Reaktion der Familie auf die Suchtprobleme








Grundsätzlich besteht eine Familie zwar aus einzelnen Personen, aber sie ist gleichzeitig ein Gebilde von sehr kompliziert miteinander verwobenen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Daher kann die Familie auch als ein System beschrieben werden, das mit einem Mobile vergleichbar ist. Kein einziges Teil kann verändert oder bewegt werden, ohne dass dieses einen Einfluss auf alle anderen Teile hat und das gesamte System verändert wird. Jede Familie ist darauf bedacht, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen allen besteht und erhalten bleibt. Durch Krisen oder abweichendes Verhalten eines Familienmitglieds kann dieser ausgeglichene Zustand erschüttert werden, eine schwere Erkrankung wie die Abhängigkeit schafft sogar ein völliges Ungleichgewicht. Die Familie baut daher um den Suchtkranken ein Verhaltensmuster auf, welches die Störungen auf ein Minimum reduzieren soll.

Der Gleichgewichtszustand im Familiensystem wird durch die Übernahme von Rollen der einzelnen Mitglieder erreicht. Jeder von uns hat oder hatte eine oder mehrere dieser Rollen in seiner eigenen Familie inne. Aber in einer funktionierenden Familie sind diese Rollen nicht starr und unveränderbar, sondern sie passen sich flexibel immer wieder den neuen Entwicklungen an. Dort können sie also ausprobiert und immer wieder getauscht werden.
In der Suchtfamilie sind die übernommenen Rollen so verfestigt, dass sie das ganze Leben prägen. Im Laufe der Zeit wird aus ihnen ein Zwangverhalten, wodurch praktisch das persönliche Wachstum jedes einzelnen Familienmitglieds behindert wird. Letztlich überlagern die angenommenen Rollen sogar die eigentliche Persönlichkeit. Dabei ist die Übernahme dieser Rollen zuerst einmal nützlich, denn nur so können die Menschen im Chaos der Suchtfamilie überleben.

Das ursprüngliche Zusammenleben einer Familie wird durch das Suchmittel grundlegend verändert, es legt die Regeln fest, nach denen alles zu laufen hat. Durch das Suchtmittel wird bestimmt, wie und über was gesprochen werden darf und welche Gefühle erlaubt sind und welche nicht. Es teilt jedem Familienmitglied neue Aufgaben zu und legt die einzelnen Rollen fest. Während das Suchtmittel als der Diktator in der Familie betrachtet werden kann, fällt dem Suchtkranken die Funktion des Generals zu, der mit allen Mitteln versucht, dessen Position zu verteidigen. Denn für den Abhängigen ist es einzig und allein wichtig, den Zugriff zum Suchtmittel zu erhalten. Der Partner versucht alles, damit die Familie nicht zerbricht und um zu retten, was noch zu retten ist. Mit Liebe, Ausdauer und Geduld muss doch eine Besserung zu schaffen sein. Zunächst zeigt er sich daher verständnisvoll, nimmt Rücksicht auf den Suchtkranken, übernimmt dessen Aufgaben mit und versucht durch Mehrarbeit den finanziellen Ruin abzuwenden. Je schwieriger und unberechenbarer die Verhältnisse werden, desto größer sind seine Anstrengungen, um diese zu meistern. Das alles führt zu einer ständigen Überforderung, auch die Gedanken des nicht-abhängigen Partners werden zunehmend vom Suchtmittel beherrscht Zudem versucht der Partner das Suchtproblem des Abhängigen durch verschiedene Hilfsangebote in den Griff zu bekommen. Diese reichen von Mitkonsumieren bis zum Vernichten, von der Kontrolle bis zum Herausfinden der Verstecke, von Entschuldigungen beim Arbeitgeber bis zur Verleugnung des Problems. Hier erlebt der Partner trotz aller Bemühungen einen Misserfolg nach dem anderen. Diese ständigen Enttäuschungen lassen das ehemalige Verständnis in Hass und Wut auf den Suchtkranken, auf sich selbst und auf die gesamte Umwelt umschlagen. Es ist klar, dass der Partner aus Verantwortung und wirklicher Liebe heraus handelt. Doch durch seine fürsorgliche Haltung ermöglicht er dem Suchtkranken erst, seinen Suchtmittelkonsum weiter fortzusetzen. Etwas überspitzt könnte man die Abläufe in einer Suchtfamilie also so beschreiben: Der süchtige Elternteil dreht sich um sein Suchtmittel. Der nicht-abhängige Elternteil dreht sich um den Süchtigen. Und um die Kinder dreht sich nichts und niemand. Die Kinder aus den Suchtfamilien passen sich an diese Situation an, indem sie ganz spezielle Rollen mit bestimmten Verhaltensweisen als Überlebensstrategie übernehmen, die bis ins Erwachsenenalter fortwirken. Die übernommenen Rollen des „Helden“, des „Sündenbocks“, des „Träumers“, des „Friedensstifters“ und des „Clowns“ sind dabei die Spiegelbilder ihrer verletzten Seelen. Durch Anklicken der LINKS in der Grafik werden diese Rollen verdeutlicht, auch wenn sie in der Realität natürlich nicht immer in dieser Klarheit vorkommen.



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