Der Clown








Die Rolle des Clowns wird oft vom letztgeborenen Kind einer Familie besetzt. Seine Aufgabe besteht darin, durch die Produktion von lustigen Einlagen die Spannung in der Familie zu nehmen, die bedrückende Atmosphäre aufzuhellen und die Familie aufzuheitern. Er hat für die Stabilität des Systems eine hohe Bedeutung. Denn zum einen hält der Clown seiner Familie die Möglichkeit offen, sich weiterhin einreden zu können, dass alles in Ordnung ist, da dieses Kind doch wohl nicht so unbeschwert sein könnte, wenn es tatsächlich große Probleme in der Familie geben würde. Zum anderen sorgt er für einen wichtigen Gegenpol im niedergeschlagenen Familienverbund, in dem es sonst nicht viel zu lachen gibt. Der Clown ist der „Sonnenschein“ und das „Maskottchen“ der Familie, so wird seine Rolle auch manchmal in der Fachliteratur bezeichnet. Insgesamt wirkt er unreif, schutzbedürftig und einfach süß, so dass er von allen verwöhnt wird.

Hinter dieser Fassade der Heiterkeit steckt beim Clown das Grundgefühl einer großen Angst, von den geliebten Menschen verlassen zu werden. Daher lenkt das Kind die Aufmerksamkeit der anderen immer wieder auf sich. Daneben ist dieses Kind stark verunsichert und leidet unter massiven Selbstzweifeln, weil es die Spannung in der Familie zwar spürt, aber nicht versteht, woher sie kommt, da es häufig noch zu jung dafür ist. Daher versucht der Clown durch seine Ablenkungsmanöver dieser diffusen Bedrohung zu entgehen. Letztlich umgehen die Clowns alle Probleme, anstatt aktiv mit ihnen umzugehen.

Für die Gleichaltrigen zeichnet sich der Clown durch seine Schlagfertigkeit und Albernheiten aus, die aber häufig überzogen und gekünstelt wirken. Dadurch macht er sich bei den anderen durchaus als charmanter, humorvoller und geistreicher Gesellschafter beliebt. Aber leider reagiert er auch in zwanghafter Weise auf Situationen mit Witzen und Sprüchen, bei denen dieses absolut nicht angemessen ist. Daher wird er von den anderen selten wirklich ernst genommen und bekommt letztlich keine Anerkennung für sich als Person. Das führt dazu, dass er in seinen Gefühlen gestört bleibt und sich nicht einmal selbst annehmen kann. Durch dieses Verhalten erscheint der Clown auch noch als nicht fürsorglich, nicht einfühlsam und nicht hilfsbereit, obwohl er in Wirklichkeit ein Gefühlsmensch ist, der sich immer um andere kümmert und der sich für alle und alles überverantwortlich fühlt.

Der Clown hält sich und sein Verhalten selber nicht aus. Er kann sich nicht sammeln, er vermeidet es, in sich hinein zu schauen und er ist oft nur zu einer kurzen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne fähig. Meistens fängt er dann an zu zappeln, besonders wenn es in der Gruppe Spannungen gib, mit denen er überhaupt nicht umgehen kann, da er in seinem Leben bisher keine Problem- oder Konfliktlösungsstrategien entwickelt hat. Dieses zappelige Verhalten kann sich verselbständigen und bis zur Hyperaktivität (Zappelphilipp) steigern, die häufig mit Medikamenten bekämpft wird. Dabei lernt das Kind frühzeitig, dass man sein Befinden mit Hilfe von chemischen Substanzen verändern kann. Sie verschaffen ihm eine kurzzeitige Entspannung und helfen scheinbar, seine Angst zu reduzieren. Das birgt aber ein hohes Suchtrisiko in sich, da sich bei der unkontrollierten Weiterfolgung dieser Strategie leicht eine Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit einstellen kann.

Als Erwachsener ist der Clown oft im Mittelpunkt jeder Gruppe. Steht er mal nicht im Zentrum, so fühlt er sich einsam und völlig verloren. Daneben hat er große Schwierigkeiten mit der Verarbeitung von Stress, was häufig zu Magengeschwüren führt. Außerdem ist bekannt, dass der Clown sich meistens einen Helden als Lebenspartner sucht, um versorgt zu sein. Bei einer amerikanischen Untersuchung unter erwachsenen Schizophrenen wurde herausgefunden, dass überproportional viele Menschen von diesem Krankheitsbild mit einer auseinanderfallenden Persönlichkeit und Wahnideen betroffen sind, die als Kinder die Clownsrolle in einer Suchtfamilie übernommen hatten. Der genaue Zusammenhang ist jedoch noch nicht wissenschaftlich geklärt. Im übrigen wird der Clown ohne professionelle Hilfe nie richtig erwachsen. Begibt er sich in Behandlung, so muss er die Sicherheit spüren, dass er auch mit seiner Angst als vollwertiger Mensch wahrgenommen wird. Dann wird er auch nicht mehr sofort alles ins Lächerliche ziehen. Daher ist es vor allem wichtig, positiv auf seine ernsthaften Seiten zu reagieren. Das zweite große Problem für den Clown sind die Spannungen, die er nur sehr schwer aushalten kann. Daher muss er lernen, wie er sich entspannen kann. Dann werden viele seiner Symptome automatisch weniger. Bis der Clown sich selbst ernst nimmt und seine Sprunghaftigkeit abbaut, dauert es aber eine lange Zeit. Der Witz und der Charme des Clowns sollen natürlich als seine wichtigsten Stärken in der Therapie erhalten bleiben. Sie helfen ihm, seinen Platz als reifer, erwachsener Mensch in der Gesellschaft einzunehmen, der unabhängig von der Meinung anderer ist. Außerdem kann man dem Clown helfen, indem man sein Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen und Gefühle wachsen lässt.

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