Der Träumer








Für den Träumer gibt es in der Fachliteratur viele verschiedene Namen, manchmal wird er dort als das „stille Kind“, das „verlorene Kind“, das „unsichtbare Kind“ oder gar als „das Chamäleon“ bezeichnet. Diese Namen sind sein Programm, denn es verhält sich nach dem Motto: „Wenn man mit niemandem eine engere Beziehung hat, kann man auch nicht verletzt werden.“ Dieses Kind geht den Weg des geringsten Widerstandes, akzeptiert alle möglichen Situationen und bleibt dabei möglichst unbeteiligt. Durch dieses immer ausgeprägter werdende, passive Verhaltensmuster hofft der Träumer, dass alles einfach an ihm vorüber geht. Er fühlt sich allein immer noch wohler als im Chaos seiner Suchtfamilie, wo kein Platz für ihn vorhanden ist und die Äußerungen von eigenen Bedürfnissen ohnehin völlig sinn- und zwecklos bleiben. In der Familie lernt er also, dass er total unwichtig ist, bis hin zu dem Gefühl, gar nicht wirklich zu existieren. So begreifen diese Kinder sehr schnell, dass es für sie dort nichts mehr zu holen gibt. Leider übertragen sie das am kranken Familiensystem Erlernte aber auch auf alle anderen Situationen des Lebens, was in letzter Konsequenz zur sozialen Isolierung führt.

In der Regel ist der Umgang mit den Träumern für andere Menschen problemlos, da sie sich eine hohe Flexibilität angeeignet haben, mit der sie sich hervorragend an alle möglichen Gegebenheiten anpassen können. So hilft der Träumer der Familie, indem er sich zurückzieht, möglichst gar nicht auffällt und keinerlei Anforderungen stellt, um die Situation durch seine Anwesenheit nicht noch zusätzlich zu belasten. Entsprechend erhält er auch keine positive Aufmerksamkeit oder gar Förderung. Und gelobt wird das Kind höchstens für das, was es nicht tut oder nicht ist („wenigstens machst du uns keine Schwierigkeiten“). Daraus resultieren seine Gefühle von Wertlosigkeit und Konfusion. Da die Träumer ihre erlernte Überlebensstrategie auf alle Lebensbereiche übertragen, müssten sie eigentlich bereits im Kindergarten oder in der Grundschule durch ihr zurückgezogenes Verhalten und Spielen ohne Spontaneität und Lebensfreude auffallen. Leider ist das aber nur selten der Fall, da es vielen Pädagogen durch fehlende Schulung am Blick für diese Problemkinder fehlt. Wenn SIE also pädagogisch tätig sind und SIE ein Kind immer wieder bei der Aufzählung vergessen oder IHNEN dauernd der Name eines Kindes nicht einfällt, so ist es vermutlich eines dieser „unsichtbaren Kinder“, die quasi einfach verschwinden.

Die kleinen Träumer nehmen in allen Gemeinschaften eine sehr zurückgezogene, fast schweigsame Position ein und vermitteln dort das Bild des typischen Einzelgängers ohne viele Freunde. Dadurch, dass sie sich scheinbar nur um sich selbst kümmern, erwecken sie in den anderen oft den Eindruck von Arroganz und Egoismus. Dabei ist das Grundgefühl dieser Kinder eine stark ausgeprägte Einsamkeit, Schüchternheit und Hoffnungslosigkeit. Sie erwarten nichts mehr vom Leben und von den anderen Menschen. Vielmehr geht es ihnen darum, nicht mehr fühlen und nachdenken zu müssen, weil sie die daraus resultierenden Schmerzen unter allen Umständen vermeiden möchten. Gleichzeitig führen die fehlenden Erfahrungen von Nähe und Kontakt in der Familie dazu, dass die Träumer nur über sehr beschränkte soziale Kompetenzen verfügen, um sich in der Realität zurecht zu finden. Sie können nur schwer tragfähige Beziehungen eingehen, da sie weder ihre eigenen Gefühle ausdrücken können noch spüren können, welche Gefühle andere haben. Im Grunde genommen haben sie bisher Gefühle ja auch nur als explosionsartige Äußerungen kennen gelernt, vor denen man Angst haben muss. Das alles verstärkt die Tendenz zur Flucht der Träumer in eine Traum- und Phantasiewelt, wobei viele von ihnen stundenlang vor dem Fernseher sitzen oder zu Computerfreaks werden. In ihren Tagträumen entstehen Bilder einer heilen Familienwelt, die später zur ständigen Suche nach dieser „Traumfamilie“ führen können. Die Enttäuschungen in der Realität fügen diesen Menschen immer neue Verletzungen hinzu. Das mach die Frage nach dem Sinn des Lebens für sie immer bedrängender. Viele Träumer haben wenig Lebensmut und sterben in jungen Jahren durch Selbstmord. Ihr scheinbar unabhängiges Verhalten und ihr scheinbares Selbstvertrauen maskieren eine immense Furcht, doch von anderen abhängig zu sein. Hinzu kommt, dass alle Träumer große Probleme mit dem Treffen von Entscheidungen haben. Häufig empfinden sie eine große innere Leere, die sie mit materiellem Besitz, mit Essen (viele sind stark übergewichtig) oder mit Suchtmitteln aufzufüllen versuchen. Ihre Suchtgefährdung entsteht durch die Erfahrung, dass sie durch die Wirkung eines Suchtmittels ein Gefühl von Stärke erleben und plötzlich Alternativen entdecken, die sie vorher nicht sehen konnten. In der gesamten Schulzeit werden ihre tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten häufig völlig falsch eingeschätzt, da ihre intellektuellen Leistungen durch die mangelnde Erwartung der anderen und ihr eigenes extrem geringes Selbstwertgefühl oft wenig ausgeprägt sind. Das führt dann dazu, dass sie zu unrecht als lernbehindert oder sogar als geistigbehindert eingestuft werden und letztlich in den falschen Schulen sitzen.

Als Erwachsener ist der Träumer fast immer bemüht, möglichst über alles Negative hinweg zu sehen, ohne dabei etwas zu empfinden oder zu reflektieren. Das Verhaltensmuster aus der Kindheit erlebt hier eine Fortsetzung. Daneben gibt es aber auch ein starkes Bedürfnis nach Veränderung der eigenen Situation, meistens ist der Träumer aber davon überzeugt, keine Wahl zu haben. Während einer Therapie scheint es zunächst, als hätte dieser Mensch überhaupt kein Mitteilungsbedürfnis und als wäre er in seiner lebenslangen Einsamkeit erstarrt. Seine Gefühle kann der Therapeut nur sehr langsam durch Wärme und Zuwendung auftauen, denn der Träumer braucht viel Zeit, um aus seinem Schneckenhaus heraus zu kommen. Und dann benötigt er Schutz, Geborgenheit und Begleitung, sonst zieht er bei jeder Berührung oder Belastung die vorsichtig ausgestreckten Fühler wieder ein, bis er nach mehreren Fehlschlägen wieder ganz in seinem Schneckenhaus verschwindet. Die Förderung seiner Risikobereitschaft und seiner Entscheidungsfreude erfordern also sehr viel Fingerspitzengefühl des Therapeuten. Ziel der Behandlung kann es nur sein, dass dieser Mensch zwar weiter seine Einsamkeit leben kann und darf, aber zusätzlich auch lernt, Freundschaften zu schließen und Beziehungen einzugehen. Es geht also um die Erweiterung seines Handlungsspielraums, so dass er die freie Wahl hat zwischen Alleinsein und Kontaktaufnahme zu anderen. Dann liegen die Stärken des Träumers unvermittelt auf der Hand. Er ist unabhängig von der Meinung anderer, kreativ, erfinderisch, phantasievoll und er kann sich gegen andere behaupten.

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