
Der Sündenbock
Häufig wird das zweitgeborene Kind in die Rolle des Sündenbocks
gedrängt, dem die bittere Aufgabe zufällt, die Aufmerksamkeit
von der eigentlichen Problematik in der Familie durch sein abweichendes
Verhalten auf weniger bedrohliche Nebenschauplätze umzulenken und
damit die Familie zu entlasten. Der Sündenbock leistet damit einen
wichtigen Beitrag zum Erhalt des Familiengefüges. Dieses Kind,
das in der Fachliteratur auch häufig als „schwarzes Schaf
der Familie“ bezeichnet wird, bezieht das Chaos innerhalb der
Suchtfamilie auf sich und lebt seine Schuldgefühle und Verletzungen
durch ein feindseliges, rebellisches und trotziges Verhalten aus. Der
Sündenbock verursacht häufig Störungen, Ärger und
Sorgen. Er macht viele verbotene Dinge (z.B. Schwänzen der Schule,
Begehen von Straftaten, sehr früher Griff zu Suchtmitteln) und
erkennt keine Autoritäten an. Durch sein Verhalten provoziert er
immer wieder die Bestätigung seiner inneren Befürchtung, dass
niemand ihn lieben kann. Entsprechend sieht es dann natürlich auch
mit dem Selbstwertgefühl aller Sündenböcke aus, welches
äußerst gering ist. Das ist ihnen aber weder bewusst, noch
würden sie sich das eingestehen. Diese Kinder sind so ausgehungert
nach Aufmerksamkeit und Liebe von den Erwachsenen, dass sie sogar bereit
sind, sich auch mit negativen Zuwendungen zufrieden zu geben. Häufig
schließt ein Sündenbock sich anderen Sündenböcken
an. Ihre gemeinsame Parole könnte lauten: Wenn ihr uns schon nicht
lieben oder zumindest schätzen könnt, sollt ihr euch wenigstens
über uns aufregen oder uns fürchten. So wird der Sündenbock
für sein Verhalten zumindest von einigen Gleichaltrigen bewundert,
weil er bei ihnen den Eindruck vermitteln kann, dass er sich für
stark und unbesiegbar hält, obwohl das nicht wirklich seiner inneren
Überzeugung entspricht. Letztlich ist das Verhalten des Sündenbocks
das Ergebnis einer unbewussten Abwägung, ob es für ihn schlimmer
ist, bestraft oder überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Er nimmt
lieber die negativen Folgen seiner Handlungen auf sich. Dieses Verhaltensmuster
birgt im übrigen ein hohes Maß an Selbstzerstörung in
sich.
Hinter
der Rolle des Sündenbocks verbergen sich Gefühle von Resignation
und Depression, wobei die erdrückende Last der Verzweiflung, des
Schmerzes, des Verlassenseins, der Scham, der Einsamkeit und der Schuldgefühle
in einen Mantel eisigen Schweigens eingehüllt wird. Er kann keine
positiven Gefühle zu sich selbst entwickeln. Sein Leben ist von
Selbsthass geprägt, der sich allerdings sehr oft in Hass auf andere
äußert, wobei die Eltern und der Familienheld besonders betroffen
sind. Die daraus resultierende Wut kann der Sündenbock auch zeigen,
doch ist sie völlig unkontrolliert und undifferenziert, so dass
auch völlig Unbeteiligte darin mit einbezogen werden. Die gesamte
Palette seiner anderen Gefühle kann er hingegen kaum wahrnehmen.
Die Chancen auf ein erfolgreiches Berufsleben sind äußerst
schlecht, weil vom Sündenbock die Schule und die Ausbildung oft
vorzeitig abgebrochen werden. Kriminalität und Suchterkrankungen
sind häufig schon früh weit fortgeschritten, wobei die eigene
Suchtgefährdung durch die Erfahrung entsteht, dass ihm der Einsatz
eines Suchtmittels dabei hilft, sich positiver zu erleben. Ohne Behandlung
neigt solch ein Kind auch als Erwachsener dazu, immer in Schwierigkeiten
zu geraten.
Auf den
ersten Blick fällt es schwer, am Sündenbock etwas Gutes zu
entdecken. Doch seine Energie, sein Mut und sein Wille, nicht aufzugeben
sind eigentlich Kräfte, die in umgeformter Weise durchaus Anerkennung
verdienen. Zudem kann er gut unter Belastung arbeiten, die Realität
erkennen und anderen aufzeigen, ein Risiko eingehen und dieses ertragen.
Durch die massiven und auffälligen Symptome bekommt der Sündenbock
häufig relativ frühzeitig professionelle Hilfe. In der Therapie
hat der Sündenbock nichts als sein Elend zu verlieren. Dabei ist
es sehr entlastend für diesen Menschen, wenn er erfährt, dass
die Suchtkrankheit des Elternteils an den Problemen Schuld ist und nicht
er selbst. Alle Sündenböcke sind in der Behandlung zunächst
sehr misstrauisch, weil sie in ihrem Leben so oft verletzt worden sind.
Daher stellen sie die Therapeuten auf eine harte Probe und testen diese
ausgiebig. Denn sie wollen zunächst herausfinden, ob die Zuwendung
ihnen auch dann noch gilt, wenn sie etwas falsch gemacht haben oder
ob nicht doch alles wieder mit Vorwürfen, Ermahnungen und Bestrafungen
endet. Hinter diesem Verhalten liegt aber der verzweifelte Wunsch, vertrauen
zu können und Vertrauen zu erhalten. Da der Sündenbock sich
selbst gar nichts Positives zutraut, benötigt er während der
Behandlung starke Unterstützung und man muss ihm auch die Verantwortung
für Sachen übertragen, die man ihm eigentlich nicht zutraut.
Meistens ist er sehr wohl fähig, diese Aufgaben zu bewältigen.
Ganz wichtig ist es, ihm zu zeigen, wie er seinen Zorn weniger schädlich
für sich und andere in einer konstruktiven Weise äußern
kann.
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