Anaxagoras von Klazomenai
(ca. 498 v.Chr. – ca. 428 v.Chr.)

Lebenslauf
und „naturwissenschaftliche“ Erkenntnisse

Anaxagoras


Anaxagoras wurde zwischen 500 und 497 vor Christus in der kleinen ionischen Stadt Klazomenai geboren, die in der Nähe von Smyrna (heute: Izmir in der Türkei) lag. Er war der Sohn einer reichen Adelsfamilie, sein Vater hieß Hegesibulos. Anaxagoras gilt als das Urbild des reinen Wissenschaftlers und weltabgewandten Denkers, der in der theoretischen Forschung das höchste menschliche Glück und seine persönliche Freiheit fand. Dafür verzichtete er auf allen äußeren Reichtum, denn letztlich interessierten ihn die irdischen Angelegenheiten einfach nicht. Seine Angehörigen waren verzweifelt und fragten ihn immer wieder, warum er sich nicht um seine Besitztümer kümmere. Schließlich verschenkte er sein gesamtes Eigentum an seine Verwandten, damit er nicht mehr von ihnen belästigt werden konnte. Denn richtig glücklich fühlte er sich nur, wenn er einsam und allein auf einem Berg den Himmel beobachten konnte. Als er einmal gefragt wurde, wozu er auf die Welt gekommen sei, antwortete er: „Zur Beobachtung von Sonne, Mond und Himmel.“ Anaxagoras widmete sich ganz diesen Naturbetrachtungen, ohne dass er auch nur Ansatzweise in die politischen Angelegenheiten seiner Heimatstadt eingriff. Man fragte ihn daraufhin, ob er denn gar kein Herz für sein Vaterland habe. Er sagte dazu: „Nichts liegt mir mehr am Herzen als mein Vaterland.“ Dabei zeigte er aber auf den Himmel. Durch seine Beobachtungen sammelte sich bei Anaxagoras ein großes astronomisches Wissen an. Zudem wurde ihm nachgesagt, dass er die Geheimnisse des Weltalls unmittelbar aus den geheimen Büchern der ägyptischen Priester erfahren haben sollte. Auf jeden Fall wurden ihm alle möglichen Weissagungen zugeschrieben: er soll eine Sonnenfinsternis, ein Erdbeben auf Grund des in einem Brunnen abgelagerten Schlamms und sogar den Einsturz eines Hauses vorhergesagt haben. Dazu passt auch folgende Anekdote: der Philosoph wurde einmal bei der Olympiade gesehen, wie er einen Mantel über den Kopf gezogen hatte, als wollte er sich gegen Regen schützen. Dabei war der Himmel ganz heiter. Kurz darauf kam aber ein furchtbarer Platzregen vom Himmel runter. Ob diese Geschichten nun wahr sind oder nicht, lässt sich heute nicht mehr ergründen. Fakt ist aber, dass Anaxagoras einen Meteoriteneinschlag in der Nähe des ionischen Dorfes Aegospotamos im Jahr 468 oder 467 vor Christus vorhersagte. Dieses kosmologische Ereignis behandelte er später in seinem Werk. Wahrscheinlich war es auch eine der Ursachen, die ihn zur Entwicklung der Ansicht brachten, dass die Sterne aus glühenden Steinen bestehen. Jedenfalls wurde Anaxagoras nach dieser richtigen Vorhersage richtig berühmt, denn die griechische Welt war sehr empfänglich für die Kunst der Weissager. Wem es nur ein einziges mal mit Hilfe von Berechnungen oder einfach Glück gelang, ein Naturereignis vorher zu sagen, der genoss von da an grenzenlose Glaubwürdigkeit. Anaxagoras galt seit dem Zeitpunkt überall als derjenige, der den Fall eines Steines vom Himmel vorhergesagt hatte.

Um das Jahr 462 vor Christus zog Anaxagoras nach Athen. Über den Grund für diesen Umzug gibt es verschiedene Meinungen. Einigen Berichten nach wurde er von Xanthippos nach Athen gerufen, um dessen Sohn Perikles zu unterrichten. An anderer Stelle heißt es, er sei als ehemaliger persischer Soldat mit den Truppen des Xerxes nach Griechenland gekommen. Das scheint sehr wahrscheinlich, denn seine Heimatstadt wurde von den Persern zur Zeit der ionischen Revolte besetzt. Es ist daher gut möglich, dass er mit anderen ionischen Männern dazu gezwungen wurde, am Feldzug gegen Athen teilzunehmen. Aber wie dem auch sei: Anaxagoras kommt der Ruhm zu, die Philosophie nach Athen geführt zu haben, indem er dort seine eigene Philosophie-Schule gründete. Sein bekanntester Schüler war Archelaos aus Milet, der unter anderem herausfand, dass sich der Klang in der Luft durch eine Aufeinanderfolge von Stößen ausbreitet. Heute kennt man Archelaos aber eher, weil er nach der antiken Überlieferung der Lehrer des berühmten Sokrates war. Anaxagoras zählte zu den bedeutensten Denkern Athens und schloss in dieser Stadt Freundschaften mit vielen Vertretern der geistigen Elite.

Acropolis


Anaxagoras kam mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt. Zunächst etwa um 450 vor Christus, als er von einem Mann namens Kleon vor ein so genanntes Scherbengericht geschleift wurde, das ihn zur Zahlung einer Geldbuße in Höhe von fünf Talenten verurteilte. Über den damaligen Anklagepunkt ist aber leider nichts bekannt. Im Jahr 432 vor Christus wurde Anaxagoras dann in Athen wegen seiner philosophischen Gedanken vor ein Gericht gestellt und von diesem zum Tode verurteilt. Offiziell wurde er von Thukydides (Vertreter des traditionellen Weltbildes) wegen angeblicher Sympathie für die Perser und wegen Verletzung der herkömmlichen Frömmigkeit (Asebie) angeklagt. Inoffiziell hatte das Ganze aber auch einen politischen Hintergrund. Denn zu den Schülern und Freunden des Anaxagoras gehörte unter anderem auch der mächtigste Politiker Athens, Perikles, der als Lenker und erster Mann des Staates natürlich auch viele Feinde hatte. Ihn wollte man treffen, indem man seinen Freund Anaxagoras vor Gericht brachte. Wenn es darum ging, einem politischen Gegner zu schaden, kannten die Griechen überhaupt keine Hemmschwelle. Der Anklagepunkt der persischen Gesinnung von Anaxagoras war geradezu lächerlich, auch wenn er wohl tatsächlich als Soldat mit der persischen Armee nach Athen gekommen war. Denn erstens war das bereits vor 30 Jahren geschehen und zweitens wurde er von den Persern mit Gewalt dazu gezwungen, an diesem Feldzug teilzunehmen. Sehr viel schwerwiegender war der Anklagepunkt, dass er die herrschende Religion verächtlich gemacht habe. Unabhängig von dem ganzen politischen Hintergrund des Prozesses hatte Anaxagoras tatsächlich gegen ein entsprechendes Gesetz verstoßen, welches die Verbreitung von theoretischen Ansichten über die Himmelserscheinungen verbot. Dieses fasste man im damaligen Athen als Abkehr von der staatlich verordneten Religion und damit als Verletzung der Staatsordnung auf. Besonders seine Lehre von der Natur der Sonne wurde als höchst ketzerisch verurteilt. Anaxagoras behauptete nämlich, dass es sich bei der Sonne nicht um den Gott Helios, sondern um eine feurige Steinmasse handelt. Diese Aussage ließ sich natürlich nicht mit der Staatsreligion in Einklang bringen und weckte tatsächlich den Zweifel an dem Wert der bestehenden rituellen Einrichtungen bei den Leuten. Offensichtlich wurde Anaxagoras' Ansicht über die Sonne von vielen einflussreichen Bürgern Athens als so bedrohlich für die traditionelle Weltdeutung und damit für die Erhaltung des Staatsgefüges empfunden, dass man in Athen kein Nebeneinander von verschiedenen Erklärungsversuchen akzeptieren konnte, wie es in vielen der anderen griechischen Städte ganz selbstverständlich praktiziert wurde. Genau deshalb wurde die freie Forschung erstmals in der Geschichte des Abendlandes durch die staatliche Gewalt unterdrückt. Da half es auch nichts, dass Perikles selbst die Verteidigung seines Freundes Anaxagoras übernahm und sich mutig für ihn einsetzte. Letztlich wurde das Todesurteil verhängt! Als Anaxagoras die Nachricht darüber erhielt, soll er nur gesagt haben: „Schon längst hat die Natur sowohl sie als auch mich (zum Tode) verurteilt.“ Die Vollstreckung des Urteils wurde verhindert, indem Perikles den Gefängniswärter bestach, so dass Anaxagoras flüchten konnte. Sein Werk „Über die Natur“, der erste Bestseller in der Literaturgeschichte, wurde offiziell verboten. Trotzdem lasen die Gebildeten Athens die Schrift weiterhin, wobei eine Weitergabe aber nur noch im Verborgenen erfolgen konnte.

Anaxagoras musste Athen nach 30 Jahren Aufenthalt verlassen und ging ins Exil nach Lampsakos, einem verlassenen Nest im nördlichen Ionien (heute: Türkei). Sein Stolz gebot ihm, seinen Schmerz über die Verbannung aus der Weltstadt nicht zu zeigen. Erinnerte ihn jemand daran, dass er der Athener und ihrer Kultur beraubt worden sei, antwortet er ihm: „Nicht ich ihrer, sondern sie meiner.“ Auch sonst blieb er nicht vom Schicksal verschont. Den Tod seiner Söhne kommentierte er mit den Worten: „Ich wusste, dass sie als Sterbliche gezeugt waren.“ Insgesamt lebte Anaxagoras noch vier Jahre in Lampsakos, in denen er dort als Philosophielehrer tätig war. Sein Tod im Jahr 428 vor Christus war ein Selbstmord durch freiwilliges Verhungern, wofür er sein Gesicht einfach mit einem Schleier bedeckte. Jenen, die ihn bemitleideten, dass er fern seiner Wahlheimat sterben müsse, hielt er nur entgegen: „Man findet an allen Orten einen Weg zum Hades hinab.“ Es wird ihm ein kleiner Trost gewesen sein, dass er von seinen Mitbürgern im Exil hoch geehrt wurde. Als er deshalb vom Rat des Ortes gefragt wurde, wie sie seines Todes gedenken sollten, sagte er: „Am besten wäre es, den Kindern in meinem Sterbemonat schulfrei zu geben.“ Das war den Politikern nun aber doch etwas zuviel verlangt, aber immerhin richtete man ihm zu Ehren einen jährlichen Schulfeiertag ein.

Anaxagoras' Schrift „Über die Natur“ wurde von den Athenern später als das wohl bedeutsamste philosophische Werk des Jahrhunderts gepriesen. Ja, so sind die Menschen nun einmal: Erst wird jemand mit Schimpf und Schande bedeckt, dann aber mit einem übertriebenen Lob bedacht! Es lässt sich nämlich ganz sicher nachweisen, dass Anaxagoras viele seiner Gedanken einfach vom genialen Empedokles übernahm. Die erhalten gebliebenen Textstellen seiner Schrift zeichnen sich durch eine sachlich-nüchterne Ausdrucksweise und einen übersichtlichen Satzbau aus. Durch den Verzicht auf bildhafte Vergleiche erinnern sie irgendwie an die humorlosen Ergüsse heutiger Wissenschaftler. Und als solcher fühlte Anaxagoras sich auch, denn er war vom Wunsch geleitet, die Welt ganz mit den Mitteln der Vernunft ohne religiös-mythologische Hilfskonstruktionen zu deuten. Dieses brachte ihm den Beinamen 'Nous' (der Geist) ein. Wenn man seine Texte liest, dann wird die Geschichte sehr glaubwürdig, dass ihn kein Mensch je lachen gesehen hat. Inhaltlich beschäftigte Anaxagoras sich fast nur mit seinen metaphysischen Vorstellungen und mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Als sein eigentlicher Lehrer gilt zwar Diogenes von Apollonia, der die Lehre des Milesiers Anaximenes erneuerte, aber von dessen Gedankengut ist in Anaxagoras' Werk fast überhaupt nichts mehr zu erkennen. Im Bereich der Metaphysik stellte Anaxagoras sich das Weltall ursprünglich als ein Chaos von unendlich vielen, verschiedenen Urbestandteilen (Homöomerien) vor. In dieses brachte der Nous (Weltgeist, Weltvernunft) dann eine zwecksetzende Ordnung, indem er die Urbestandteile in eine wirbelnde Bewegung versetzte und sie so zu den sinnlich wahrnehmbaren Dingen entwickelte. Wenn DU mehr über die metaphysischen Vorstellungen des Anaxagoras erfahren möchtest, steht DIR der folgende Link zur Verfügung.:



Wegen seiner Leidenschaft für die Naturwissenschaften wurde Anaxagoras auch 'Ho Physikotatos' (der größte Physiker) genannt. Es ist schon höchst erstaunlich, wie oft er mit seinen Vermutungen ins Schwarze traf. Aber natürlich hat Anaxagoras auch so manchen Bock geschossen, die wir hier als erstes abhandeln. So bemühte er sich um die Erklärung der Nilüberschwemmung, des Hagels und des Regenbogens, was alles mehr oder minder erbärmlich ausfiel. Auch die folgende Thesen waren nicht gerade eine Ruhmestat: Die Winde entstehen durch Verdünnung der von der Sonne erhitzten Luft. Donner entsteht durch den Zusammenprall von Wolken. Erdbeben werden durch die Bewegung von Luftmassen ausgelöst, die im Inneren der Erde gefangen sind. In anderen Bereichen hat Anaxagoras aber wirklich große Leistungen vollbracht. Beispielsweise war sein astronomisches Wissen für die damalige Zeit überragend. So war ihm bekannt, dass die Sonne und die Sterne glühende Gebilde aus Stein sind, die mit schwindelerregender Geschwindigkeit am Himmel kreisen. Im Gegensatz dazu erhält der Mond sein Licht von der Sonne und ist ein kalter Stein. Zu Sonnenfinsternissen kann es nur kommen, weil die Umlaufbahn des Mondes niedriger als diejenige der Sonne ist. Kometen sind flammende Planeten, die einen Schweif von Funken hinter sich herziehen. Einige Irrtümer seien dem guten Anaxagoras da gerne verziehen, die ihm in seinem Spezialgebiet unterliefen: Die Erde befindet sich als flache Scheibe in der Mitte der kosmischen Ordnung und wird von der äußerst starken Luft getragen. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind von der Erde losgerissene Gesteinsmassen. Der Mond ist bewohnt und hat Landschaften, genau wie auf der Erde. Die Sonne ist größer als der Peleponnes (Halbinsel in Griechenland). Anaxagoras' Theorie der Wahrnehmung ist ebenfalls äußerst beeindruckend. Er entwickelte die geniale Vorstellung, dass die Sinnesempfindungen vom Kontrast abhängen. So verdanken wir die Wahrnehmung der Kälte unserer Körpertemperatur und das Sehen ist ein Einbruch des Lichts in das gegensätzliche Dunkel. Dagegen verursachen sehr intensive Sinnesempfindungen Unbehagen und Schmerz. Das sind Ansichten, die noch heute in der Physiologie gelten. Auch seine richtige Festellung, dass alle Sinnesempfindungen vom Gehirn abhängen, ist faszinierend. Als letztes sollen noch einige von Anaxagoras' Gedanken vorgebracht werden, die er sich zur Entwicklung des Menschen gemacht hat. Demnach entstanden die ersten Menschen aus der Feuchtigkeit, bevor sie sich selbständig weiter fortpflanzen konnten (das stimmt). Dabei wachsen die männlichen Embryos in der rechten und die weiblichen in der linken Hälfte der Gebärmutter heran (na ja, das war eben ein Missgriff, kann vorkommen). Die Ernährung in der Gebärmutter erfolgt durch die Nabelschnur (genau getroffen). Zunächst fehlt es den Menschen im Vergleich zu den Tieren an Kraft und Schnelligkeit. Doch diese Mängel werden durch die spezifisch menschlichen Fähigkeiten (Erfahrung, Klugheit, Gedächtniskraft, und handwerklich-technische Geschicklichkeit) nicht nur ausreichend wettgemacht, sondern der Mensch erlangt gegenüber den Tieren sogar eine Überlegenheit, so dass er sie in seinen Dienst stellen kann. Von entscheidender Bedeutung dafür ist der Schritt des Menschen hin zu einer aufrechten Haltung, wodurch die Hände zum Greifen frei wurden (recht hat er damit!). Der Mensch ist zudem auch noch das vernünftigste aller Lebewesen (mehr als fraglich, denn keine andere Tierart zerstört mutwillig die überlebensnotwendige Umwelt).

 

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