei Anaximander so angelegt, dass ganz außen
und daher am weitesten entfernt das Sonnenrad lag. Ihre Größe
betrug das 27-fache des Erddurchmesser. Dann kam der Mond (19-fache
Größe) und am dichtesten bei der Erde waren alle übrigen
Gestirne. Die Erde selbst war genau im Zentrum des Universums.
Und zwar unbeweglich und frei schwebend, so dass die Umlaufbahnen
der Gestirne auch unter der Erde durchgehen konnten. Für
die damalige Zeit war das eine unglaubliche Aussage. Anaximander
erkärte dieses auf seine ganz eigene Art. Er fragte zunächst,
ob es überhaupt Gründe für die Annahme gebe, dass
sich die Erde bewegt. Das konnte er verneinen. Denn die Erde hat
nicht den geringsten Grund, sich in irgend eine Richtung zu neigen,
da sie genau im Mittelpunkt des Universums ist. Daraus folgerte
er, dass man berechtigt sei, die Erde als ruhend zu betrachten.
Und was sowieso ruhend ist, braucht natürlich auch keine
zusätzliche Stütze mehr. Die Erde selbst stellte Anaximander
sich als eine zylindrische Säule aus Stein vor, deren Höhe
ein Drittel ihres Durchmessers beträgt. Die Menschen leben
nun auf der oberen Grundfläche dieses tortenähnlichen
Gebildes. Außerdem nahm er an, dass unser Universum mit
der Erde als Mittelpunkt von unendlich vielen anderen Universen
umgeben ist. Das ist nun wiederum höchst modern, denn auch
viele Quantenphysiker sind davon überzeugt. Diese Ansicht
wird dort in der so genannten Viele-Welten-Theorie ausgedrückt.
Insgesamt ist das kosmologische Modell Anaximanders aber ganz
schön abgedreht, oder findest DU das etwa
nicht. Man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass es
sich bei diesem Bild vom Kosmos um ein gedankliches Konstrukt
handelt, das nichts mit der beobachtbaren Wirklichkeit zu tun.
Aber trotzdem muss man anerkennen, dass er als erster Mensch überhaupt
den Kosmos als ein planvoll geordnetes Ganzes erkannte.
Auch
bei den Vorstellungen Anaximanders über die Entstehung des
Menschen und aller anderen Lebewesen geht es in weiten Teilen
nicht weniger phantasievoll zu. Er ging von der Überzeugung
aus, dass die Erde zunächst ganz von einer Art Erdschlamm
bedeckt war. Durch die Erwärmung dieser Masse und der damit
verbundenden Verdunstung trennte sich nun der Schlamm in Wasser-
und Landflächen. Gleichzeitig führte die Einwirkung
der Wärme dazu, dass sich im Schlamm Fische als erste Lebewesen
bildeten. Aus diesen Ur-Fischen entstanden dann in einem langen
Entwicklungsprozess alle anderen Lebewesen. Seine Schlussfolgerung
war für die damalige Zeit atemberaubend. Heute wissen wir
durch Darwins Evolutionstheorie, dass sich das Ganze tatsächlich
so ähnlich abgespielt hat. Als Ausgangspunkt für seine
wirklich sensationelle Vermutung benutzte er folgende Überlegung:
Ein menschliches Kleinkind braucht bekanntlich eine lange Zeit
des Schutzes und der Pflege, ehe es sich selbst versorgen kann.
Daraus zog Anaximander den Schluss, dass die Menschheit nicht
einfach mit einem Säugling angefangen haben konnte. Denn
wäre der Mensch von Anfang so hilflos gewesen wie er jetzt
noch als Baby ist, so hätte er bestimmt nicht überleben
können. Das ist doch nun wirklich ein einleuchtender Gedankengang,
oder? Nicht ganz! Anaximander hätte seine Beschreibung über
die Entstehung des Menschen natürlich auch mit erwachsenen
Männern und Frauen beginnen können, die keineswegs so
schutzbedürftig sind. Denn von wem sonst wurde der erste
Säugling gezeugt. Das ist wie die Frage danach, was zuerst
da war: Das Huhn oder das Ei! Wie dem auch sei. Anaximander nahm
jedenfalls an, dass die Menschen zunächst mit Schuppen bedeckt
waren. Während ihrer ganzen Kindheit wurden sie dann von
speziellen Fischen in deren Maul herumgetragen, bis sie endlich
so weit waren, um für sich selbst sorgen zu können.
Daraufhin befreite sich der Mensch von seinen Schuppen, verließ
seinen Maul-Schutzraum, wanderte auf das Trockene und passte seine
Lebensweise den neuen Bedingungen an. Diese uns heute doch sehr
komisch vorkommende Auffassung Anaximanders über die Entstehung
der Menschheit ist zweifelslos auch die Ursache für seine
Forderung, keinen Fisch zu essen.
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