
Alltag der Kinder in einer Suchtfamilie
Für Kinder ist es unglaublich belastend, in einer Suchtfamilie
aufzuwachsen. Sie leben ständig in einer unplanbaren Stresssituation.
Die Atmosphäre dort ist durch eine ängstlich-gespannte Erwartungshaltung,
Unruhe und Ungeborgenheit gekennzeichnet. Denn der abhängige Elternteil
ist völlig unberechenbar, bei ihm kann zu jeder Zeit ein totaler
Wut- oder Gewaltausbruch wegen völliger Nichtigkeiten erfolgen.
Mit erbarmungsloser Härte und Strenge wird dann jedes Widerwort
und jeder Fehler auch mit körperlicher Gewalt bestraft, wobei die
Kinder diesen Attacken vollkommen hilflos ausgeliefert sind. Andererseits
kann der Abhängige im nüchternen Zustand sehr gutmütig,
nachgiebig, kameradschaftlich sein und die Kinder aus seinen Schuldgefühlen
heraus mit Geschenken verwöhnen. Daneben werden die Kinder auch
oft in die Rolle des Helfers gedrängt, wenn sie z.B. ihren betrunkenen
Vater handlungsunfähig und hilflos vor dem Bett vorfinden. Diese
alle in einer Person erfahrenen Extreme führen bei Kindern natürlich
zu Verwirrung, Ängstlichkeit und Misstrauen. Auch der nicht-suchtkranke
Elternteil verhält sich in den Augen der Kinder nicht richtig.
Manchmal ist sein Verhalten einfach gemein, oftmals inkonsequent und
immer sind seine Reaktionen eigentlich nicht vorhersehbar. Daher versucht
das Kind, jede Situation genau zu beobachten. Unter Missachtung seiner
Gefühle stimmt es dann sein Verhalten auf die plötzlich auftretenden
Stimmungsschwankungen in der Familie ab. Dieses Klima der Unsicherheit
hat zur Folge, dass dort kaum stabile und vertrauensvolle Beziehungen
entstehen können.
Zwischen
den Eltern herrscht dauerhaft eine feindselige Stimmung, die mit Konflikten,
Streit, sprachlichen Verletzungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen
innerhalb der Familie verbunden ist. Dabei werden die Kinder von beiden
Elternteilen als Mittel ihrer Zwistigkeiten missbraucht und gezwungen,
für eine Seite Partei zu ergreifen. Das überfordert sie und
bringt sie in einen massiven Konflikt, die Kinder fühlen sich nur
noch hin- und hergerissen. Letztlich können sie dabei aber zu keinem
Elternteil mehr eine wirklich vertrauensvolle Beziehung herstellen.
Hinzu kommt, dass Streitigkeiten zwischen den Eltern bei Kindern immer
eine Angst vor Trennung verursachen. Daneben müssen die Kinder
aus Suchtfamilien auch noch extreme körperliche Zustände des
suchtkranken Elternteils (Rausch, Entzug, Halluzinationen), nie eingehaltene
Versprechen, finanzielle Probleme bzw. Armut in der Familie und massive
psychische Belastungen (z.B. Selbstmordversuch eines Elternteils) bewältigen.
Bei solch einer geballten Belastungslage bräuchten diese Kinder
eigentlich sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit. Doch die Eltern sind
so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie die Leiden
ihrer Kinder einfach nicht beachten. Die Kinder aus Suchtfamilien leiten
daraus für sich die Botschaft ab, dass für sie in der Familie
kein Raum ist. Sie fühlen sich dann insgesamt nicht erwünscht
und völlig überflüssig. Daher bestimmt folgende bittere
Schlussfolgerung das Leben dieser Kinder:
1. Was mir passiert, ist unwichtig.
2. Was ich fühle, ist unwichtig.
3. ICH BIN UNWICHTIG.
Die Erfahrungen der Kinder in suchtkranken Familien führen dazu,
dass sie weder zu ihren eigenen Fähigkeiten noch zu anderen Menschen
ein stabiles Vertrauensverhältnis entwickeln können. Denn
sie übertragen das in der Familie zum Überleben Gelernte auf
jede mögliche Situation und auf jeden Menschen. Außerdem
steht über allen Suchtfamilien das wirklich unumstößliche
Gesetz, von dem alle Mitglieder wissen, dass sie es unter allen Umständen
befolgen müssen:
Nicht fühlen, nicht reden,
niemandem vertrauen!
Die konsequente Befolgung dieses Gesetz verhindert, dass Kinder von
Suchtkranken ihre soziale Isolation verlassen und einen Ansprechpartner
finden können. Denn offene Gespräche über die Problematik
gelten als Verrat an der eigenen Familie. So müssen sie letztlich
ganz allein mit ihren vielfältigen Schwierigkeiten fertig werden.
Sicher spielt sich der geschilderte Alltag nicht in jeder Suchtfamilie
genau so ab, aber zumindest mit ähnlichen Problemen haben die dort
lebenden Kinder jeden Tag zu kämpfen. Für ausführliche
Informationen zu den verschiedenen Belastungsfaktoren der Kinder aus
Suchtfamilien, zu den daraus folgenden Reaktionsmustern (Rollenverhalten)
oder zu den Hilfsangeboten im Suchthilfesystem klicken SIE
bitte auf den entsprechenden Link.
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