Der Held








Der Held ist oft ein Einzelkind oder das älteste Kind in der Familie und hat die Aufgabe, seine Familie mit Selbstwert zu versorgen. Dabei macht das Heldenkind es seinen Eltern sehr leicht, stolz auf ihn zu sein. Denn er ist zumeist sehr leistungsorientiert und redegewandt, gut in der Schule und er versucht, die Höhen und Tiefen in der Familie auszugleichen. Dafür übernimmt dieses Kind auch Aufgaben, die von den Eltern nicht mehr oder nur in ungenügender Weise wahrgenommen werden. Das Heldenkind glaubt, dass es das Suchtproblem in der Familie zum Verschwinden bringen kann, wenn es sich nur genug anstrengt und möglichst perfekte Leistungen auf allen Gebieten erbringt. Aber alle seine Anstrengungen reichen dafür nicht aus. Statt dieses jedoch einsehen zu können, verstärkt es seine Bemühungen nur noch mehr. Denn es glaubt, bisher lediglich versagt zu haben. Daraus entwickelt sich ein tiefgreifendes Grundgefühl der Unzulänglichkeit, das durch Schuld und tief darunter liegend durch Wut geprägt ist. Durch sein besonders erfolgreiches und untadeliges Verhalten versucht es zudem, den Makel des Suchtproblems in der Familie auszugleichen und gewissermaßen Anerkennung für die ganze Familie zu sammeln.

Nach außen hin wirken die Helden sehr diszipliniert, hochkompetent, erfolgreich, reif, verlässlich, ernsthaft und verantwortungsvoll. Dabei vermitteln sie ein Bild, als würden sie mit allen Schwierigkeiten des Lebens spielend selbst fertig. Der Gewinn aus der Übernahme dieser Rolle besteht in einem hohen Maß an positiver Anerkennung durch die Erwachsenen. Nur sehr selten wird ein solches Kind als problematisch und auffällig erkannt. Im Gegenteil, wegen seiner Qualitäten wird der Held von Erwachsenen oft sogar noch als Ersatzpartner missbraucht. Sowohl vom abhängigen als auch vom nicht-abhängigen Elternteil erfährt er nur noch eine Bedeutung als Kampfgefährte. Alles andere, was er sonst noch ist und was er sonst macht, wird unwichtig. Mit der Forderung, sich für eine Seite zu entscheiden, ist das Kind natürlich völlig überfordert. Denn es liebt beide Elternteile. Selbst viele Pädagogen benutzen den Helden, indem sie ihn als Hilfskraft einsetzen.

Hinter ihrer Fassade sind die Helden jedoch ängstliche und traurige Kinder mit einem großen Bedürfnis nach klaren Strukturen und nach Beständigkeit, die sie in ihrer Familie vergebens suchen. Deshalb bauen sie bei sich selbst auch die Fähigkeit aus, eigene Zielsetzungen mit organisatorischer Geschicklichkeit sehr diszipliniert zu verfolgen. Ohne das Gefühl, alle und alles im Griff und unter Kontrolle zu haben, geraten die Helden leicht in Panik. Daher greifen sie auch manchmal zum Mittel der Manipulation. Natürlich gestehen sie sich nicht zu, Fehler machen zu dürfen. Alle Helden haben in hohem Maß gelernt, dass man sich am besten nur auf sich selbst verlässt. Denn die Erwachsenen in ihrer direkten Umgebung können ihnen nicht die Zuverlässigkeit bieten, die sie brauchen. Die Helden geben sich also selbst den Schutz, den sie von anderen nicht bekommen. Wegen dieser Erfahrung können sie sich auch keinem Menschen anvertrauen oder diesen um Hilfe bitten. So können sie zwar sehr gut zuhören, doch es fällt ihnen unglaublich schwer, ein Gespür für die eigenen Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle zu entwickeln. Letztlich werden die kleinen Helden zu Einzelkämpfern, die sich ständig überfordern, weil sie es allen Menschen recht machen wollen und sich deshalb nur an den Bedürfnissen anderer ausrichten. Dabei können sie keine Bitte ausschlagen. So sehen sie im Leben nur Pflichten und Ernsthaftes und sind in ihrer Fähigkeit eingeschränkt, zu spielen, sich zu entspannen und einfach Spaß zu haben.

Als Erwachsener ist der Held in seinem Berufsleben meist sehr erfolgreich, kompetent und fleißig. Das fällt ihm relativ leicht, da er schon in seiner Kindheit die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung und seine Führungsqualitäten entwickelt hat. Sein Erfolg ist mit dem Bedürfnis verbunden, ständig von anderen in seinem Leistungsvermögen anerkannt zu werden. Daraus kann sich ein krankhafter Ehrgeiz bis hin zu Formen der Arbeitssucht entwickeln. Häufig wählt der Held einen helfenden Beruf und neigt auch in privaten Beziehungen dazu, sich mit einem Abhängigen zu verbinden, wo er Verantwortung, Fürsorge und damit auch die Kontrolle übernehmen kann. So tüchtig und verlässlich der erwachsene Held auch in seinem Beruf sein mag, so sind seine Möglichkeiten im gefühlsmäßigen und im sozialen Bereich doch sehr stark eingeschränkt. Er kennt so gut wie keine Entspannung, erscheint gefühlskalt, unflexibel, völlig unzugänglich und ihm fehlt die Erfahrung, jemals Kind gewesen zu sein. Seine eigene Suchtgefährdung entsteht durch die Erfahrung, dass er durch den Einsatz eines Suchtmittels eine Lockerheit und Entspanntheit erreicht, die sonst einfach nicht für ihn möglich ist.

Die Helden holen sich leider nur sehr selten professionelle Hilfe, da sie sich für alles selbst verantwortlich fühlen und so aus ihrer Situation nicht herauskommen. Bei einer Therapie verlieren sie zudem zunächst eine im Suchtsystem erworbene Rolle, die ihnen viel positive Aufmerksamkeit eingebracht hat. Wenn sie auf diesen Verlust nicht vorbereitet werden, dann werden sie oft depressiv oder wütend. In manchen Fällen wechseln sie sogar in die Rolle des Sündenbocks über. Daher muss ihnen vermittelt werden, dass es für sie nicht darum geht, ihre alten Stärken aufzugeben. Vielmehr sollen die Helden neue Stärken hinzugewinnen, um sich durch mehr Flexibilität und Handlungsalternativen vom inneren Zwang und der Getriebenheit zu befreien. Dafür müssen sie aber ihre eigenen Bedürfnisse mehr in den Vordergrund stellen und ihr Leben nicht mehr für andere leben. Es ist daher wichtig zu zeigen, dass ein gewisses Maß an Eigeninteresse gut ist. Eine Hilfe für diese Menschen kann es schon sein, wenn man ihnen hilft, mehr Raum für eigene Interessen und mehr Zeit für die Pflege von Freundschaften zu bekommen. Am schwierigsten für die Helden ist es, einen Zugang zu ihren verdrängten Gefühlen der Angst, der Schuld und der Unzulänglichkeit zu finden. Das gelingt nur, wenn sie ihre Größenphantasien aufgeben und auch ihre Schwächen akzeptieren.


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