
Der Friedensstifter
Die Rolle des Friedensstifters wird in der Fachliteratur relativ selten
erwähnt. Dieses Kind zeigt sich von den alltäglichen Ereignissen
am stärksten betroffen und wird von dem Bedürfnis angetrieben,
den Familienfrieden um jeden Preis zu erhalten. Mit Wut und Aggressionen
kann es überhaupt nicht umgehen. Zur Vermeidung von Konflikten
versucht es, die Anspannung in sich selbst und bei den anderen zu verringern.
Seine Methode liegt darin, andere zu trösten oder zu besänftigen,
bei Streitigkeiten zu schlichten und Verständnis für das Fehlverhalten
anderer zu wecken (auch wenn dieses völlig unakzeptabel ist). Dabei
bleibt der Friedensstifter sehr nett und ist immer bereit, mit anderen
zu teilen oder etwas zu verschenken. Für sein soziales Verhalten
wird er häufig belohnt und er erhält viel positive Aufmerksamkeit.
Den anderen Kindern wird er von den Eltern, den Geschwistern und von
seinen Pädagogen sogar oft als leuchtendes Beispiel vorgehalten.
Dabei übernimmt
der Friedensstifter eindeutig zu viel Verantwortung für andere,
wobei er seine eigene seelische und körperliche Gesundheit im gleichen
Maß vernachlässigt. Wegen seines hohen Einfühlungsvermögens
und weil es sich immer für andere einsetzt, ist dieses Kind sehr
beliebt. Gleichzeitig hat es aber auch die Größenphantasie,
dass es nur allein die Gefühle und Befindlichkeiten der anderen
spüren kann und deshalb auch für die passende Hilfe allein
verantwortlich ist. Seine eigenen Gefühle kann der Friedensstifter
hingegen kaum wahrnehmen und seine Bedürfnisse wertet er bis zur
totalen Selbstverleugnung ab. Durch das Lob der anderen glaubt er sich
in seiner eigenen Selbstaufgabe bestätigt, so dass er immer weiter
von sich selbst weggetrieben wird. Daher fühlt er sich oft sehr
einsam und neigt zu schweren Depressionen.
Als Erwachsener
neigt der Friedensstifter dazu, einen helfenden Beruf zu erlernen. Dabei
identifiziert er sich oftmals hochgradig mit seinem Gegenüber,
da er sich nicht gegen andere abgrenzen oder gar durchsetzen kann. Und
auch in seinen Partnerbeziehungen wählt er zumeist solche Menschen
aus, die mehr nehmen als sie zu geben bereit sind. Zur eigenen Suchtgefährdung
kommt es bei diesem Menschen, weil die Suchtmittel ihm ein Gefühl
von Sicherheit und Selbstwert geben, das er sonst in dieser Form nicht
hat. Außerdem wagt er unter deren Einfluss mehr egoistisches Denken
und Fühlen als im Normalfall. In der Behandlung muss der Therapeut
dem Friedensstifter vor allem aufzeigen, dass er auch wertvoll, wichtig
und gemocht ist, wenn er sich mal nicht um andere kümmert. Dafür
sollte er ihn darauf aufmerksam machen, dass kein Mensch die Last der
Welt einzig und allein auf seinen Schultern tragen muss. Hier ist jedoch
äußerste Vorsicht geboten, damit beim Friedensstifter nicht
das Gefühl aufkommt, jetzt völlig überflüssig zu
sein und alles falsch gemacht zu haben. Daneben muss natürlich
auch an den Themen Wut und Aggression gearbeitet werden. Denn alle Friedensstifter
fürchten, die Liebe des anderen zu verlieren, wenn sie mal wütend
sind und dieses auch zeigen. Es ist die Aufgabe des Therapeuten, ihnen
zu zeigen, dass diese Konsequenz des Beziehungsabbruchs nicht immer
und automatisch eintritt. Denn konstruktive Wut kann sehr wohl ausgehalten
werden.
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